"Man sollte auf seinen Körper hören"

KWA EXKLUSIV-INTERVIEW mit Ulrike Nasse-Meyfarth

alternovum 2/2016

Konstanz / Unterhaching, 20.05.2016.

Von Sieglinde Hankele.


Ende der 1920er Jahre lag die Weltrekordhöhe im Hochsprung der Damen bei 1,60, zwischen 1956 und 1961 schraubte die Rumänin Iolanda Balla? die Bestmarke von 1,75 auf 1,91. Rosemarie Ackermann übersprang erstmals die 2-Meter-Marke. Sie selbst haben das 1982 in Athen mit 2,02 getoppt, 1983 in London mit 2,03. Seit 1987 liegt die Weltrekordmarke für Frauen bei 2,09. Kann es überhaupt noch höher gehen?
An den 2,09 beißen sich die Weltbesten seit Jahren die Zähne aus. – Seit Erfindung des Fosbury-Flops in Verbindung mit weichen Hochsprungmatten hat sich der Hochsprung rasant entwickelt. Inzwischen scheint eine Schallgrenze erreicht worden zu sein. Ich hatte bei meiner ersten olympischen Goldmedaille 1972 den älteren Teilnehmerinnen voraus, dass ich diese neue Technik erlernt hatte. Mit dem Straddle hätte ich im Alter von sechzehn Jahren diese Höhe nicht erreichen können, weil man dafür recht viel Kraft aufbauen muss. – Was die Frage nach dem „noch höher“ betrifft: Es ist sicherlich schwer, eine gewisse Grenze zu überwinden. Aber man sollte auch nicht immer an neue Bestmarken denken, sondern stattdessen lieber den Wettbewerb an sich beobachten: wie die Konkurrenten gegeneinander kämpfen, welche Schwierigkeiten zu bewältigen sind, wie sich der Favorit schlägt und solche Dinge. Rekorde und Bestmarken werden von den Medien gepushed.

Wenn Sie noch mal Schülerin wären, würden Sie wieder diesen Weg einschlagen?

Diese Sportart würde ich immer wieder wählen. Hochsprung ist eine ästhetische und schöne Bewegung. Bei geeigneter Konstitution kann ich den Hochsprung nur empfehlen. – Neben der sportlichen Laufbahn muss ein Leistungssportler jedoch auch die berufliche Perspektive im Auge behalten. Ich selbst habe mir in den letzten Leistungssportjahren schon Gedanken über meine berufliche Zukunft gemacht.

Haben Sie vielleicht auch mal andere Sportarten ins Auge gefasst?
Mannschaftssportarten wie Basketball et cetera hab ich ungern gemacht. Ich bin auch kein Typ, der am Seil von der Brücke oder mit dem Fallschirm springt. Skilaufen fand ich immer toll.

Könnten Sie sich vorstellen, einen Marathon zu laufen?
Nie. Langstrecken sind nicht mein Ding. Ich bin anlässlich des Berlin-Marathons bei einer Promi-Staffel mitgelaufen, sieben Kilometer, das war das Äußerste. Mich beim Hochsprung durch Training zu steigern, habe ich nie als Qual angesehen. Es gibt anstrengende Trainingseinheiten, darauf lässt man sich ein und arbeitet hart. Leistungssportler müssen im Training an ihre Leistungsgrenzen gehen, damit sie besser werden. Das nahm ich als Herausforderung an. Dennoch hatte ich meistens Spaß am Training. – Und wenn ich absolut keine Lust zum Training hatte, bin ich auch schon mal durch die Hallentür rein und wieder raus. Man sollte auf seinen Körper hören und dazu stehen, wenn es eben an einem Tag mal gar nicht geht.

Leiden Sie eigentlich unter Spätfolgen des jahrelangen intensiven Trainings?

Ich habe nach der Beendigung meiner sportlichen Laufbahn in Maßen weitertrainiert, was ich bis heute beibehalten habe: Joggen für die Ausdauer und Gymnastik und Krafttraining für die Beweglichkeit und einen guten Muskeltonus. Ich mache Kraftgymnastik mit Einsatz meines eigenen Körpergewichts, die ich übrigens fast überall durchführen kann, ergänzend dazu arbeite ich an diversen Kraftmaschinen. Bei fast jedem Menschen zwickt es doch hier und da, weil er zu lange im Büro gesessen hat.  Als Ausgleich dafür hilft immer Bewegung. Hochgesprungen bin ich nach dem Ende der sportlichen Laufbahn gar nicht mehr. Dabei würde ich mir zu schnell eine Verletzung einfangen.

