Hartmut Remmers: Problematisch wird es dann, wenn persönliche Beziehungen in elementaren Bereichen technisch ersetzt werden sollen

KWA Symposium 2015: Lebensdienliche Sicherheit durch Hightech!?

alternovum 1/2015

Unterhaching, 16.02.2015.


Ethische Aspekte beim Einsatz von technischen Assistenzsystemen für ältere Menschen beleuchtete Professor Dr. Hartmut Remmers. Erkenntnisse, die mit dem niedersächsischen Forschungsverbund GAL (= Gestaltung altersgerechter Lebenswelten) gewonnen wurden, besagen: Ein durch assistive Technologien zu erzielende Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung und häufig auch der Lebensqualität ist gesellschaftlich erwünscht. Informations- und Kommunikationstechnologien werden auch von älteren Menschen zunehmend als Mittel der Aufrechterhaltung des selbstständigen Lebens in der häuslichen Umgebung betrachtet.

Technische Eingriffe in der häuslichen Umgebung beeinflussen die Wahrnehmung des Bewohners, verändern das Gefühl der Privatheit und der damit assoziierten Rückzugsmöglichkeiten, seien daher unter psychologischen, sozialen und ethischen Aspekten kritisch zu betrachten, sagt Remmers. Und: "Das Ausmaß des Datenflusses scheint vielen nicht bewusst zu sein."

Inwieweit vertragen sich fortlaufende Observationen und technische Kontrollen mit unseren Vorstellungen von menschlicher Würde und persönlicher Autonomie? Nach einem Exkurs zur antiken Stoa, zum Natur- und Völkerrechtler Pufendorf und zum Philosophen Immanuel Kant in Bezug auf den Würdebegriff erklärte der Pflegewissenschaftler: „Am wenigsten problematisch erscheint mir der Aspekt möglicher Rationalisierung, wenn Zeitersparnisse zugunsten größerer Zeitreserven des Pflegepersonals für besonders versorgungsbedürftige Menschen genutzt werden können. Problematisch wird es dann, wenn persönliche Beziehungen in elementaren Bereichen technisch ersetzt werden sollen."

Er empfiehlt einzelfallorientierte Lösungen, behutsame Abwägungen. Dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit müsse unbedingt Geltung verschafft werden, das schließe den Schutz der Privatsphäre, auch ein Abwehrrecht gegen Technik ein. Ein ebenso wichtiges Schutzinteresse bestehe jedoch für Leib und Leben. – Hier zeigen sich klassische Konflikte: Autonomieansprüche auf der einen Seite, Fürsorgeansprüche auf der anderen Seite. Remmers empfiehlt, verschiedene Perspektiven bei der Beurteilung einzunehmen.

Die Unmenge der Daten, die von technischen Systemen gewonnen werden, stellt Remmers genauso kritisch heraus wie den Einsatz von Therapierobotern. Die Plüschrobbe PARO sei ein Artefakt, erzeuge eine künstliche emotionale Welt. PARO wohne ein Täuschungscharakter inne. Studien zu vermindertem Stress und vermindertem Einsamkeitsgefühl durch PARO seien nicht belastbar. Remmers empfiehlt deshalb, den Einsatz von PARO zu begrenzen.

Die Entwicklung und Anwendung von Assistenzsystemen sollte auf das Potenzial alter Menschen ausgerichtet sein, ihre Interessen und Wünsche müssten beachtet werden, im Falle kognitiver Einschränkungen ihre interpretierbaren Wünsche. Wünsche nach psychischer, physischer und emotionaler Entlastung in häuslichen Versorgungssystemen erscheinen dann als berechtigt, wenn sie psychische und physische Grenzen eines Betreuenden anzeigen.

Der Pflegewissenschaftler wünscht sich von Entwicklern Technik mit modularen Komponenten. Der Wert technischer Assistenzsysteme bemisst sich für ihn daran, inwieweit sie den Mix aus familiärer, bürgerschaftlicher und professioneller Pflege unterstützen können im Hinblick auf ein Gesamtversorgungskonzept. Remmers plädiert dafür, dass Betroffene, Pflegende und Entwickler von Assistenzsystemen in einen dauerhaften Austausch treten.

sh

Prof. Dr. Hartmut Remmers, Professur für Pflegewissenschaft an der Universität Osnabrück, Fachbereich Humanwissenschaften

 

 

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