OSTERFREUDE

Von Professor Dr. Siegfried Becker.

alternovum 1/2018

Marburg/Unterhaching, 23.3.2018.


Osterfreude

Von Prof. Dr. Siegfried Becker.


Wenn der Himmel nach den oft trüben und kalten Tagen der Karwoche aufreißt und wärmende Sonnenstrahlen die Vegetation zum Aufblühen bringen, dann kommt Freude auf: Vielleicht lässt sich daher der alte Begriff „Osterfreude“ auch heute noch verwenden, der im Mittelalter auf das Märleinerzählen zur Unterhaltung bezogen war, um den kleinen Leuten den freudigen Anlass des Osterfestes nahezubringen. Sonnige Tage bereiten uns eine Osterfreude zum Fest, die wir nicht nur in einem transzendenten religiösen Sinne empfinden, sondern ganz unmittelbar im Erleben der erwachenden Natur. Und dieses Erleben bedeutete bis vor gar nicht langer Zeit auch eine Überwindung von Entbehrungen.

Eine Großmutter, die ihrem Enkelkind vom Osterfest in der unmittelbaren Nachkriegszeit erzählt, wird noch etwas von jener Erleichterung wissen, die vor ihr viele Generationen seit jeher erfahren haben: Mit dem Osterfest war die entbehrungsreiche Zeit des Winters vorbei. Nur von dem, was an Nahrungsvorräten in Keller und Scheuer angesammelt worden war, ließ sich für große Teile der Bevölkerung den Winter über zehren. Und die Not veränderte auch Ansprüche und Wahrnehmungen. Ein früher in ganz Mitteleuropa recht verbreiteter Vierzeiler reflektiert diesen Wandel der sinnlichen Empfindungen schön: die Verschen vom Holzapfelbäumchen, dessen saure Wildfrucht im erntereichen, an Feld- und Gartenfrüchten gesegneten Herbst nur Verachtung hervorrief – „Holzapfelbäumchen, wie sauer ist dein Kern!“ Doch wenn nach einem langen harten Winter die Vorräte aufgebraucht, die Keller und Scheuern leer waren, dann mag im Frühjahr der Holzapfel fast Wunschobjekt gewesen sein: „Ach hätt‘ ich dich zu Ostern, wie äße ich dich so gern!“ Der Vierzeiler vermittelt die Einsicht, dass wir nicht zu allen Zeiten das haben können, was wir uns gerade wünschen – alles hat seine Zeit, und die Jahreszeiten in ihrem Wechsel von Werden und Vergehen, von Fülle und Entbehrung verdeutlichten den Menschen diese uralten Erfahrungen jedes Jahr neu. 

In den katholischen Gebieten war mit dem Osterfest auch die Fastenzeit vorüber. Mit den länger werdenden Tagen hatten die Hennen wieder mit dem Legen begonnen, und so waren in den Wochen vor Ostern viele Eier angefallen, die wegen des Fastengebots nicht gegessen werden durften. In Kalk oder Getreide aufbewahrt, waren sie nach den Entbehrungen des Winters und der Fastenzeit begehrtes Nahrungsmittel. Mit religiösen Symbolen versehen, den drei Hasen im Kreis als Sinnbild der Dreifaltigkeit, ja selbst zum Symbol erklärt als Sinnbild des Lebens, der Hoffnung auf Wiederkehr ins Leben: der Auferstehung, waren die Ostereier aber vor allem Gabe. Ums Ei drehte sich in den populären Osterbräuchen seither alles: gefärbte Schenkeier, mit Binsenmark oder Strohhalmen beklebt, für Patenkinder, Freunde und Liebste mit gereimten Sprüchen verziert: „Eierschreiben ist kein Spaß, liebes Gotchen, merk dir das, und besorg dies Eichen sehr, bis übers Jahr kriegst keines mehr“. Erwartungsfroh gestalteten die Kinder ihre Osternester aus Weidenruten und Moos, in denen sie am Ostersonntag die Eier vorfanden.

Die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts hat Ostern, ähnlich dem Weihnachtsfest, zu einem säkularen Gabenfest der Familie umgewidmet. Längst ist der Hase vom religiösen Symbol zum Gabenbringer mutiert, der in den Bilderbüchern der bürgerlichen Kinderstube menschliche Gestalt annahm. Wir erinnern uns gewiss noch an die „Häschenschule“ von Albert Sixtus! Längst hat sich auch die Schokoladenindustrie des Osterhasen und des Ostereies bemächtigt. Noch immer gibt’s zum Osterfest Ostereier, aber sie sind zur hübschen Nebensache geworden, die Geschenke an die Kinder sind heute größer und teurer, die Eier obligates, aber nur schmückendes Beiwerk. Die Erfahrungen, dass sie nach Wintersnot und Fastenzeit einmal sehnsüchtig erwartet wurden, sind uns heute fremd geworden. Wir haben uns daran gewöhnt, uns jederzeit so manche Gaumenfreude erfüllen zu können. Erdbeeren im Winter, früher einmal Symbol des Wundergeschehens, halten uns die Supermärkte bereit. In einer Gesellschaft, die soziale Grundsicherung gewährleistet, sind Erfahrungen der Not und Sorge ums tägliche Brot marginal geworden. Agrarindustrielle Tierproduktion stellt sicher, dass Eier das ganze Jahr über verfügbar sind. Das Osterei als Symbol hat an Bedeutung verloren, es ist nicht mehr Ausdruck der erwachenden Natur, des werdenden Lebens, es ist nicht einmal mehr geschätztes und geachtetes Geschenk, das übers Jahr aufbewahrt wurde („bis übers Jahr kriegst keines mehr“).

Wir werden hoffentlich niemals mehr Erfahrungen von Not und Entbehrung machen müssen, die uns den Holzapfel zum Wunschobjekt kulinarischer Gelüste werden lassen. Aber die Erfahrungen des Überflusses haben auch Verlusterfahrungen bedingt. Wenn wir Osterfreude empfinden wollen, müssen wir lernen, den Sonnenschein, die erblühende Flora, den Amselschlag wieder bewusster wahrzunehmen. Und wir müssen vielleicht wieder lernen, auch jenseits konfessionell-religiöser Gebote Verzicht zu üben, die vorösterliche Fastenzeit auch als Chance zu begreifen, das Osterfest wieder als Fest der Freude erfahren zu dürfen.

 

Siegfried Becker

Der Ethnologe Dr. Siegfried Becker ist Professor an der Philipps-Universität Marburg, im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Philosophie, am Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft. Er ist vielfältig engagiert, unter anderem als Vorsitzender der Hessischen Vereinigung für Volkskunde.


 

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