Margot Käßmann: Ich wünsche mir, dass wir dem Abschied mehr Raum geben

KWA EXKLUSIV-INTERVIEW

alternovum 2/2015

München, 20.07.2015.

Margot Käßmann: Dem Abschied mehr Raum geben

Von Sieglinde Hankele


Frau Käßmann, beim Deutschen Schmerz- und Palliativtag 2014 referierten Sie über Schmerzen und Tod in Martin Luthers Weltbild und was wir daraus lernen können. – Pest und ein tödlicher Grippevirus prägten den Beginn des 16. Jahrhunderts und damit Luthers Umfeld. Luther selbst litt an vielfältigen, mitunter starken Schmerzen. Herzbeschwerden, Magen-Darm-Beschwerden und Beklemmungsgefühle sind beschrieben, zudem depressive Phasen. Hat Luther das alles als Strafe Gottes betrachtet?
Nun, er hat damit gehadert, seine Leiden manchmal als Versuchung oder auch als Werk des Teufels angesehen. Insgesamt aber war für ihn Leid auch Teil des Lebens. Das ist mir wichtig am christlichen Glauben: Leid wird eben nicht als Strafe angesehen, sondern als Realität der Welt. Auch Jesus hat gelitten am Kreuz. Darum kann ich mich in meinem Leiden Gott anvertrauen, denn Gott weiß ja, wovon ich rede.

„Wichtig ist Luther, dass Menschen vorbereitet in den Tod gehen“, lautet ein Satz in Ihrem Vortrag. Wie kann man sich auf den Tod überhaupt vorbereiten? 
Auf dreierlei Weise, denke ich. Zum einen geht es mir darum, den Tod nicht zu verdrängen. Wenn ich mir klar mache, dass mein Leben begrenzt ist, dann lebe ich bewusster. Zum anderen kann ich mit meinen Angehörigen darüber sprechen, wie ich sterben will, wie ich mir meine Beerdigung vorstelle. Als Pfarrerin habe ich oft erlebt, dass Angehörige unter einem großen Druck stehen, in kurzer Zeit viele Entscheidungen zu treffen, obwohl sie doch ganz in Trauer gefangen sind. Das wäre anders, wäre vorher darüber gesprochen worden. Und schließlich kann ich ganz pragmatisch mit Betreuungsvollmacht, Patientenverfügung und Testament vieles selbst bestimmen.

Kann es nicht sein, dass es sich leichter stirbt, wenn man den Tod verdrängt und sich – auch als Schwerkranker – soweit möglich die verbleibende Zeit mit angenehmen Dingen verschönt? Interessante Bücher lesen, gute Musik hören oder zusammen mit einem lieben Menschen reisen beispielsweise.
Das kann sein. Meine Erfahrung aber ist eine andere. Menschen, die wissen, dass es um ein letztes Konzert, ein letztes Beisammensein geht, nehmen das bewusst und dankbar wahr. Natürlich will ich mir die letzte Zeit so schön wie möglich machen. Aber das Verdrängen hilft dabei nicht, denn das Bewusstsein vom Sterben ist ja präsent. Am Ende bleibt vieles ungesagt und es wäre so eine wunderbare Erfahrung gewesen, so manches ausgesprochen zu haben.

Sie sagen, dass es einerseits darum geht, den Tod und die Angst vor dem Tod ernst zu nehmen und nicht in Todessehnsucht oder Todesverklärung zu verfallen. Dass andererseits der Tod auch nicht die Macht über das Leben gewinnen dürfe. Wie kann es gelingen, diesen Spagat zu schaffen?Es gibt keine Patentrezepte. Jedes Sterben ist so individuell wie jede Geburt. Ich denke nicht, dass wir nun jeden Tag und ständig über den Tod nachdenken sollten. Aber wenn wir uns einmal intensiv damit auseinander gesetzt haben, leben wir bewusster die guten Tage und sind nicht so empört über die schweren. 

