Thomas Klie: Technik stößt an Grenzen, wenn sie Soziales nicht berücksichtigt

KWA Symposium 2015: Lebensdienliche Sicherheit durch Hightech!?

alternovum 1/2015

Unterhaching, 13.02.2015.


Justiziar und Gerontologe Professor Dr. Thomas Klie würdigte zunächst den verstorbenen Gerontologen und ehemaligen KWA Vorstandsvorsitzenden Helmut Braun: Mit ihm wurde das KWA Symposium vor 13 Jahren entwickelt.

Den ersten Teil seiner Ausführungen stellte Klie unter die Überschrift „Technik als Trend und Markt". Dabei gehe es um Selbstständigkeitserhalt durch Technikeinsatz, Lebensqualitätsgewinn, die technische Kompensation von Funktionseinbußen, den Ersatz von Humandienstleistungen, Wege der Ambulantisierung und der Ambientisierung, jedoch auch um Rationalisierung. Klie sieht einen deutlichen Rationalisierungsdruck der Kostenträger und gesundheitsökonomische Fehler, beispielsweise bei der GKV, mit falschen Anreizen zum Einsatz von Technik.

Die pflegewissenschaftliche Diskussion unterscheidet laut Klie zwischen anwendungsbezo-genem und therapiebezogenem Technikeinsatz, zum Beispiel mit der häuslichen Infusions-therapie oder der häuslichen Beatmungstherapie – damit werde viel geleistet, das sei aber auch teuer. „Telemonitoring und Heimdialyse setzt sich nicht durch, weil andere Interessen im Spiel sind", so Klie.

Zum umweltbezogenen Technikeinsatz nannte er häusliche Alarm- und Notrufsysteme, intel-ligente Haussteuerung, Hausroboter und GPS Systeme. Zum pflegebezogenen Technikeinsatz führte Klie Beispiele zur Pflegeerleichterung an – Closomat, Sprühdusche und Inkontinenz-sensor. Aus der Sicherheitsperspektive seien Sensormatten oder Personenortungsanlagen zu sehen. Jeder Pflegebedürftige ist ein Mensch mit Behinderung. Klies Überzeugung: „Für Menschen mit Behinderung geht es um Autonomie in der Lebensführung und die Sicherung der selbstständigen Lebensführung. Technik kann dem dienen."

Als einen von zwei zentralen Diskursen sieht der Gerontologe Verantwortungsethik beim chronisch kritischen Patienten, beispielsweise einem beatmeten Patienten. Technik ermögliche da viel. Doch wer ist verantwortlich für die eingesetzte Technik? Es gebe auch eine neue epidemiologische Medizin. Untersuchung und Krankheit werden in eine Kette von Risiken überführt. „Als könnten wir wirklich vorsorgen. Technik unterstützt möglicherweise eine solche Sichtweise."

Die Risikoreduzierung steht beim Einsatz von Technik auf der einen Seite, auf der anderen Seite ein Leben in Intimität. Intimität sei bedeutsam. Thomas Klie sagt: „Wer keine Geheimnisse hat, hat Probleme mit seiner Identität.“ Dabei geht es auch um Würde. Und: „Wir sind Menschen, die in Beziehung zueinander stehen. Wir leben in Sorgebeziehungen. Technik stößt an Grenzen, wenn sie Soziales nicht berücksichtigt." Humanoide Roboter, die Robbe Paro und das künstliche Haustier Pill Pet sieht der Gerontologe kritisch, seien mit Teddys und Puppen für Kinder nicht gleichzusetzen.

Laut Klie darf Technik nie Selbstzweck sein, darf Teilhabe nicht ersetzen, sollte sie sichern, sollte allen zugutekommen. Doch kann Technik wirklich lebensdienlich sein? Dazu sagt Klie: „Im Prinzip ja. Ja zur Innovation. Technik ist auch eine Antwort auf den sozialdemografischen Wandel. Sie kann einen Beitrag zur nachhaltigen Sicherung von Wohlfahrt leisten, eröffnet auch die neue Verortung in einer Welt, die größer geworden ist."

sh

Prof. Dr. Thomas Klie, Gerontologe und Professor für öffentliches Recht und Verwaltungswissenschaft an der Evangelischen Hochschule Freiburg

 

 

Eine Registrierung ist zur Kommentarabgabe nicht erforderlich. Und so geht's: Geben Sie zunächst Ihren Text ein, klicken dann auf den Pfeil. Im ersten erscheinenden Feld Ihren Namen eintragen, im zweiten Ihre E-Mail-Adresse. Nun noch per Klick "Ich schreibe lieber als Gast" aktivieren. Mit erneutem Klick auf den Pfeil abschicken. Fertig. Ihre E-Mail-Adresse wird auf der Website nicht sichtbar sein.

unsere Leserkommentare werden geladen...

alternovum. Das KWA Journal bequem nach Hause

Wer bisher das KWA Journal abonniert hatte, erhält künftig "alternovum. Das KWA Journal". Wenn Sie alternovum neu abonnieren möchten, können Sie dies gerne über unser Bestellformular tun. "alternovum. Das KWA Journal" erscheint dreimal im Jahr. Wir versenden es kostenlos an Interessierte.