Urlaubs-Tourismus gestern und heute

Von Professor Dr. Burkhart Lauterbach

alternovum 2/2018

München/Unterhaching, 23.7.2018.


Urlaubs-Tourismus gestern und heute

Von Prof. Dr. Burkhart Lauterbach.


Momente dessen, was wir heutzutage „Urlaubs-Tourismus“ nennen, kommen bereits in den Aufenthalten der europäischen Aristokratie in Kurbädern und Seebädern zum Vorschein, in der bildungsbezogenen „Grand Tour“ der jungen britischen Adeligen, die zwischen dem 16. und dem späten 18. Jahrhundert das europäische Festland erkundeten, insbesondere Italien. Da ging es nämlich auch um Erholung, Muße, Vergnügen und Unterhaltung. Dennoch konstituierte sich der uns vertraute Tourismus letztlich erst Mitte des 19. Jahrhunderts, als Industrialisierung und Reisetätigkeit eine enge Verbindung eingingen. Erst die Industrialisierung ermöglichte die Herstellung mannigfaltiger Gegenstände, die zum Reisen notwendig waren, so zum Beispiel Lokomotiven und Waggons, Landkarten und Hotelbetten, Sonnenbrillen und Gummireifen für Motorräder und Automobile. 

Überdies war die Industrie vom Unterwegssein von Menschen und Dingen abhängig. Und nicht zuletzt brachte sie, unbeabsichtigt und paradox, mit sich, dass die Menschen Bedürfnisse und Wünsche entwickelten, vorübergehend vor ihr zu fliehen. Die Industrialisierung produzierte, zugespitzt ausgedrückt, den Urlaubs-Tourismus gleich mit.

Um das Jahr 1900 praktizierten Unternehmen deutliche soziale Unterscheidungen, indem sie die geistige Arbeit vor der manuellen Arbeit rangieren ließen und ihren Angestellten Urlaub gewährten, den manuell Tätigen jedoch nicht, obwohl diese genauso eine Auszeit vom Arbeitsalltag benötigten. Das zeitigte auch kulturelle Auswirkungen: Wer keinen Urlaub gewährt bekam, verfügte nicht über die Möglichkeit, den eigenen Horizont zu erweitern. Zudem waren Urlaubsreisen um 1900 für den weitaus größten Teil der Bevölkerung unerschwinglich. Auch die Regelungen der Arbeitszeit machten längere Reisen unmöglich; und so unternahmen viele Menschen, denen Urlaub bewilligt wurde, entweder nur kurze Reisen in den Nahbereich, zu Verwandten oder in die Sommerfrische – oder blieben ganz zu Hause.

Gleichwohl gab es durchaus einen regen Fremdenverkehr, der sich allerdings zunächst auf eine kleine Anzahl von Orten und Regionen beschränkte, auf Kur- und Seebäder, Wintersportorte, das mittlere Rheintal, den Genfer See, schließlich auf Großereignisse wie die Weltausstellungen in London und Paris. Andernorts gab es noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts keine passable Infrastruktur, die saisonal auftretende Menschenmengen hätte aufnehmen können, was auch für die Verkehrsmittel galt. 

Von zentraler Bedeutung für die zögerliche Entwicklung des Urlaubs-Tourismus war, dass in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine 80- bis 90-Stunden-Woche für Arbeiter in Manufakturbetrieben keine Seltenheit war, dieser Wert um 1900 immer noch bei rund 60 Stunden lag, und erst nach dem Zweiten Weltkrieg und der Wiederaufbauzeit die 40-Stunden-Woche Einzug hielt. Das Reichsgesetz für Beamte von 1873 regelte zwar bereits einen Minimalanspruch auf mehrere arbeitsfreie Tage, während Arbeiter-Organisationen erst 1891 die Festlegung erreichten, dass Sonn- und Feiertagsarbeit weitgehend untersagt wurde. Doch Urlaub tauchte als Faktor erst Jahrzehnte später in Tarifverträgen auf: In der Metallindustrie gewährte man beispielsweise vor 1933 drei Tage.

