Markus Söder: Heimat ist ein emotionaler Anker

KWA EXKLUSIV-INTERVIEW

alternovum 2/2017

München, 22.07.2015.


Herr Staatsminister, das Titelthema dieser Alternovum-Ausgabe ist: Lebensart. Dazu gibt es Beiträge, die verschiedene Regionen Deutschlands beleuchten. Was kennzeichnet bayerische Regionen?
Bayern hat eine große regionale Vielfalt zu bieten, verschiedene Stämme und auch Mentalitätsunterschiede. Die Altbayern sind eher traditionell veranlagt. Sie erinnern sich einerseits gern an den König – den Kini. Aber sie sind andererseits auch ganz froh, wenn sie ihm ab und zu die Meinung sagen können. Grundsätzlich ist der Altbayer sehr lebensfroh und locker, nach dem Motto: leben und leben lassen. – Auch der Franke ist an und für sich sehr gesellig, sitzt aber in einem Lokal gerne an seinem eigenen Tisch. Wir sind im Inneren schon auch mal euphorisch, aber nach außen hin eher zurückhaltend. Die höchste Form des Lobes, die ein Franke aussprechen kann, ist: basst scho‘. – In einem sind sich Franken und Altbayern jedoch einig: Sie sind froh, dass sie keine Preußen sind.

Was verbinden Sie mit dem Begriff „Heimat“?
Heimat ist ein emotionaler Anker. Da zieht es einen immer wieder hin. Da kennt man alles. – Das bemisst sich an Erinnerungen, am Essen oder an Düften. Wenn in Nürnberg Christkindlesmarkt ist und man riecht die Mischung aus Lebkuchen und Glühwein, dann weiß man: Da bin ich daheim, da gehöre ich hin. Dabei ist Heimat nichts Statisches. Das Gefühl kann sich verändern, wenn man sich anderswo niederlässt. Aber es immer ein Gefühl des Angenommenseins und des Angekommenseins. Das ist in einer globalen Welt meines Erachtens mit das Wichtigste.

Bayern ist das einzige Bundesland mit einem Heimatministerium. Wie kam es zur Idee, eines einzurichten?
Die Idee stammt von unserem Ministerpräsidenten. Das wurde von anderen Parteien am Anfang ein wenig belächelt. Weil manche Probleme haben, sich mit dem Begriff Heimat auseinanderzusetzen. Dabei ist Heimat das, was viele Menschen wollen und brauchen; etwas, wo man zur Ruhe kommt. Dazu gehört auch die Sprache und der Dialekt. Dialekt war früher verpönt. Heute weiß man, dass Dialekt die sprachliche Intelligenz fördert.

Welche primären Ziele verfolgen Sie als Heimatminister?
Die Leistungsfähigkeit in unserem Land ist nicht gleich verteilt. Wir haben hier in München eine fast schon überhitzte Metropolregion mit extremem Erfolg. Wir haben aber auch ländliche Regionen – beispielsweise in Oberfranken, zu Tschechien hin –, die nach wie vor Strukturprobleme haben. Unsere Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass wir nicht noch mehr Zuzug und Verdichtung in Ballungszentren bekommen, mit ökologischen Folgen aufgrund von Feinstaubbelastung durch zu viele Pendler und mit sozialen Folgen aufgrund von hohen Preisen bei den Mieten. Unser Ziel ist, Wohnen und Arbeiten so zu organisieren, dass wir eine gleichmäßigere Verteilung haben. Der Breitbandausbau, der kommunale Finanzausgleich und Behördenverlagerungen in ländliche Räume sind Maßnahmen, um dies zu erreichen.

