Markus Leser: Technik kann Pflege entlasten, nicht ersetzen

KWA Symposium 2015: Lebensdienliche Sicherheit durch Hightech!?

alternovum 1/2015

Unterhaching, 14.02.2015.


Chancen und Gefahren neuer Technologien in der Langzeitpflege standen im Fokus der Betrachtungen von Dr. Markus Leser. Das „Swiss eHealth Barometer", eine alljährliche Umfrage, hat ergeben, dass sich immerhin die Hälfte der Pflegeinstitutionen für eHealth interessiert. Bei der nationalen Strategie „eHealth Suisse" zu den elektronischen Gesundheitsdiensten habe der Bund für die Umsetzung eine Menge Geld in die Hand genommen: 30 Millionen Schweizer Franken. Für die Palliative-Care-Strategie und für die Demenz-Strategie gebe es hingegen überhaupt kein Budget.

Laut Leser sprechen wir heute nicht mehr von Mensch oder Technologie, sondern von einer Verschmelzung von Mensch und Technologie. Der englische Zukunftsforscher Ian Pearson gehe noch einen Schritt weiter, habe in einem Interview gesagt: „Irgendwann einmal werden 90 oder 99 Prozent unseres Denkens nicht mehr in unserem Kopf stattfinden, sondern in einer Cloud. Wenn der Körper dann, etwa bei einem Flugzeugunglück, stirbt, geht das Leben weiter. Man kauft sich dann einen humanoiden Roboter und nutzt diesen fortan als seinen Körper." – Schöne neue Welt?

Als Anwendungsbeispiel für die Pflege beschrieb Leser ein europäisches AAL-Projekt zur Entwicklung von Venenkompressionsstrümpfen. Die Idee war, einen normalen Strumpf zu entwickeln, der sich erst nach dem Anziehen über Sensoren aufbläst und den Druck auf das Bein überträgt. Das Produkt funktioniert, ist aber nicht im Einsatz. – Das Blasgeräusch wird als peinlich empfunden, keiner möchte das tragen. Lesers Kritik: „Wir als Fachpersonen ge-hören an den Anfang, müssen die Perspektive des Nutzers einbringen."

CURAVIVA Schweiz hat durch die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften abklä-ren lassen, welche Faktoren bei Pflegenden zur Akzeptanz von neuen Technologien eine Rolle spielen. Dabei hat sich gezeigt, dass sie abhängt von Faktoren wie Vorerfahrung, Sinnhaftigkeit, Freiwilligkeit, Know-how, Ergebnisqualität, Mehraufwand, Nutzen und Alter. Eine Harvard-Studie habe ergeben, dass Widerstand gegen Technikeinsatz überall da besteht, wo es um menschlichen Kontakt und Zuwendung geht: vor allem bei Nahrungsverabreichung, bei Demenzbetreuung und bei Grundpflege. Akzeptanz sei da, wenn es um Dokumentation oder schwere körperliche Arbeit geht, als Entlastungsfunktion. Lesers Fazit: „Technik kann Pflege entlasten, nicht ersetzen."

Der Status Quo bei Funknetzwerken in Heimen ist für Leser unbefriedigend. „Das kommt mir so vor, als ob ein Autohersteller heute noch überlegt, ob er ein Radio einbauen soll oder nicht." Die größte Schwierigkeit sieht der Schweizer Referent jedoch in der fehlenden Vernetzung von Betriebssystemen, in fehlenden EDV-Betriebskonzepten. Er kenne jedoch ein Alters- und Pflegeheim, bei dem es anders sei. Der Chef kommt aus der Technikbranche, hat von Anbietern technischer Produkte und Systeme eine kommunizierende Plattform verlangt. Leser sagt: „Heute ist es oft so, dass sich die Verwaltung den Produkten anpassen oder die Schnittstellen definieren muss. Das ist der falsche Weg."


Lesetipp: Dossier "Assistierende Technologie", auf der Website von CURAVIVA Schweiz


sh

Dr. Markus Leser, Gerontologe, Leiter des Fachbereichs Alter bei CURAVIVA Schweiz – Verband Heime und Institutionen

 

 

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