Ein Bundesurlaubsgesetz gab es ab 1963 und erst nach 1967 zwischen 18 und 24 Tagen Urlaub. Dieser wurde zunächst vorwiegend im Inland verbracht, mehr und mehr aber auch im nahen Ausland. Hauptattraktion war Italien mit seinen Küsten und Stränden – und der Möglichkeit, den Urlaub zu verlängern, indem man nach der Rückkehr „zum Italiener“ essen ging, die Eisdiele „Venezia“ aufsuchte oder aber die eigenen Fremdsprachenkenntnisse im Gespräch mit den süditalienischen Arbeitskollegen testete.   

Wer verreist aber heute – und wer bleibt daheim? Bei unteren Einkommensgruppen beträgt die Reiseintensität 67 Prozent, bei oberen Einkommensgruppen dagegen 88 Prozent; unter den Deutschen mit Hauptschulabschluss treten 71 Prozent eine Urlaubsreise an, unter den Gymnasiums- und Hochschulabsolventen dagegen 86 Prozent; und dann spielen bei der individuellen Entscheidung für oder gegen Urlaubsreisen auch die Zugehörigkeit zu einer spezifischen Altersgruppe und die Stellung im Beruf eine Rolle, sowie die regionale Herkunft und der eigene Lebensstil. Diese Befunde werden immer wieder durch neue Erhebungen bestätigt. Gewissermaßen quer zur Differenzierung der touristischen Akteure nach den genannten Kategorien steht die Frage nach der Geschlechtsspezifik der Reisepraktiken, die allerdings von der Forschung noch nicht angemessen geklärt ist: Bevorzugen Frauen andere Ziele, andere Reisezeiten, andere Verkehrsmittel, andere Aktivitäten als Männer? 

Die Urlaubsmotivationen lauten, seit Jahrzehnten konstant bleibend: Tapetenwechsel; Abschalten, Ausspannen; Zeit füreinander haben; Gut essen; Spaß und Unterhaltung haben; Sport treiben, Sich Bewegung verschaffen; Sich verwöhnen lassen; Reinere Luft, sauberes Wasser; Horizont erweitern; Verwandte, Bekannte besuchen. Dabei dominieren rekreative Motivationen, gefolgt von sozialen Motiven. Kulturelle Motivationen im engeren Sinn spielen erstaunlicherweise keine bedeutende Rolle.

Die Motivationen der Nichtreisenden haben dagegen fast durchgängig mit dem Hemmfaktor Angst zu tun; mit der Angst, den Kontakt zum gewohnten heimischen Umfeld zu verlieren, die eigene Wohnung unbeaufsichtigt zu lassen oder den Arbeitsplatz zu vernachlässigen; mit der Angst, sich in ungewohnten Verhältnissen orientieren zu müssen; auch mit der Angst vor fremden Personen sowie Völkern. Viele, die sich für Reisen entscheiden, empfinden hingegen, was Erich Kästner in seinem „Brief aus Paris“ (1929) schrieb: 

„Die Sonne schien. Die Luft war weich.
Die Menschen sind bekanntlich gleich.
Und ist man auch kein Lord -
man zählte Geld. Es war genug.
Man nahm den Koffer, fuhr zum Zug
und fort“.

 

Wie und wo man in der Zeit des Wirtschaftswunders Urlaub machte, zeigen KWA Stiftsbewohner auf privaten Bildern. Zum Album

 

Burkhart Lauterbach

Prof. Dr. Burkhart Lauterbach arbeitet am Institut für empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der Universität München.

 

ders.: Tourismus. Eine Einführung aus Sicht der volkskundlichen Kulturwissenschaft. Dritte Auflage Würzburg 2015 (Kulturtransfer, Bd. 3).

ders.: Städtetourismus. Kulturwissenschaftliche Studien. Eine Einführung. Zweite Auflage Würzburg 2015 (Kulturtransfer, Bd. 7).

Die Industrialisierung produzierte, zugespitzt ausgedrückt, den Urlaubs-Tourismus gleich mit.

Burkhart Lauterbach

Von zentraler Bedeutung für die zögerliche Entwicklung des Urlaubs-Tourismus war, dass in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine 80- bis 90-Stunden-Woche für Arbeiter keine Seltenheit war.

Burkhart Lauterbach


 

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