Was können wir denn nun eigentlich von Luther lernen, ungeachtet der Religion – vielleicht sogar als Atheist oder Agnostiker?
Seine Ermutigung, selbst zu denken, zu lesen, zu fragen und sich nicht von anderen, der Dogmatik, der Tradition bestimmen zu lassen, das ist Freiheit – und im Übrigen eine gute Abwehr von Fundamentalismus. Wir können von ihm lernen, dass es in bestimmten Situationen im Leben darauf ankommt, mutig für die eigenen Überzeugungen einzustehen. Luther macht deutlich, dass jeder Mensch einen Beruf hat – wo immer Du im Leben stehst, übernimmst Du Verantwortung auch für das Ganze. Und Luther lehrt uns, dass jeder Mensch Stärken, aber auch Schwächen, ja Schattenseiten hat – bei ihm war es sein Antijudaismus.

Palliativmedizin versucht, Schmerzen zu lindern und erträglich zu machen. Die Hospizbewegung hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Menschen insgesamt zu begleiten: Außer der körperlichen Pflege werden auch psychische Fragen, seelische Bedürfnisse und Angehörige einbezogen. Ärzte, Pflegende, Seelsorger und Ehrenamtliche wirken zusammen. Auch bei der Sterbebegleitung in KWA Wohn- und Pflegestiften beschreitet man diesen Weg. Ist das wirklich ein goldener Weg für die Betroffenen? Oder ist das vielleicht nur ein Weg, um das Gewissen von Angehörigen zu beruhigen, die sich aus irgendwelchen Gründen nicht kümmern können? 
Ich sehe das als guten Weg. Persönlich würde ich auch gern in einem guten Pflegeheim oder einem Hospiz sterben. Die Angehörigen brauchen kein schlechtes Gewissen haben. Ich habe oft erlebt, wie hoch die Belastung durch Pflege ist – und das wissen die zu Pflegenden ja auch. Es ist auch eine Freiheit für beide Seiten zu sagen: Das wird professionell und gut gemacht, die Angehörigen sind da, wenn sie kommen, aber sie sind auch nicht überbelastet. Ich kann mir vorstellen, dass auch mich das entlasten würde, wenn ich auf das Sterben zugehe.

„Schönreden können wir den Tod auch nicht. Er tut weh, ganz gleich wie alt wir sind“ – ein weiterer Satz aus Ihrem Vortrag. Das gilt sowohl für den Sterbenden als auch für die Hinterbliebenen. Was kann beim Trauern helfen?
Erst einmal braucht Trauern Zeit. Viele wollen oder sollen ganz schnell über einen Verlust hinweg kommen. Aber das macht die Seele nicht mit. Gespräche helfen, Weinen erleichtert, Erinnern tut gut. Ich wünsche mir, dass wir dem Abschied mehr Raum geben. Es lässt sich nicht schmerzfrei und effektiv Sterben. Aber das Sterben ist ein intensiver Vorgang, der Beziehungen vertieft, uns das Leben spüren lässt in aller Kostbarkeit. 

Foto: Bettina Flitner

Gespräche helfen, Weinen erleichtert, Erinnern tut gut.

Margot Käßmann

Margot Käßmann

 

Die 1958 in Marburg geborene evangelisch-lutherische Theologin und Pfarrerin Margot Käßmann übernahm als Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Fulda von 1995 bis 1999 eine übergeordnete Aufgabe bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Von 1999 bis 2010 stand sie als Landesbischöfin an der Spitze der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, von 2009 bis 2010 wurde sie als Ratsvorsitzende der EKD bundesweit bekannt.

Mit Ökumene und Islam, aber auch mit Kinderarmut, Asylpolitik und Rechtsextremismus setzte sich die Theologin intensiv auseinander. Seit 2012 engagiert sich Käßmann im Auftrag des Rates der EKD als „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“. Ein Vortrag Käßmanns zum Schmerz- und Palliativtag 2014 stand unter dem Titel: „Schmerz und Tod in Luthers Weltbild und was wir daraus lernen können“.


 

 

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