„Wir müssen zu den Menschen. Dafür sind wir da.“

KWA Exklusiv-Interview mit dem Münchner Stadtpfarrer Rainer Maria Schießler

alternovum 1/2017

München / Unterhaching, 31.03.2017.

Von Sieglinde Hankele.


Herr Pfarrer Schießler, in dieser Ausgabe stellen wir Hobbys vor. Pflegen auch Sie welche?

Etwas, was man in jeder freien Minute macht: nein. Aber es gibt Dinge, die zu einem kommen. Das  Motorradfahren zum Beispiel. Mein Vater hätte das nie erlaubt, als ich jung war. Und heute bin ich ihm dafür dankbar. Ich bin so ein Reibauf gewesen, hätte mich mit Sicherheit um einen Baum gewickelt. Erst mit 44 hab ich mir gedacht: Jetzt hast du eigentlich ein Alter, wo du den Motorradführerschein machen kannst. Mir geht’s heute nicht um Geschwindigkeit. Schon um das Vergnügen am Fahren, aber nicht um den Rausch. Und dann ist es ja auch ein hervorragendes Fortbewegungsmittel, um von A nach B zu gelangen. Wenn andere im Stau stehen, komm ich weiter. So kam das Motorrad zu mir. Und so war das auch mit der Wiesn. Ich bin dem Michael Schottenhamel Junior vorgestellt worden und da hab ich ihn gefragt, ob ich mal in seinem Wiesnzelt bedienen könnte. Weil es mich interessiert hat, welche Menschen dort arbeiten. Er hat ja gesagt – und jetzt bin ich schon zehn Jahre auf der Wiesn. Wenn Sie das als Hobby bezeichnen wollen. Für mich ist es ein kurzzeitiges Ausscheren aus dem normalen Straight.

Machen Sie mit dem Motorrad auch mal eine Tour?

Wenn ich eine mache, ist nicht das Fahren das Wesentliche. Es sind die Freunde, mit denen ich unterwegs bin. Auch die Unterkünfte und das Feiern, alles, was dazugehört. Und Besuche bei Freunden. Ich hab viele in Italien. So kann ich sie wenigstens einmal im Jahr besuchen. Dinge miteinander verbinden ist für mich wichtig.

Sie sind nicht nur als „Wiesnpfarrer“ und durch Ihr Buch „Himmel, Herrgott, Sakrament“ bekannt, sondern auch durch Ihre TV-Präsenz – sei es in Serien wie „Dahoam is Dahoam“ oder in Talkshows.

Markus Lanz war etwas anstrengend. Da war viel Hektik, man trifft sich eine Minute vorher. Ganz anders „3 nach 9" – die Top-Talkshow schlechthin. Eine wunderbare Atmosphäre. Und dann natürlich die Gastauftritte in Serien. – Ich hab inzwischen wirklich schon einiges im Fernsehen gemacht. Nicht, weil ich mediengeil bin, wie mir manche vorwerfen. Es geht mir darum, mit dem, was ich fühle, was ich bin, was ich verkündige, möglichst viele Menschen zu erreichen. 

In „Moni’s Grill" sind Sie – wie im richtigen Leben – ein Münchner Stadtpfarrer. Da ging es in einer Folge um eine Reise mit Firmlingen an den See Genezareth. Gibt es da Parallelen zur Realität?

Diese Reise mache ich wirklich. Jedes Jahr, in dem wir Firmung haben, so mit 15 jungen Leuten, die Interesse daran haben. – Ich gehe grundsätzlich nur dann ins Fernsehen, wenn ich mich nicht verstellen muss. Heute Morgen war ich hier in München bei einem Dreh für „Wir in Bayern" in einem Männerwohnheim. Da gab es kein Drehbuch, sondern nur eine Art Fahrplan. Ich habe da einfach mit Menschen über ihr Leben geredet.

Sie interessieren sich sehr für den Alltag und die Nöte der Menschen. Politiker stellen Weichen für unseren Alltag und für unser Land. Wenn Sie Bundeskanzler wären: Welche drei Dinge würden Sie als Erstes tun?

Erstens: Man kann von Herrn Putin halten, was man will. Aber wenn ich jemanden vom Verhandlungstisch wegdränge, bin ich nicht mehr mit ihm im Gespräch. Und dann kommt es zu Katastrophen wie in Aleppo. Wir brauchen auch Herrn Putin wieder am runden Tisch. – Als Zweites würde ich den Bundestag verkleinern und auch Wert darauf legen, dass er eine wirkliche Ständevertretung ist. Es kann nicht sein, dass da nur noch Lehrer, Juristen und Berufspolitiker vertreten sind. Wir brauchen im Bundestag Menschen aus verschiedenen Berufsgruppen und aus allen Schichten der Gesellschaft. – Als Drittes würde ich mich mit dem Nord-Süd-Konflikt in Deutschland befassen. Reicher Süden, armer Norden. Diese Spannung ist auf Dauer nicht auszuhalten. Im ganzen Land sollen blühende Landschaften sein.  

