Von Indien lernen? – Palliative Care in Kerala

Von Prof. Dr. Thomas Klie.

alternovum 2/2015

Freiburg, 22.06.2015.

Von Indien lernen? – Palliative Care in Kerala

Von Prof. Dr. Thomas Klie.


In Deutschland wird gerade ein Gesetz zur Verbesserung der hospizlichen Begleitung und der palliativmedizinischen Versorgung debattiert, das HPG. Die Sorge, am Ende des Lebens nicht gut behandelt zu werden, Schmerzen erleiden zu müssen, sie ist verbreitet und bereitet auch den Boden für die Debatte um den assistierten Suizid. Sind es doch auch und gerade Ängste vor Schmerzen, davor, seine Autonomie und Würde zu verlieren, die Menschen hoffnungslos werden lassen. Können wir von Indien lernen, wenn es um Palliative Care geht? 

Wie es gelingt, Wissensbestände über Schmerzbehandlung, Haltungen solidarischer Unterstützung, eine Kultur der Sorge und einer ganzheitlichen Sicht auf den Menschen zu vermitteln? 

In Indien lebt heute mehr als eine Milliarde Menschen, etwa ein Sechstel der Gesamtbevölkerung der Erde. Neun Menschen pro Tausend sterben jährlich, das sind etwa neun Millionen. 5,4 Millionen von ihnen benötigen Palliative Care. Drei Millionen Patienten sind an Krebs erkrankt, eine gleich große Zahl an anderen unheilbaren Erkrankungen. Mit dem rapiden Ansteigen der Zahl älterer Menschen steigt auch die Zahl derer, die in einer terminalen Phase der Unterstützung bedürfen. Etwa ein Prozent von denjenigen, die Palliative Care Dienste benötigen, erhalten eine entsprechende Unterstützung, so Dr. Suresh Kumar, Direktor des Institut of Palliative Medicine in Kerala. Er und Gopinath Parayil sind Gründer des Palliative Care Networks in Kerala.

Kumar ist Anästhesist, baute die erste palliativmedizinische Klinik in Kerala auf und kam zu dem Schluss: „Unsere teuren Schmerzkliniken und Behandlungsmethoden, die wir zuerst präferiert haben, sie haben sich nicht als hilfreich erwiesen. Sie verschlangen Geld, vernichteten die wirtschaftliche Existenz von Familien und hinterließen vielfach zerstörte Familien und hoffnungslose Sterbende. Wir Ärzte, wir wissen, wie man die körperliche Schmerzen bekämpft, wir wissen aber nicht, wie wir mit dem Leiden umgehen. Hier werden wir sprachlos, hier endet unser Latein. Ob Schulmedizin oder Ayurveda. Wir können körperliche Schmerzen behandeln – aber das, woran der Sterbende, der Kranke leidet, was ihm wichtig ist, das entzieht sich unserer Weisheit“.

Diese Erkenntnis war für ihn der Schlüssel und die Grundlage für das Kerala Neigbourhood Konzept von Palliative Care, das er gemeinsam mit Gopi Parayil auf den Weg brachte. Parayil verfügt über einen Masterabschluss in Cambridge, über Desaster Management. Kumar und Parayil haben gemeinsam mit der Regierung des Bundesstaates Kerala und vielen Kommunen das Neighbourhood Network aufgebaut. Das Palliative Care Konzept Kerala startete 1993 mit zwei Freiwilligen, inzwischen sind es weit über 50.000, die in Nachbarschaften dafür sorgen, dass Sterbende, dass Schmerzpatienten, dass chronisch Kranke nicht ohne Hilfe bleiben.

In 60 % der Kommunen in Kerala sind Nachbarschaftsteams für Palliative Care aufgebaut worden: geschult und unterstützt durch Ärzte und Pflegekräfte. So findet sich ein Netzwerk von geschulten Freiwilligen in der jeweiligen Gemeinde, in überschaubaren Nachbarschaften. Sie werden unterstützt von Professionellen, die, das wird garantiert, in spätestens 25 Minuten bei einem Schmerzpatienten oder einem Sterbenden in Not präsent sind. Dabei spielen die Spezialisten nicht die zentrale Rolle. Das Wichtigste, so Suresh Kumar, sind die Freiwilligen.

Der Ausgangspunkt ist jeweils die Kommune mit ihren spezifischen Bedingungen. Das Palliative Care Konzept von Kerala sucht mit den Verantwortlichen vor Ort nach Lösungen. Für die Patienten sind die großen Probleme nicht unbedingt oder allein medizinischer Natur, sondern häufig sozialer, finanzieller, hygienischer Art. Wie werden Kinder versorgt? Gibt es genug zu essen? Muss Ungeziefer bekämpft werden? Kann das Geschäft weitergeführt werden? Auch die spirituellen Bedürfnisse der Patienten gilt es wahrzunehmen. Kerala ist  ein multireligiöses Land und das Kerala Palliative Care Modell reflektiert dies.

Die zentrale Rolle der Freiwilligen steht im Zusammenhang mit dem Verständnis von Palliative Care als total Pflege, die sich als Sorge um die gesamte Lebenssituation versteht. Freiwillige geben kontinuierlich emotionale Unterstützung für die Patienten und die Familien, sie unterstützen die Patienten und ihre Familien in sozialer Hinsicht. Sie verfügen über eine Basisschulung in der Wundversorgung, in Prävention für bettlägerige Patienten. Die Freiwilligen sind überdies wichtig für die Organisation und die Verwaltung der örtlichen Netzwerke, der Gewinnung von Freiwilligen und der Sammlung von finanzieller Unterstützung, die im Kern ebenfalls auf der nachbarschaftlichen und lokalen Ebene ansetzt: Mit 15 Pence sind potenziell alle Familien ansprechbar, Palliative Care in der Nachbarschaft zu unterstützen. Nicht die großen Spender allein sind gefragt, sondern vor allem die kleinen Spenden, mit der sie eine entsprechende Aufmerksamkeit, eine Identifikation mit der Nachbarschaft und dem Anliegen erzielen. Dabei bleibt es nicht bei den Kleinspenden.

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Panchayath Home Care (Foto: Thomas Klie)
Engagierte junge Menschen zu ihrer Motivation (Foto: Thomas Klie)
Indische Familie (Stockbild)

 

 

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