KWA Stiftsdirektorin Anja Schilling referierte im baden-württembergischen Landtag

Die Leiterin des KWA Parkstifts St. Ulrich beantwortete Fragen der Pflege-Enquete-Kommission zu stationärer Pflege

alternovum 2/2015

10.03.2015

Anja Schilling, Leiterin des KWA Parkstifts St. Ulrich in Bad Krozingen, beantwortete am 27. Februar 2015 Fragen der Pflege-Enquete-Kommission im baden-württembergischen Landtag. Hier ihre Ausführungen:


Sehr geehrte Damen und Herren,

für die Einladung zur heutigen Anhörung möchte ich mich herzlich bedanken. Ich hoffe, einige Impulse für den weiteren Prozess Ihrer Beratungen geben zu können.

Bevor ich auf die Beantwortung einer Auswahl Ihrer Fragen eingehe, ist es mir ein Anliegen, grundsätzlich etwas zur Diskussion um den Leitsatz „ambulant vor stationär“ zu sagen. Sicher ist es für die meisten Menschen erstrebenswert, so lange wie möglich zu Hause zu wohnen. Dies impliziert in der Regel die Einbindung in Familie, Nachbarschaft und den Wohnort. Was aber, wenn es diese Einbindung nicht mehr gibt? Soziale Isolation und Einsamkeit sind Themen, denen wir uns daher verstärkt widmen müssen. Die Anzahl derer, deren einziger alltäglicher Kontakt der Pflegedienst ist, steigt beständig an, vor allem in den Städten. Vielleicht ist es deshalb sinnvoller, weniger proklamatisch vorzugehen, sondern von einem Leben und Wohnen in Verbundenheit auch bei Pflegebedarf zu sprechen und das Augenmerk darauf zu richten, wie sich dies gestalten lässt.

Pflegeeinrichtungen sehen sich im gesellschaftlichen Diskurs noch immer mit zahlreichen Ressentiments konfrontiert. Dabei bilden die Begriffe Autonomie und Würde eine zentrale Bewertungskategorie. Ich werde in meinem Vortrag deutlich machen, dass auch Pflegeeinrichtungen Stätten der Begegnung sowie Lebensorte für ein gutes Alter(n) sein können, auch wenn mir bewusst ist, dass die Landschaft der Pflegeeinrichtungen sich noch sehr heterogen darstellt.

Und erlauben Sie mir den Hinweis, dass ambulant vor stationär nur dann durchgängig gilt, wenn man es sich leisten kann. Bei Menschen, die auf finanzielle Unterstützung im Sinne des SGB XII angewiesen sind, nehme ich deutliche Widersprüche wahr, zum Beispiel im Umgang mit unverhältnismäßigen Mehrkosten für eine professionelle ambulante Versorgung. Insbesondere bei höherem Pflegebedarf ohne Unterstützung durch private Hilfen kann diese deutlich kostenaufwändiger sein als ein Leben im Pflegeheim.

Bezüglich der Fragen in Ihrem Fragenkatalog werde ich – auch aufgrund der zeitlichen Vorgabe – wie gewünscht Schwerpunkte setzen und einige Fragen ausführlicher thematisieren. Gerne beziehe ich im Anschluss an meinen Vortrag auch zu anderen Fragen Stellung.

Mein Vortrag wird geprägt sein von dem Blick auf meine täglichen Erfahrungen im Umfeld stationärer Pflege. Daher bitte ich um Verständnis, dass ich keine landesspezifische Aussage zur Bedarfsdeckung machen kann. Ich gehe aber davon aus, dass einige meiner Diskussionspunkte landesweit wiedergefunden werden können. Einen besonderen „baden-württembergischen Weg" in der stationären pflegerischen Versorgung sehe ich nicht, hier wird abzuwarten sein, ob und welche Wirkungen das WTPG (= Gesetz für unterstützende Wohnformen, Teilhabe und Pflege) und die aktuellen politischen und fachlichen Prozesse entfalten.

Die größte Herausforderung hinsichtlich des Ausbaus der Versorgungs- und Betreuungsangebote sehe ich darin, den zukünftigen Bedarf an Pflege- und Betreuungsdienstleistungen zu decken und gleichzeitig die nachvollziehbaren und sehr verständlichen höheren Ansprüche an die Individualität der Pflege- und Betreuungsarrangements zu berücksichtigen, die zusätzlich noch einhergehen mit einem geringer werdenden Potential an Pflege- und Betreuungskräften. Dass diese Berufe allgemein als nicht unbedingt attraktiv gelten – überspitzt gesagt: dort zu arbeiten wo eigentlich niemand leben möchte und das noch für ein eher geringes Einkommen – macht die Herausforderung noch größer.

