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Der Lebensphase Alter Gestalt geben
alternovum Ausgabe 1/2020

Zwischen Aktivität und Sorge

Der Lebensphase Alter Gestalt geben. - Ein Beitrag von Prof. Dr. Thomas Klie.

München, 12. März 2020

Die Idee der Kindheit ist eine der großen Erfindungen der Renaissance, »vielleicht ihre menschlichste«, formulierte Neil Postman (Postman 1992). Erst im 19.?Jahrhundert wurde sie zur gesellschaftlich ausgestalteten eigenen Lebensphase, vor allem, weil junge Menschen nicht mehr als »kleine Erwachsene« gesehen wurden und ihnen Raum zur Entwicklung und Entfaltung ihrer Persönlichkeit gegeben wurde.

Im 21.?Jahrhundert haben wir die Chance und sind wir herausgefordert, der historisch noch jüngeren Lebensphase Alter – die von Erwerbsarbeit befreit ist – eigenständig Gestalt zu geben. Vielleicht auch mit dem Ziel, die Idee und die Wirklichkeit des Alters als menschenfreundliche Aufgabe des beginnenden dritten Jahrtausends zu begreifen!

Wir sind auf dem Weg in eine Gesellschaft des langen Lebens. Wir empfinden es als Geschenk, unser Alter leben zu können. Noch nie ging es einer Generation Älterer so gut wie der heutigen. »Hauptsache, gesund, alles andere kannst du vergessen«, lässt Peter Gaymann zwei alte Männer an einem Kneipentisch im DEMENSCH-Kalender sagen, mit dem wir beide zu einem menschenfreundlichen Humor im Umgang mit Demenz einladen. Dieser Wunsch ist längst kein frommer mehr: Die meisten älteren Menschen erfreuen sich vergleichsweise guter Gesundheit. Die Gesundheits- und Anti-Aging-Industrie kümmert sich um sie. Fitnesscenter für die Älteren sprießen aus dem Boden, und es ist gut so, dass sich die ältere Generation um ihre körperliche und geistige Aktivität bemüht – solange nicht alle Gedanken um die eigene Gesundheit kreisen. Auch das Engagement für andere, ob in Familie, Freundeskreis oder politisch, kulturell, sozial, hält gesund - psychisch und physisch. Noch nie haben sich so viele ältere Menschen engagiert wie heute. Dennoch lässt sich nicht leugnen: Das Geschenk des langen Lebens wird für viele mit zunehmendem Alter von gesundheitlichen Einschränkungen und chronischen Beschwerden geprägt. Die Biologie ist keine Freundin des Alters. Das Alter und das Älterwerden lehren uns, dass wir unsere Vorstellungen von Gesundheit ändern müssen. Für den Theologen Hans-Martin Rieger ist Gesundheit die Kraft und Fähigkeit zum Menschsein in Krankheit. An einer Vorstellung von Gesundheit, wie sie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) formuliert wurde, kann man im Alter nur scheitern: »… ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen« (WHO 1946). Viele Menschen haben die Kraft zum Menschsein auch angesichts mancher Krankheiten und gesundheitlicher Ärgernisse. Sie meistern ihr Alter. Es bleibt aber für viele die Furcht vor einem Alter, das begleitet wird von Demenz und Pflegebedürftigkeit und unter Rahmenbedingungen gestellt ist, die die Kraft zum Menschsein nehmen. Wird für mich gesorgt sein, wenn ich Hilfe benötige? Und dies unter menschenwürdigen Bedingungen? Diese Fragen wissen viele nicht zu beantworten.

Weltweit wurde das Leitbild des aktiven Alters ausgegeben. Die produktiven und kreativen Seiten des Alters werden zum Glück erkannt und auch von vielen Menschen angenommen. Wir alle können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass sich die Altersbilder in der Gesellschaft ändern und wir differenzierter über das Älterwerden und das Altsein miteinander im Gespräch sind. Differenzierte Altersbilder tragen dazu bei, dass wir die Potenziale des Alters erkennen und nutzen, wo immer möglich. Unser Wissen über das Alter widerlegt viele Vorurteile und Stereotypen: von wegen »altes Eisen«, von wegen nicht mehr dazulernen können. Es gilt, den weit verbreiteten Bildern vom (passiven) Ruhestand, vom »Pflegefall«, von der »Alterslast« entgegenzutreten. Auch im Alltag der Wohnstifte. Es bleibt aber die Frage der »Sorge«: »Who cares?«  Wer kümmert sich um Menschen, die allein nicht zurechtkommen, wenn sie krank sind, die zu vereinsamen drohen, die Hilfe benötigen? In unserer auf Leistung orientierten Gesellschaft, die von uns eine hohe Flexibilität in der Lebensführung und im Lebenslauf verlangt, ist es nicht einfach, die Sorge für Menschen, die verletzlich sind, zu gestalten und sicherzustellen – aber ebenso wenig, Hilfe zu akzeptieren. Im 6. Altenbericht haben wir in einer Ethik des Alters nicht nur die Selbstständigkeit, die Selbst- und Mitverantwortung sondern auch die Akzeptanz von Abhängigkeit als bedeutsame Dimension gelingenden Alters beschrieben – für viele die schwierigste Lektion des hohen Alters. KWA bemüht sich von Anbeginn an, das Leitbild des aktiven Alters und eine Sorgekultur miteinander zu verbinden. 

Viele Menschen haben die Kraft zum Menschsein auch angesichts mancher Krankheiten und gesundheitlicher Ärgernisse. Sie meistern ihr Alter.

Prof. Dr. Thomas Klie, Gerontologe

BUCHTIPP

Thomas Klie: Wen kümmern die Alten

München, Droemer TB, 2019

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