Hundert – na und?

Besuch bei einer 100-Jährigen

alternovum 1/2016

Bad Dürrheim, 07.01.2016.

Hundert – na und?
"Ich hab aufs Alter gar nicht geachtet"

Wir alle interessieren uns brennend für Rezepte zu einem langen Leben bei guter Gesundheit. Mit rüstigen Hundertjährigen darüber zu  reden, scheint vielversprechend. KWA hat dies bereits in Bad Nauheim getan und im ersten Beitrag zur Serie „Hundert – na und?“ erste Erkenntnisse beschrieben. Nun hat sich alternovum-Chefredakteurin Sieglinde Hankele auf den Weg ins KWA Kurstift Bad Dürrheim gemacht und dort mit der 100-jährigen Bewohnerin Elisabeth Braun gesprochen.


Elisabeth Braun ist drei Monate vor ihrem 99. Geburtstag ins Wohnstift gezogen, konnte dort im Sommer 2015 den 100. feiern: ohne nennenswerte körperliche oder geistige Einschränkungen. Auch im Januar 2016 ist ihr eine erstaunliche physische und psychische Präsenz zu bescheinigen. Das ist schon bei der Begrüßung zu erkennen. Sie hat mich erwartet, den Termin nicht vergessen, und zeigt einen sicheren Gang, als sie mich in ihr Wohnzimmer führt. Ja, sie trägt eine Brille und hat einen Schatten auf einem Auge. Und ja, sie kann manche Frage nicht beantworten, hat Erinnerungslücken. – Doch nicht, weil sie verwirrt wäre, sondern weil manches schon so lange her ist. 

Geboren ist sie in Worms am Rhein. Ihre erste Arbeitsstelle war ein Lebensmittelgeschäft in Herrnsheim. Und dort hat sie auch ihren Mann kennengelernt: Als er sie auf der Straße gesehen hat, hat er wohl zu seiner Mutter gesagt: Die ist es. Und noch am gleichen Tag hat er sie am Bahnhof angesprochen: die Liebe seines Lebens. Nach einer angemessenen Zeit des Kennenlernens wurde Hochzeit gefeiert. 

Er stammte von einem Bauernhof, durfte jedoch die höhere Schule besuchen. Da er sein Abitur mit Auszeichnung bestanden hatte, fand er eine gute Stelle: bei der Stadtverwaltung in Worms. Das Glück schien perfekt als Sohn Volker geboren wurde. Doch der junge Vater musste in den Krieg, und kam in Kriegsgefangenschaft, nach Amerika. In dieser Zeit musste Elisabeth selbst für sich und den Sohn sorgen. Die Großeltern hatten eine Wohnung im gleichen Haus, passten auf den Buben auf. Sie bewarb sich bei Kaufhof, und wurde tatsächlich genommen. Wie ihr die Arbeit dort gefallen hat? Elisabeth Braun sagt: „Das hat zu mir gepasst. Der Umgang mit Menschen.“ Sie hat in verschiedenen Abteilungen gearbeitet – dort, wo sie gebraucht wurde. 

Als sie eines Tages die Tür geöffnet hat, den etwa 4-jährigen Volker an der Hand, hat sie den Mann, der da stand, erst nicht erkannt. Doch es war ihr Mann. Da er gut Englisch konnte, war es ihm in Kriegsgefangenschaft nicht schlecht ergangen: Er hatte für die amerikanischen Streitkräfte als Übersetzer gearbeitet. 

Und später, als es in Deutschland wieder aufwärts ging und das Wirtschaftswunder in den Sechzigern einsetzte? Urlaub in Italien oder sonst wo haben sie nie gemacht. „Aber gewandert sind wir gerne und viel: im Odenwald und im Pfälzer Wald.“ Daran erinnert sie sich noch gerne. Und woran noch? – Sie schwärmt: „Ich bin immer sehr gerne schwimmen gegangen, über die Sandbank in den Rhein. Schon als Kind. Das war eine schöne Zeit.“

Im hohen Alter Worms zu verlassen, fiel ihr schwer. In den drei Jahren vor ihrem Einzug ins Kurstift hat sie hier jeweils für zwei Wochen Urlaub gemacht: Weil ihr Sohn in Schwenningen wohnt. Dass sie dann nach Bad Dürrheim zog, war also nicht ganz abwegig. Auch die beiden Enkelsöhne und die Urenkelin wohnen in Baden-Württemberg. 

Inzwischen hat sich die Seniorin ganz gut eingefunden: Frühstück lässt sie sich in die Wohnung bringen, zum Mittagessen geht sie ins Stiftsrestaurant. Und abends? „Da brauch ich nicht viel. Ein Brot und ein wenig Obst.“ – Das klingt gesund und vernünftig. Und sie zeigt auch auf ihre Obstschale, in der eine Banane, ein paar Äpfel und Orangen liegen. 

„Ich hab nie so viel gegessen“, verrät sie. „Und immer nur das, was mir schmeckt. – Als ich selbst Geld verdient habe und meine Mutter etwas gekocht hat, was ich nicht mochte, bin ich in die Stadt gegangen und hab mir etwas anderes gekauft.“ Dass sie in punkto Essen immer auf ihren Körper gehört hat, ist ihr gut bekommen: Sie ist schlank, aber nicht dünn, hat auch keinen Witwen-Buckel. 

Das Wenige, was sie für ihren Kühlschrank braucht, kauft sie auch heute noch selbst ein: Wenn etwas fehlt, macht sie sich auf den Weg ins Zentrum von Bad Dürrheim: zu Fuß – ohne Gehhilfe. Auto gefahren ist sie nie. „Davor hab ich mich ein wenig gefürchtet.“ 

Einen Mittagsschlaf hält sie nicht, sie geht nach dem Mittagessen – bei gutem Wetter – lieber ein wenig spazieren. Für das, was in der Welt passiert – und speziell in ihrer früheren – interessiert sie sich noch immer: Sie liest täglich die Wormser Zeitung, die hat sie abonniert. Einen Fernseher hat sie auch, doch sie schaltet nicht groß rum. Wenn sie das, was gerade kommt, interessiert, schaut sie sich’s an. Andernfalls schaltet sie ab. Veranstaltungen im Wohnstift besucht sie auch. – Anderthalb Stunden nach dem Gespräch sehe ich sie im Festsaal beim Neujahrskonzert: Sie lauscht den Klavierklängen von Georgi Mundrov.

Meine letzten beiden Fragen gelten explizit der Hochaltrigkeit. Die erste: „Sind Ihre Eltern auch schon so alt geworden?“ Da muss die Hochbetagte kurz nachdenken, sagt dann: „Meine Eltern? Schreiben Sie, über achtzig. Genau, weiß ich es nicht mehr. Das ist ja schon so lange her.“ Die zweite Frage: „Was denken Sie, weshalb Sie dieses hohe Alter erreicht haben?“ Danach halte ich die Luft an – und muss schmunzeln, als die Antwort kommt: „Ich hab aufs Alter gar nicht geachtet. Auf einmal war es da.“

Sieglinde Hankele

Die hundertjährige Elisabeth Braun in ihrem Wohnzimmer im KWA Kurstift Bad Dürrheim
Elisabeth Braun als Braut

 

 

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