Wo bleibt noch Platz? Perspektiven für das Miteinander von Landwirtschaft, Landschaft und Mensch im Verdichtungsraum

Von Prof. Dr. Christian Küpfer, Dekan im Studiengang "Landschaftsplanung und Naturschutz", Hochschule Nürtingen-Geislingen.

alternovum 2/2019

Unterhaching/Nürtingen-Geislingen, 20.7.2019


Was tun, wenn Landwirtschaft, Wohnen, Gewerbe und Verkehr in besonderem Maße um Flächen konkurrieren? Wohnen und Arbeiten, Erholung und unberührte Natur, Nahrungsmittelproduktion und Energiegewinnung, für alle diese auseinanderstrebenden Ansprüche braucht es Platz – und Fläche lässt sich nun einmal nicht vermehren. Kurt Tucholsky beschrieb diese Ansprüche bereits 1927 in seinem Gedicht „Das Ideal“ sehr treffend. Nachfolgend sei die erste Strophe zitiert: 

„Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.“

Aus wissenschaftlicher Sicht macht es Sinn, sich dem Problem der knappen Fläche über eine histori-sche Betrachtung zu nähern: Wo haben sich unsere Urväter dauerhaft niedergelassen, wo hat sich die Bevölkerung am stärksten vermehrt? Viele der heute dicht besiedelten Räume waren es bereits von 500 Jahren – und es sind insbesondere Orte an Flüssen (als wichtige Transportwege) und Gegenden mit fruchtbaren Böden. Gute Produktionsbedingungen schufen weitere Nachfrage. Industrien siedelten sich an, Menschen aus dem ländlichen Raum wurden zu Städtern. Heute sind Agglomerationen wie München oder Stuttgart mit gutbezahlten Arbeitsplätzen, renommierten Universitäten und einer guten regionalen (stadtnahen!) Ausstattung mit schönen Landschaften attraktiver denn je. So nimmt etwa die Region Stuttgart gerade einmal 10 % der Fläche Baden-Württembergs ein, dort wohnen aber 25 % der Bevölkerung und erwirtschaften um die 30 % des Bruttosozialprodukts des Landes!

Die weniger gut landwirtschaftlich geeigneten Flächen in den Verdichtungsräumen sind häufig bewaldet oder werden extensiv bewirtschaftet (z. B. Streuobstwiesen); somit weisen sie ein hohes Natur-schutzpotenzial auf und werden – zu Recht – in aller Regel von einer Bebauung ausgenommen oder zumindest nur in kleinem Umfang in Anspruch genommen. Angesichts der Wohnungsnot dringend benötigte Baumaßnahmen entziehen der Landwirtschaft genau daher auch gute Böden.

Zur Bevölkerungsentwicklung kommt der Bedarf an Wohnfläche pro Einwohner. Lag sie vor einem halben Jahrhundert noch bei etwa 15 m², waren es im Jahr 2017 in Deutschland etwa 46 m². Gründe hierfür sind vor allem die Singularisierung und der Remanenzeffekt: Eine Familie bildet sich, ein Haus wird gebaut. Sind die Kinder aus dem Haus, so bleiben zwei Menschen in einem großen Haus zurück. Stirbt einer der beiden Elternteile, steigt die Wohnfläche nicht selten auf 200 m² pro Bewohner. Schlimmstenfalls steht dieses Haus eine längere Zeit komplett leer, beispielsweise aufgrund von Streitigkeiten unter den Erbfolgern – ein Prozess, der den Flächenverbrauch enorm in die Höhe treiben kann und dafür sorgt, dass Bauflächen im großen Stil auf der grünen Wiese ausgewiesen werden müssen.

In den ehemals dörflichen Strukturen der stark gewachsenen Siedlungen fällt häufig auf, dass dort noch viele Scheunen stehen, die zum Beispiel als Autoabstellplatz oder auch gar nicht genutzt werden. Dort besteht erhebliches Potenzial für Um- oder auch Neunutzungen. Zudem sind Infrastrukturen wie Straßen und Kanalnetz vorhanden, was den Flächenbedarf als solches entsprechend gering hält. Nach Erfahrungen des Verfassers sind es in Mittelstädten im oder am Rand der Verdichtungsräume mitunter 20 % der Bausubstanz, die so „vergeudet“ werden. Ebenfalls fällt auf, dass Baulücken nicht bebaut werden. Nach Recherchen des Verfassers geschieht dies häufig, weil man den Kindern oder Enkeln einen schönen Bauplatz hinterlassen möchte. Allerdings stellt sich in vielen Fällen dann heraus, dass die Nachkommen längst an einem anderen Ort heimisch geworden sind und nicht die Absicht haben, wegen eines Bauplatzes in die Heimat der Eltern zu ziehen.

Welchen Beitrag können nun wir persönlich leisten? Durchaus einen beträchtlichen! Wer solche untergenutzten Grundstücke oder Gebäude besitzt und nicht möchte, dass Äcker am Ortsrand bebaut werden, sollte überlegen, ob diese Gebäude nicht einer optimierten Nutzung zugeführt werden, sei es nun durch Abriss oder durch Umbau.

Das ist zugegebenermaßen recht kostenintensiv, aber es ist eine wichtige Möglichkeit, die Ausdehnung der Siedlungsgrenzen zu minimieren und auch den Dörfern und Städten neues Leben einzuhauchen. Es kann nicht sinnvoll sein, „innen“ Gebäude leer stehen zu lassen und sich stattdessen „außen“ auszudehnen. Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, innerörtliche Grünstrukturen, Parks oder Ähnliches zu beseitigen. Diese werden zur Kühlung und zur Eindämmung der Wirkungen des Klimawandels genauso auch in Zukunft gebraucht wie für die Erholung des Menschen.

Häufig ist nicht bekannt, wie und wo man Informationen über die jeweiligen Entwicklungsmöglichkeiten einholen kann. Viele Kommunalverwaltungen beraten gerne und geben Hilfestellung, damit man kompetente Planer und Architekten konsultieren kann, die maßgeschneiderte Lösungen entwickeln. So bleiben die Kosten im Rahmen und es entsteht ausreichend Entscheidungsspielraum, welches die beste Lösung für eine umweltverträgliche Nutzung ist, die Bauflächen am Ortsrand minimiert, die Landwirtschaft entlastet und den Siedlungen neue Perspektiven verleiht.

Bilderserie "Mensch und Natur" - Foto: KWA / Anton Krämer
"Mensch und Natur" Bild 2 - Foto: KWA /Anton Krämer
"Mensch und Natur" Bild 3 - Foto: KWA / Anton Krämer

 

 

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