"Man sollte auf seinen Körper hören"

KWA EXKLUSIV-INTERVIEW mit Ulrike Nasse-Meyfarth

alternovum 2/2016

Konstanz / Unterhaching, 20.05.2016.

Von Sieglinde Hankele.


Frau Nasse-Meyfarth, als 16-Jährige haben Sie sich bei den Olympischen Sommerspielen in München nicht nur die Goldmedaille im Hochsprung geholt, sondern – als der Sieg schon feststand – auch noch 1,92 übersprungen und damit den Weltrekord der Österreicherin Ilona Gusenbauer eingestellt. Hatten Sie von vornherein das Gefühl, dass eine Medaille und diese Höhe drin sind?
In den zwei vorangegangenen Jahren habe ich mich sehr schnell gesteigert. Vor den Spielen bin ich 1,85 gesprungen, das war deutscher Rekord. Ich hätte aber nie gedacht, dass es noch höher geht. Für mich war dabei sein alles. Ich hatte nichts von mir erwartet und die sogenannte Fachwelt schon gar nicht. – Für einen Leistungssportler ist es natürlich etwas ganz Besonderes, vor heimischem Publikum agieren zu dürfen. Das Publikum steht voll hinter einem. Das erleben Athleten höchstens ein oder zwei Mal während ihrer Laufbahn. Ich selbst konnte das aber erst Jahre später einordnen.

Nach dem ersten Olympiasieg – Sie waren damals ja noch ein Teenager – taten Sie sich schwer, an diesen grandiosen Erfolg anzuknüpfen. Wie sich das auf Sie ausgewirkt hat, haben Sie 1984 in einer Biografie beschrieben: „Nicht nur die Höhe verändert sich – Von Olympia nach Olympia, zwölf Sommer Einsamkeit“.

Es war klar, dass die Leistungssteigerung der ersten Jahre – um 20 Zentimeter in zwei Jahren – nicht so weitergehen konnte. Ich musste mein Abitur machen und das Studium beginnen. Und es war nichts mehr normal nach dem Olympiasieg, die Unbefangenheit war verlorengegangen. Der Begriff „Einsamkeit“ bezieht sich darauf, dass der Einzelsportler immer für sich allein steht und seine Leistung mit sich selber ausmacht. Ganz allein war ich natürlich nicht, ich hatte immer meine Familie,  Schul- und Trainingsfreunde und einen Trainer – erst Günter Janietz vom TUS Wesseling, später  Gerd Osenberg vom TSV Bayer 04 Leverkusen, der mich zum zweiten Olympiasieg geführt hat.

Wie konnten Sie während der Leistungssportphase Ihren Lebensunterhalt bestreiten? 
Die Sporthilfe hat einen kleinen Obolus beigetragen, und vom Verein Bayer 04 Leverkusen wurden wir natürlich auch unterstützt. Davon konnte man zwar leben, aber keine Rücklagen  aufbauen. Es wurde auch mal ein Auto gestellt. Geld verdient hab ich in den letzten Jahren meiner  Laufbahn. – Die Leichtathleten, wie auch Leistungssportler der meisten olympischen Sportarten, sind überwiegend  Amateure. Sie trainieren professionell, wenn  hauptamtliche Trainer und gute Sportanlagen vorhanden sind, so wie hier in Leverkusen. Aber ein Profi ist für mich nur jemand, der von dem Verdienst auch gut leben kann. – Eine gute Sache: Die Sportstiftung NRW vermittelt studierenden Kaderathleten des Bundeslandes Kontakte zur Wirtschaft, sodass sie am Ende der sportlichen Laufbahn einen guten Übergang ins Berufsleben finden können.

