Pfarrer Schießler über eine Erfolgsgeschichte und die Josefsgeschichte

KWA Exklusiv-Interview mit dem Münchner Stadtpfarrer Rainer Maria Schießler

alternovum 1/2017

München / Unterhaching, 31.03.2017.

Von Sieglinde Hankele.


In den Jahren 2014 und 2015 gab es in der Heilig-Geist-Kirche in München einen „Lebenden Adventskalender“. An jedem Abend war ein anderer Künstler zu Gast. Ich erinnere mich an Konstantin Wecker am Piano und an Michaela May am Lesepult. Keiner hat ein Honorar bekommen, die Spenden der Kirchenbesucher waren für gute Zwecke. Dabei kamen schöne Summen zusammen. Im ersten Jahr für Flüchtlinge, im zweiten Jahr für verschiedene soziale Einrichtungen. Wieso wurde dieses außerordentlich erfolgreiche und beliebte Format im vorigen Jahr nicht fortgeführt?

Das müssen Sie andere fragen. Abgemacht war, dass wir uns nach dem Oktoberfest beim Generalvikar treffen, um über die Vermarktung des Adventskalenders zu sprechen. In der Zeit als ich Urlaub hatte, um auf der Wiesn zu bedienen, hat man sich jedoch ohne mich getroffen und beschlossen, dass er nicht mehr stattfindet. Ohne mit mir darüber zu reden. Und dann kam ich von der Wiesn und stand da. Ich bin an dieser Stelle von der Kirche tief verletzt worden. Und das hab ich auch gesagt. 

Haben Sie an diesem Punkt überlegt, von München wegzugehen? Oder ein Sabbatical zu nehmen?

Ich hätte die Stelle wechseln können. Aber es war keine da, die mich interessiert hat. Ein Sabbatical zu nehmen hätte bedeutet, sich rauszunehmen. Aber ich bin ja nicht auf der Flucht. – Es gab durchaus Momente, wo ich mir dachte: Ich mag nicht mehr. Aber da waren wichtige, tolle Menschen um mich herum. Und ich hab mir überlegt: Für wen bist du da? Und für wen gehst du weiter? – Und was für ein Vorbild wäre ich denn, wenn ich alles stehen und liegen lasse, was ich hier aufgebaut habe?

Werden Sie versuchen, den „Lebenden Adventskalender“ wiederzubeleben? – Gemeinsam mit Menschen, die Sie unterstützen?

Es ist die Frage, ob ich noch die Liebe dazu habe. Wenn die Liebe fehlt, ist es nur operatives Tun. Man hat mir viel damit kaputt gemacht. Auch meine intensive mentale Beziehung zu Heilig Geist. – Ich werde oft darauf angesprochen. Und dann sag ich: Schreibt einen Brief, damit ihr ein Votum abgebt und man merkt, wie die Stimmung ist. Es gibt viele Briefe. Aber Kirche ist gut im totschweigen. – Wir hatten mit diesem Format eine Gottesdienstform geschaffen, die auch Menschen anspricht, die weit von der Kirche weg sind. So haben sie die Möglichkeit gehabt, sich in einer Kirche aufzuhalten und nicht bedrängt zu fühlen von irgendwelchen Riten oder Etiketten. Sie durften Kirche als Lebensraum erfahren, der sich unterscheidet von jedem Konzerthaus, von jedem Wirtshaus, von allem anderen. Das war ein besonderer Rahmen, kontrastiert von den Darbietungen – von der klassischen Musik bis zur Spider Murphy Gang. Das war der große Wurf, wir haben ganz viel Post bekommen. Und der Höhepunkt war Heiligabend. Da haben die Jugendlichen vom Jugendchor der Staatsoper gesagt: Das war unser Weihnachtsgottesdienst. – Dass man all diese Menschen stehenlässt, kann sich Kirche doch heute nicht mehr leisten.

Warten Sie darauf, dass das Ordinariat auf Sie zukommt?

Nein. Die Dinge kommen, so wie sie kommen sollen. Das Leben lebt sich selbst. Vorsehung heißt nicht, dass jemand anders für mich bestimmt. Vorsehung heißt, dass nichts in meinem Leben passiert, was nicht eine Bestimmung für mich hätte. Alles, was passiert, gehört zu mir. – Wenn die, die den Adventskalender beendet haben, kämen, wäre das eine Josephsgeschichte. Die Brüder haben den Joseph in den Brunnen geworfen und ihn später nicht erkannt, als Hungersnot war und sie ihn um Nahrungsmittel angebettelt haben. Eigentlich hätte er ihnen eines auswischen können. Doch was tut er? Er fällt den Brüdern vor Freude und Mitleid weinend um den Hals. 

 

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Rainer Maria Schießler, Münchner Stadtpfarrer

Was für ein Vorbild wäre ich, wenn ich alles stehen und liegen lasse, was ich hier aufgebaut habe?

Rainer Maria Schießler


 

 

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