Altwerden und Altsein in der Oper: Streiflichter

Eine Betrachtung von Prof. Dr. Roland Schmidt.

alternovum 2/2019

Berlin/Unterhaching, 26.8.2019


Da ich gerne und vergleichsweise oft in die Oper gehe und dies in der Alternovum-Redaktion bekannt ist, wurde ich gefragt, ob ich nicht vielleicht für diese Ausgabe das Motiv „Alter in der Oper“ beleuchten könnte. Ein interessanter Aspekt. 

Menschen im fortschreitenden Erwachsenenalter sind in der Oper zumeist in der Elternrolle und als Herrscher präsent. Allerdings finden sich hierunter deutlich mehr Partien für Männer als für Frauen. Klytämnestra („Elektra“, Richard Strauss) und die Gräfin („Pique Dame“, Peter Ilyich Tchaikovsky), bleibt man im Mainstream-Repertoire, zählen für Sängerinnen im Herbst ihrer Karriere zu den wenigen verbleibenden Aufgaben.

Weder in Eltern- noch Herrscherrolle spielen allerdings Thematisierungen des Altwerdens oder Altsein eine bedeutsame Rolle. Vielmehr dominieren Liebeshändel erwachsener Kinder sowie höfische und politische Intrigen die Libretti. 

Reflexionen über das Altwerden stehen gleichfalls nicht im Fokus von Opernhandlungen. Die vielleicht berühmteste Ausnahme findet sich am Ende des ersten Aufzugs im „Rosenkavalier“ von Richard Strauss (Librettist: Hugo von Hofmannstal). Oktavian, der junge Liebhaber der Feldmarschallin Fürstin Werdenberg, möchte den Taumel des frühen Morgens wiederbeleben, während die Marschallin, nach dem Frisieren („Mein lieber Hippolyte, heut haben Sie ein altes Weib aus mir gemacht“) in anderer Stimmung ist: „Die Zeit ist ein sonderbar Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie. Sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen. In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen da fließt sie. (…) Allein man muß sich auch vor ihr nicht fürchten. Auch sie ist ein Geschöpf des Vaters, der uns alle erschaffen hat.“ 

Das Bild des Alters in der Oper wird wiederum zumeist durch Männer bestimmt. Diese Rollen stehen über Epochen hinweg in der Tradition der Commedia dell’arte mit der Figur des Pantalone.

Karl Riha¹ merkt an, dass es sich bei Pantalone um einen „konstanten Typus“ handelt, der im Detail vielfach variiert ist. Seine Charakteristika: „schon etwas fortgeschritten in den Jahren; ein Mann in ‚Würde’ und ‚Ansehen’; (…) später meist kränklich; trotz aller Unpäßlichkeiten munter auf Liebschaften aus, ewig lüstern und hier bisweilen unvorsichtig und verschwenderisch; Junggeselle, Witwer, aber auch verheiratet, bei jungem Weib oft in Gefahr, von jüngeren Liebhabern Hörner aufgesetzt zu bekommen; als Vater einer ins Heiratsalter geratenen Tochter ein Ausbund an Mißtrauen und strenger Aufsicht, die jedoch hinters Licht geführt wird (…).“

Pantalone in seinen Varianten ist in der Oper bis zum 20. Jahrhundert vielfach präsent. Komponisten wie Rossini und Puccini unterstreichen zudem das fortgeschrittene Lebensalter dadurch, dass sie in der musikalischen Charakterisierung von Don Bartolo („Il Barbiere di Siviglia“, Gioacchino Rossini) und Geronte („Manon Lescault“, Giacomo Puccini) auf eine Musiksprache zurückgreifen, die überholt ist und die Herren als „Gestrige“ ausweist. Einen Nachfahren von Pantalone findet man beispielsweise auch noch in „Die Verlobung im Kloster“ (Sergei Prokofiev).

Allerdings muss eine solche Konstellation “älterer Mann und junge Frau“ nicht zwingend enden wie skizziert. Hans Sachs („Meistersinger von Nürnberg“, Richard Wagner) nimmt die Idee der Brautwerbung im Gespräch mit Eva, kaum formuliert, zurück: „(…) am besten, ich werbe doch noch um Dich, da gewönn’ ich doch was als Poet für mich. Du hörst nicht drauf? So sprich doch jetzt! (…) Ich merk: ‚Mach deinen Schuh.“

Ein vergleichbarer Typus wie Pantalone existiert für Frauen nicht. Es handelt sich um einzelne Werke mit hoch individuellen Ausprägungen des Altersbildes.

Eindrücklich beispielweise in „Dialogues des Carmélites“ von Francis Poulenc: Die sterbende Priorin des Klosters („…ich lebe seit dreißig Jahren fern der Welt, war zwölf Jahre Priorin. Dachte über den Tod zu jeder Stunde nach. Aber jetzt, vor dem Tod, nützt das alles nichts…“), die, einem Ordensbrauch gemäß, von ihrer Gemeinschaft Abschied nimmt. In ihrem Todeskampf fantasiert sie die Entweihung des Klosters, wie sie wenig später in der französischen Revolution  geschehen wird. 

Diskurse zum Altwerden und Altsein sind nicht prägend für die Oper. Natürlich gibt es, wie eingangs benannt, Personen im fortgeschrittenen Lebensalter. Dies führt jedoch in aller Regel nicht zu expliziten Altersthematisierungen, sondern zu Libretti über Liebe in allen Ausprägungen, auch Verwerfungen.

 

1 Karl Riha: Commedia dell’ Arte mit den Figurinen Maurice Sands. Frankfurt/M.: Insel Verlag 1996, 9. Aufl.

Doris Soffel als Klytemnästra in der Oper "Elektra"; Foto: Wilfried Hösl

 

 

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