Gibt es auch ein übergeordnetes Ziel?
Wir haben geradezu eine Landflucht in Deutschland – vor allem im Osten. Alle Menschen kommen gerne nach Bayern, weil wir die mit Abstand größte Wirtschaftskraft haben und den richtigen Mix von Infrastruktur, Technologie, Innovation und Tradition. Roman Herzog hat es Laptop und Lederhose genannt. Der Franke würde sagen: Lebkuchen und Laser. Wir schaffen modernste Arbeitsplätze, erhalten aber auch Bräuche wie Leonhardi-Ritte und Fronleichnamsprozessionen. Und wir nehmen christliche Feiertage sehr ernst. Gleichzeitig sind wir weltoffen. Wir modernisieren Heimat, wollen nicht, dass der ländliche Raum ein Museum wird. Oder, dass er nur noch Bären und Wölfen Heimat bietet. Wir wollen vor allem nicht, dass ältere Menschen aus Dörfern irgendwann in großstädtische Wohnblocks ziehen müssen, weil die Versorgung vor Ort nicht mehr funktioniert. Unser Ziel ist, Industrie, Arbeitsplätze und Technologie auch in ländliche Regionen zu bringen. Ein Beispiel: Wenn eine Operationsmethode aus einer Uniklinik auf digitalem Weg übertragen werden kann, können auch kleinere Krankenhäuser Entsprechendes umsetzen. Ein Breitbandanschluss ermöglicht also auch eine bessere medizinische Versorgung auf dem Land.

Von der Technik zurück zum Gefühl. Wie ist das eigentlich mit Flüchtlingsfamilien? Und mit Familien, die aus beruflichen Gründen umziehen? Können sie überhaupt ein Gefühl für Heimat entwickeln?
Bei Menschen, die aus anderen Kulturkreisen kommen, haben wir eine Integrationsverpflichtung: um den Kern dessen zu erhalten, was unsere Heimat und unsere Gesellschaft ausmacht. Wir sind eine christlich-abendländisch geprägte Gesellschaft. Das wollen wir hier in Bayern auch gerne bleiben. Deshalb haben wir ein Integrationsgesetz verabschiedet, mit dem wir beispielsweise den Respekt vor anderen Religionen einfordern und den Respekt vor der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wir ergreifen auch Maßnahmen, wenn dagegen verstoßen wird. Es muss klar sein: Wer bei uns leben will, hat sich unseren Werten, Sitten und Gebräuchen anzupassen. Damit das gelingt, haben wir bewusst neue Lehrerstellen geschaffen: für Migrationsklassen, in denen Kindern Sprache und Werte unserer Gesellschaft vermittelt werden. Das ist das A und O. – Menschen, die aus anderen Bundesländern zu uns ziehen, weil sie den Arbeitsplatz wechseln, fühlen sich hier sehr schnell angenommen und wohl: weil Bayern ein Land ist, in dem Gastfreundschaft und Gemütlichkeit herrschen. Auch die überragend schöne Natur spielt eine Rolle, und die Work-Life-Balance. Die Lebensqualität ist hier sehr hoch und die Menschen nehmen das an. Irgendwann geht auch jeder zum Oktoberfest und trägt Tracht.

Was schätzen Sie persönlich am allermeisten an Ihrer Heimat?
Man kennt sich aus. Man kennt die Leute. Und die Leut‘ kennen einen. Und man ist ein Bestandteil. Wie ein Puzzlestück: Wenn man hineingelegt wird, dann passt es.

Sieglinde Hankele

 

 

Markus Söder, Bayerischer Staatsminister der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat – vor Schloss Neuschwanstein (Foto: Bayer. Finanzministerium)

Dialekt war früher verpönt. Heute weiß man, dass Dialekt die sprachliche Intelligenz fördert.

Markus Söder

Markus Söder

Der 1967 in Nürnberg geborene Markus Söder ist promovierter Jurist. Nach Stationen als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Erlangen-Nürnberg und als Redakteur beim Bayerischen Rundfunk wurde er 1994 Mitglied des Bayerischen Landtags. Von 1995 bis 2003 hatte er den Landesvorsitz der Jungen Union Bayern inne. Dem folgten vier Jahre als CSU-Generalsekretär.

2007 wurde Markus Söder von Günther Beckstein in die Staatsregierung berufen: als Bayerischer Staatsminister für Bundes- und Europaangelegenheiten; ein Jahr später dann von Ministerpräsident Horst Seehofer als Staatsminister für Umwelt und Gesundheit. Seit 2011 steht er an der Spitze des Staatsministeriums der Finanzen, welches 2013 ausgebaut wurde: zum Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat. – Damit ist Markus Söder der erste und einzige Heimatminister Deutschlands.

Wir modernisieren Heimat, wollen nicht, dass der ländliche Raum ein Museum wird.

Markus Söder


 

 

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