Mussten Sie hart trainieren, um mit Ende zwanzig noch einmal an Bestmarken heranzukommen?
In den letzten Jahren des Leistungssports habe ich an sechs Tagen in der Woche trainiert, vormittags und nachmittags. Ich hatte mir vorgenommen, noch einmal ganz nach vorne in die Spitzenklasse zu kommen. Deshalb habe ich mein Studium gestreckt, konsequent trainiert und an meiner Technik gefeilt. Dass ich von Los Angeles dann tatsächlich noch einmal mit einer olympischen Goldmedaille heimfahren konnte, war eine Genugtuung und ein runder Abschluss meiner sportlichen Laufbahn.

War eigentlich schon vor Los Angeles klar, dass Sie danach aufhören?

Ja. Ich war 28 und verletzungsanfällig geworden, da wäre es unsinnig gewesen weiterzumachen. Ich hätte auch ohne Medaille aufgehört. Es wäre nicht mehr gegangen, die Achillessehne hat gemuckt.

Pflegen Sie noch Kontakte zu Ihren einstigen Konkurrentinnen?

Die Kontakte waren nie so eng, oftmals wegen der Sprache. Die Italienerin Sara Simeoni spricht zum Beispiel kein Englisch. Aber man sieht sich auf Facebook. Als Zuschauerin auf internationalen Sportveranstaltungen trifft man den einen oder anderen ehemaligen Sportkollegen dann auch real. – Dick Fosbury, der 1968 in Mexiko seinen neuen Sprungstil erstmals zeigen konnte und damit gleich erfolgreich war, ist mir zum Beispiel während der Olympischen Spiele 2012 in London öfters über den Weg gelaufen.

Sie arbeiten heute für den TSV Bayer 04 Leverkusen als Schülertrainerin.

Nach meiner sportlichen Laufbahn habe ich zunächst hier in Leverkusen im Gesundheitsberatungszentrum gearbeitet, einer Tochtergesellschaft der Betriebskrankenkasse der Bayer AG. Unter anderem hatten wir die Gesundheitsvorsorge der Angestellten im Blick. Das lief elf Jahre. Ende der 90er bin ich dann wieder zum Verein zurück. Zusammen mit Kolleginnen mache ich hier Leichtathletik-Training für die 6- bis 14-Jährigen. Der Zuspruch ist gut, zu vier Trainern bewegen wir in einer Trainingsstunde bis zu 40 Mädchen und Jungen,  – Zudem nehme ich etliche andere Termine wahr, die man an mich als Olympiasiegerin heranträgt.
 

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Ulrike Nasse-Meyfarth präsentiert hier ein Bild von ihrem Olympiasieg in München

Diese Sportart würde ich immer wieder wählen. Hochsprung ist eine ästhetische und schöne Bewegung.

Ulrike Nasse-Meyfarth

Ulrike Nasse-Meyfarth vor der Sportanlage des TSV Bayer 04 Leverkusen

Ulrike Nasse-Meyfarth

Zur Person:

Die 1956 in Frankfurt am Main geborene Ulrike Meyfarth wuchs im nordrhein-westfälischen Wesseling auf. Für den TuS Wesseling holte sie 1972 ihr erstes olympisches Gold, ihr zweites zwölf Jahre später für den TSV Bayer 04 Leverkusen. Der Verein ist heute ihr Arbeitgeber, die diplomierte Sportlehrerin trainiert dort Schüler. Ulrike Meyfarth war 1972 die jüngste Hochsprung-Olympiasiegerin in der Geschichte der Olympischen Spiele, 1984 bei ihrem zweiten Olympiasieg die älteste.

 

Ulrike Meyfarths größte sportliche Erfolge im Hochsprung:

1972 Olympische Sommerspiele in München: GOLD - Höhe 1,92 m, WR

1982 Europameisterschaften in Athen: GOLD - Höhe 2,02 m,WR

1983 Weltmeisterschaften in Helsinki: SILBER - Höhe 1,99 m

1983: Europa Cup in London: 2.03 m, WR

1984 Olympische Sommerspiele in Los Angeles: GOLD - Höhe 2,02 m

Seit 1984 Engagement für krebskranke Kinder KIO, Sportler für Organspende, Sportstiftung NRW, Stiftung Deutsche Sporthilfe.


 

 

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