Die Herausforderung in der Ausdifferenzierung der Angebotsstrukturen liegt meiner Einschätzung nach in der mangelnden Bekanntheit des Hilfeangebotes sowie deren Finanzierungsmöglichkeiten. Es bedarf daher guter Beratungsstrukturen. Dafür halte ich es für dringend notwendig, die aktuell bestehenden Beratungsstrukturen auszubauen. Dabei darf der Fokus nicht auf einer primär versorgungsorientierten Beratung bei Pflegebedarf liegen, sondern auf einer Beratung im Sinne eines Case Managements, mit dem Ziel einer Entscheidungsfindung, wo und wie ein Leben mit Pflegebedarf in der konkreten Situation am besten verbracht wird. Als wesentliche Einflussfaktoren müssen dabei berücksichtigt werden:

• Die Wohnsituation
• Art und Schwere des Hilfe- und Pflegebedarfes
• Das Maß der Bereitschaft zur Pflegeübernahme durch Angehörige und soziales Netzwerk
• Die Biographie des Betroffenen und seine Ziele, Wünsche und Vorstellungen bezüglich der weiteren Lebensgestaltung
• Individuelle Bewältigungsstrategien
• Die wirtschaftliche Situation
• Die vorhandene Angebotsstruktur

Aufnahmen in eine stationäre Pflegeeinrichtung finden häufig in Akutsituationen statt, das heißt anders als bei der Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz ist dies häufig kein vorab geführter Entscheidungsprozess, sondern es muss kurzfristig und unter Druck entschieden werden.

Ein Großteil der in Pflegeeinrichtungen lebenden Menschen bezieht diese im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt oder weil die häusliche Versorgungssituation zusammengebrochen ist, zum Beispiel durch den Ausfall einer Pflegeperson. Dieser Weg führt in der Regel über die Kurzzeitpflege. Das heißt die Kurzzeitpflege dient nicht primär der Entlastung von pflegenden Angehörigen, sondern fängt einen sich plötzlich veränderten Pflegebedarf auf oder sichert die Anschlussbetreuung nach einem Klinikaufenthalt. Diese Entwicklung ist Ergebnis der Einführung von geänderten Abrechnungsmodalitäten der Krankenhäuser wie zum Beispiel der DRGs oder verkürzter Rehabilitationsdauern.

Grundsätzlich kann diese Überbrückungsfunktion auch eine wichtige Aufgabe stationärer Einrichtungen sein. Berücksichtigt werden müssen dafür allerdings die Anforderungen an die Beratung der Kurzzeitpflegegäste und ihrer Angehörigen, sowie der höhere Aufwand für Dokumentation und Organisation des Aufenthaltes. Dies findet sich in den Pflegesätzen nicht wieder. Mit der Aufnahme zur Kurzzeitpflege ist das vermeintliche „Versorgungsproblem“ zwar kurzfristig gelöst, jedoch bedarf es für eine langfristige Entscheidungsfindung umfassender weiterer Beratung.

weiter auf Seite 2

KWA Stiftsdirektorin Anja Schilling: bei einer Rede für die Pflege-Enquete-Kommission im baden-württembergischen Landtag
Bewohner und Mitarbeiterin des KWA Parkstifts St. Ulrich: als Zuhörer im Landtag

 

 

Eine Registrierung ist zur Kommentarabgabe nicht erforderlich. Und so geht's: Geben Sie zunächst Ihren Text ein, klicken dann auf den Pfeil. Im ersten erscheinenden Feld Ihren Namen eintragen, im zweiten Ihre E-Mail-Adresse. Nun noch per Klick "Ich schreibe lieber als Gast" aktivieren. Mit erneutem Klick auf den Pfeil abschicken. Fertig. Ihre E-Mail-Adresse wird auf der Website nicht sichtbar sein.

unsere Leserkommentare werden geladen...

alternovum. Das KWA Journal bequem nach Hause

Wer bisher das KWA Journal abonniert hatte, erhält künftig "alternovum. Das KWA Journal". Wenn Sie alternovum neu abonnieren möchten, können Sie dies gerne über unser Bestellformular tun. "alternovum. Das KWA Journal" erscheint dreimal im Jahr. Wir versenden es kostenlos an Interessierte.