Markus Wasmeier über das Skifahren, sein Freilichtmuseum in Schliersee und die Bedeutung alter Menschen

KWA EXKLUSIV-INTERVIEW

alternovum 1/2019

Schliersee/Unterhaching, im Januar 2019.


Herr Wasmeier, Ihr WM-Titel im Riesenslalom von 1985 war Ihr erster großer Erfolg in einem internationalen Wettbewerb. Insgesamt 13 Jahre lang waren Sie durchgängig unter den Top 15 der Welt, konnten im Gesamt-Weltcup zweimal den dritten Platz erzielen. Mit 30, bei den Olympischen Winterspielen 1994 in Lillehammer, haben Sie sich dann ein Denkmal gesetzt: Mit Goldmedaillen im Super-G und im Riesenslalom wurden Sie zum erfolgreichsten deutschen Olympiateilnehmer aller Zeiten bei den alpinen Wettbewerben.  

Ja, tatsächlich. Bis zu diesem Zeitpunkt war bei den alpinen Wettbewerben Franz Pfnür der einzige deutsche Olympiasieger. Er hat 1936 in Garmisch die Goldmedaille in der Kombination geholt. Ich habe Pfnür noch kennengelernt. Am meisten sportlich geprägt hat mich in der Jugendzeit mein erster Trainer, Sepp Leismüller. Er war ein hervorragender Skifahrer, konnte alles vorfahren, auch die neuesten Techniken. Er war etwa im Alter meines Vaters. Seine über die Jahre gewonnenen Erfahrungen waren äußerst wertvoll. Außerdem war er ein sehr guter Motivator und immer mit Herzblut dabei.

Sie sind immer noch nah dran am Skisport, oft bei Weltcup-Rennen vor Ort. Was ist heute anders als zu Ihrer aktiven Zeit?

Das Feld ist viel dichter geworden. Zu meiner Zeit wurden steile Hangbereiche noch mit Skiern präpariert. Das Resultat war nicht an allen Stellen perfekt, mit Unwägbarkeiten verbunden. Heute werden die Pistenraupen am Seil angehängt und auch an steilen Stellen eingesetzt. Da ist die Qualität der Piste eine ganz andere. Dadurch haben auch die hinteren Startplätze eine Chance, ganz nach vorne zu fahren. Dass die gefahrenen Zeiten heute so nah beieinander sind, liegt aber auch an der Weiterentwicklung des Materials. Für jeden Schnee hat heute jeder den passenden Ski. Während ich für eine Saison rund 50-60 Paar Skier hatte, hat ein Profi heute etwa 100 Paar. 

Gleich nach den Olympiasiegen haben Sie Ihre sportliche Karriere beendet. Warum haben Sie eigentlich keine Trainer-Laufbahn eingeschlagen?

Dann wäre ich wieder an 300 Tagen im Jahr unterwegs gewesen. Doch ich hatte bereits eine kleine Familie, wollte meine Kinder aufwachsen sehen. Allerdings war das mit dem Zu-Hause-Sein in den ersten beiden Jahren nur bedingt so. Der Name Wasmeier war durch den Doppel-Olympiasieg zu einer Marke geworden. Endlich konnte ich Geld damit verdienen, und das hab‘ ich dann auch getan. Als Sportmoderator, als Repräsentant der Bayerischen Milch- und Käsewirtschaft, mit Vorträgen et cetera. Als Schauspieler habe ich unter anderem in der TV-Serie Ein Bayer auf Rügen mitgespielt, außerdem in amerikanischen Kinoproduktionen, zum Teil als Stuntman. 

Und wie kamen Sie auf die Idee, beruflich etwas ganz anderes zu machen? 

Mir fiel auf, dass in meiner Heimat immer mehr Gehöfte aufgegeben wurden und vom Verfall bedroht waren. Die Idee zu einem Bauernhofmuseum ist nach und nach in mir gereift, war im Grunde genommen die Weiterentwicklung einer Idee meines Vaters. Dazu muss man wissen, dass mein Vater Restaurator und Kirchenmaler war und auch ich mit diesem Berufsziel eine Ausbildung gemacht habe, ehe der Leistungssport mich ganz vereinnahmt hat. Bereits als Schüler habe ich meinem Vater dabei geholfen, alte Häuser abzubauen und an anderer Stelle wiederaufzubauen. Dabei habe ich enorm viel über Holz und die richtige Benutzung von Werkzeugen gelernt und mir traditionelle Zimmermannstechniken angeeignet. In einem dieser Häuser leben heute meine Eltern, in einem anderen ich selbst mit meiner Familie. Sie stehen im Ort, nicht im Museum. 

Das Markus Wasmeier Freilichtmuseum Schliersee umfasst 18 historische Gebäude, ist ein Museumsdorf. Gab es für das Projekt eine staatliche Förderung?