Was halten Sie von Sport im Alter?

Sport ist auch für ältere Menschen gut. – Wenn man lange keinen Sport getrieben hat, sollte man sich erst einmal anleiten lassen und langsam anfangen. Weniger ist mehr. Sonst wird man abgeschreckt von den Muskelschmerzen, die unweigerlich auftreten. Ein moderates Krafttraining und ein bisschen Ausdauertraining sind nicht nur für den Körper gut. Sport hilft einem auch, den Alltag zu strukturieren und soziale Kontakte zu finden, insbesondere beim Gruppensport. Walking kann beispielsweise die Ausdauer verbessern. Aber man sollte auch etwas für die Muskeln tun. Ich fände es gut, wenn es in Seniorenheimen Trainingsmöglichkeiten gäbe und die Senioren entsprechend Anleitung bekämen. Unsere Muskeln und der Kreislauf sind in jedem Alter trainierbar. Viele, die Rückenschmerzen haben, lassen sich mal eben eine Spritze geben. Das ist meistens gar nicht nötig, wenn man die richtigen Übungen macht.

Welche Sportarten sind aus Ihrer Sicht für Senioren besonders geeignet, welche weniger?

Bei Extremsportarten ist fraglich, ob die Muskeln und Bänder das aushalten, insbesondere, wenn sie nicht gut trainiert sind. Beim Fußball kann man sich schnell mal den Fuß umknicken. Zunächst sollte man sich erst einmal eine gewisse Grundfitness aneignen, natürlich unter Anleitung, indem man mit leichtem Krafttraining und Kraftgymnastik beginnt. Walken, Laufen, Fahrrad fahren und schwimmen sind immer noch die schonendsten und am besten kontrollierbaren Sportarten. Und bitte in einer Sport-Gruppe üben, das macht am meisten Spaß!

Sie konnten im Mai ihren 60. Geburtstag feiern. Denken Sie auch schon mal über das Leben im Alter nach?
Eigentlich nicht. Ich fühle mich noch nicht alt, trainiere wie all die vergangen Jahre regelmäßig. – Ich bin mir jedoch sicher: Sport wird bei mir immer eine Rolle spielen.

 

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Ulrike Nasse-Meyfarth in der Sportanlage des TSV Bayer 04 Leverkusen

Das Studium ist heute komprimierter durch die Bachelor-Studiengänge. Der Sport braucht leistungssportaffine Hochschulen. Es muss möglich sein, dass eine Klausur auch mal nachgeschrieben werden kann.

Ulrike Nasse-Meyfarth

Ulrike Nasse-Meyfarth auf der Empore der Leichtathletik-Halle des TSV Bayer 04 Leverkusen

Ulrike Nasse-Meyfarth

Zur Person:

Die 1956 in Frankfurt am Main geborene Ulrike Meyfarth wuchs im nordrhein-westfälischen Wesseling auf. Für den TuS Wesseling holte sie 1972 ihr erstes olympisches Gold, ihr zweites zwölf Jahre später für den TSV Bayer 04 Leverkusen. Der Verein ist heute ihr Arbeitgeber, die diplomierte Sportlehrerin trainiert dort Schüler. Ulrike Meyfarth war 1972 die jüngste Hochsprung-Olympiasiegerin in der Geschichte der Olympischen Spiele, 1984 bei ihrem zweiten Olympiasieg die älteste.

 

Ulrike Meyfarths größte sportliche Erfolge im Hochsprung:

1972 Olympische Sommerspiele in München: GOLD - Höhe 1,92 m, WR

1982 Europameisterschaften in Athen: GOLD - Höhe 2,02 m,WR

1983 Weltmeisterschaften in Helsinki: SILBER - Höhe 1,99 m

1983: Europa Cup in London: 2.03 m, WR

1984 Olympische Sommerspiele in Los Angeles: GOLD - Höhe 2,02 m

Seit 1984 Engagement für krebskranke Kinder KIO, Sportler für Organspende, Sportstiftung NRW, Stiftung Deutsche Sporthilfe.


 

 

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