Sie engagieren sich unter anderem auch für Flüchtlinge. Manchen Menschen haben Angst, dass es zu viele sein könnten, auch, weil viele von ihnen Muslime sind. Können Sie das nachvollziehen? 

Nur bedingt. Angst ist ein schlechter Ratgeber, tritt immer vor allem dann auf, wenn ich unsicher bin. Um sicher zu werden, muss ich mich damit auseinandersetzen. Ich hab viele Freunde muslimischen Glaubens. Und es geht auch nicht um Zahlen, sondern um konkrete Beziehungen. Vor Menschen, die ich kenne, habe ich keine Angst.

An den Grenzen Europas haben wir Zäune und Lager, um zu verhindern, dass noch mehr Menschen zu uns kommen.

Flucht und Vertreibung sind kein Naturereignis, sondern eine Belastung, an der wir mit schuld sind. Die Menschen kommen, weil sie auch so gut leben wollen wie wir. Jahrzehntelang haben wir es einfach akzeptiert, dass es eine Dritte und Vierte Welt gibt. Wir haben unseren Obolus gegeben, aber einfach so weitergelebt. Wir haben nicht gesagt: Eine Welt oder keine Welt. Jetzt haben wir einen Papst, der das sagt. – Und dann kommt noch der Klimawandel dazu. Menschen flüchten, wenn sie nichts mehr zum Leben haben. Damit müssen wir jetzt umgehen. 

Welche Ideen haben Sie zur Lösung?

Wir können nicht alle aufnehmen, das ist völlig klar. Wir müssen schauen, dass sich die Lebensverhältnisse dort ändern. – Nur ein Beispiel: Donald Trump will 21 Milliarden Dollar in die Hand nehmen, um eine Mauer zu bauen. Wenn er mit diesem Geld die Strukturen in Mexiko finanzieren würde, sodass die Menschen dort vernünftig leben und arbeiten könnten, würden sie nicht mehr davonlaufen. – Und mit Nordafrika ist es nicht anders. Wir schauen nur danach: Werden Menschen dort umgebracht oder nicht und sprechen dann von sicheren Herkunftsländern. Es wäre viel besser, dort tragfähige Strukturen aufzubauen.

Sie haben den Papst bereits genannt. Die evangelische Kirche feiert 500 Jahre Reformation, Papst Franziskus hat den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm in Rom empfangen. Dennoch scheint sich in punkto Ökumene nichts zu bewegen.

Das kommt drauf an, wo Sie hinschauen. Wenn Sie die Basis anschauen, merken Sie gar nicht mehr, dass es einen Unterschied gibt. Der evangelische Pfarrer, der mit mir zusammen in einem Haus lebt, und ich, wir fragen uns jeden Tag, was uns eigentlich noch trennt. Das Einzige ist, dass wir noch nicht das Mahl miteinander teilen dürfen. – Das wird uns von beiden Kirchen verwehrt. Aber das wird sich ändern.

Was schätzen Sie vor allem am Leben und Wirken von Papst Franziskus?

Diese Einfachheit in Bildern und Worten, im Umgang mit Menschen. Er überhöht sich nicht. Er sieht sich nicht im Amt, sondern sieht den Auftrag, beim Menschen zu sein, und setzt das eins zu eins um. Wenn er von Barmherzigkeit redet, dann ist es Barmherzigkeit. Die Reise nach Lampedusa ist ein klares Signal gewesen: Wir müssen zu den Menschen. Dafür sind wir da. 

 

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Rainer Maria Schießler, Münchner Stadtpfarrer

Ich gehe grundsätzlich nur dann ins Fernsehen, wenn ich mich nicht verstellen muss.

Rainer Maria Schießler

Rainer Maria Schießler

Der 1960 in München-Laim geborene Rainer Maria Schießler war nach Theologiestudium und Priesterweihe zunächst vier Jahre als Kaplan in Rosenheim eingesetzt, ehe er in seine Heimatstadt zurückkehrte. Seit 1993 ist er der Pfarrer der Kirchengemeinde St. Maximilian, seit 2011 zudem Seelsorger in der Heilig-Geist-Gemeinde, somit für insgesamt 7.000 Menschen zuständig. Er ist für unkonventionelle Gottesdienste, leidenschaftliches Predigen und großes Engagement bekannt. Seine Pfarrei ist telefonisch – von ihm initiiert und etabliert – rund um die Uhr erreichbar, an sieben Tagen in der Woche – und meistens ist er selbst am Hörer.

 

Schießler ist leidenschaftlicher 1860er-Fan, hat „trotzdem“ sehr gerne Philipp Lahm getraut – und schaut sich gerne „Der Bergdoktor“ an, „weil die immer so schönes Wetter haben“. Zur Wiesn nimmt Pfarrer Schießler Urlaub vom Pfarrdienst und bedient beim Schottenhamel in der Festhalle. Er stemmt bis zu 14 Maß Bier. Seinen Verdienst spendet er. 

Titel: Himmel, Herrgott, Sakrament; Autor: Rainer Maria Schießler; Gebundene Ausgabe: 256 Seiten; Verlag: Kösel-Verlag; ISBN-13: 978-3466371471

 

 

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