Leider nein, bis heute nicht. Ohne die Unterstützung und Mithilfe meiner Eltern und meiner Frau hätte ich das Projekt gar nicht stemmen können. Auch viele andere haben sich ehrenamtlich eingebracht, weil sie dazu beitragen wollten, unsere Geschichte zu bewahren. Zum Glück fanden sich auch Sponsoren. Mit einer Vereinsgründung haben wir die passende Rechtsform gefunden. Betrieben wird das Museum von einer Gesellschaft, deren Geschäftsführer ich bin. Heute habe ich 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Damit ich möglichst viele durchgängig beschäftigen kann, bieten wir außer dem Museumsgeschäft der Sommersaison auch vieles ganzjährig an: zum Beispiel Tagungsräume für Seminare. Für Hochzeiten und andere Feste haben wir auf dem Dachboden des Wirtshauses einen schönen großen Raum unter historischem Gebälk.

Inwiefern war und ist das Miteinander von Alt und Jung für das Museum wichtig?

Von den Alten hier vor Ort konnte ich ganz viel in Erfahrung bringen: Wie man in der Region rund um den Schliersee früher lebte, wie schwer das Leben im Winter war und anderes mehr. Momentan tausche ich mich mit einem fast 90-Jährigen aus, der schon seit 75 Jahren auf einer Alm lebt und mir immer noch viele Fragen beantworten kann. Und dann habe ich zum Glück auch noch meinen Vater als verlässliche Quelle, er ist ein lebendes Archiv.

Wie sieht das Erfolgsrezept des Markus Wasmeier Freilichtmuseums aus?

Ich sehe mich als Vermittler von Kultur und Geschichte. Wir beziehen in unsere Angebote alle Sinne ein, damit die Besucher in das Dorfleben eintauchen und es erleben können: bei Kräuterführungen, beim Brotbacken, beim Streicheln von Tieren. Daher kommen nicht nur Menschen, die sich für die regionale Geschichte und Traditionen interessieren, sondern auch viele Familien, Kindergartenkinder und Schulklassen. Und immer mehr junge Erwachsene, die wir beispielsweise mit einem Konzert, einem Braukurs oder unseren Highland Game anlocken. Das Konzept spricht alle Generationen an. Es lebt von den Ideen meiner Mitarbeiter. 

Sind die Region Schliersee und Ihr Museum für die Zukunft gerüstet?

Darüber mache ich mir oft Gedanken. Wir leben am Schliersee in erster Linie vom Tourismus. Den brauchen wir übers ganze Jahr. Auch Bäcker, Metzger und Handwerker hätten ohne Tourismus weniger zu tun. Deshalb kann ich nicht verstehen, dass es Gruppierungen gibt, die das Schließen von Skigebieten fordern und Projekte zur Weiterentwicklung unserer Strukturen blockieren oder ganz verhindern. Wir bräuchten hier unbedingt ein, zwei größere Hotels, sodass mehr Gäste bei uns übernachten und nicht nur einen Zwischenstopp am Schliersee einlegen. Naturschutz ist wichtig und in meinem Sinn. Aber unser Ökosystem wird auf Dauer nur dann funktionieren, wenn die Strukturen auch für die Menschen stimmen. Wenn es in der Region Arbeit gibt, können auch unsere Kinder hierbleiben und sich etwas aufbauen. – Das Museum sehe ich gut aufgestellt, wird in 50 Jahren noch interessanter sein als heute.

Was steht für Sie derzeit vor allem im Fokus?

Ich bin 55. In den nächsten sechs, sieben Jahren möchte ich meine Nachfolge regeln. Er oder sie kann dann eigene Ideen und neue Ansätze für das Museumsdorf entwickeln und verfolgen. Meine drei Söhne möchte ich dabei unterstützen, dass sie für sich den Weg finden, der sie glücklich macht. Für mich ist Gesundheit ein Glück. Die weiß ich seit der Genesung meiner Frau von einer schweren Erkrankung noch mehr zu schätzen als früher. Damit ich gesundbleibe, nehme ich mir vier- bis fünfmal pro Woche Zeit für Laufen, Skifahren, Krafttraining, Bewegung. Das brauche ich aber auch, um meinen Kopf zu resetten. 

Das Gespräch führte Sieglinde Hankele

 

>> Zur Website des Markus Wasmeier Freilichtmuseums

Markus Wasmeier in einer Stube des Bauernhofmuseums - Foto: Sieglinde Hankele

Mein Vater ist ein lebendes Archiv

Markus Wasmeier

Markus Wasmeier

Markus Wasmeier ist 1963 in einem Ortsteil von Schliersee geboren und aufgewachsen, lebt auch heute noch dort. Seit 2007 betreibt er am Ort ein Freilichtmuseum. Weltweit bekannt ist er jedoch vor allem durch seine sportlichen Erfolge als Skirennläufer. 1985 wurde er Weltmeister und 1994 wurde er zweifacher Olympiasieger. Eine Auswahl an bedeutenden Auszeichnungen:

Silbernes Lorbeerblatt
Sportler des Jahres,
Ehrenkreuz der Bundeswehr,
Bayerischer Verdienstorden,
Medaille des Bayer. Denkmalschutz.

Wasmeier ist Ehrenbürger seiner Gemeinde. Er engagiert sich für die Stiftung Kindergesundheit.  

    Unser Ökosystem wird auf Dauer nur dann funktionieren, wenn die Strukturen auch für die Menschen stimmen.

    Markus Wasmeier

    Außenaufnahmen Markus Wasmeier Freilichtmuseum Schliersee - Fotos: Wasmedia

     

     

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