Toni Hofreiter: "Die Natur ist unsere Lebensgrundlage"

KWA EXKLUSIV-INTERVIEW - Das Gespräch führte Sieglinde Hankele.

alternovum 2/2019

Unterhaching, 23.7.2019


Herr Dr. Hofreiter, welche Gedanken haben Sie bei unserem Titelthema „Mensch und Natur“?

Der Mensch ist vollkommen abhängig von den natürlichen Lebensgrundlagen. Unberührte Natur gibt es auf unserem Planeten allerdings nicht mehr. Selbst in 10.000 Metern Tiefe finden sich Plastiktüten. Auch im ewigen Eis und im Regenwald, an Stellen wo noch kein Mensch war, sieht man die Auswirkungen des Agierens von Menschen. – Relativ wilde Natur, wie wir sie in unseren deutschen Nationalparks haben, tut uns Menschen unheimlich gut. Im Nationalpark Kellerwald gibt es beispielsweise noch Altbuchenwälder und andere urtümliche, urwaldartige Waldtypen. 

Sie sind viel unterwegs, haben lange Arbeitstage. Wie halten Sie trotzdem Kontakt zur Natur? 

Ich befasse mich viel mit dem Schutz unserer Lebensgrundlagen. Nicht nur auf der theoretischen Ebene, sondern auch vor Ort. Bei einer Tour durch unsere Nationalparks bin ich vom Unteren Odertal bis zum Bayerischen Wald gereist, um mir Beispiele anzuschauen, wo es uns gelungen ist, Pflanzen und Tiere zu schützen. Da kann man auch sehen, dass sich Dinge zum Besseren entwickeln, wenn man das Richtige unternimmt. In meiner Freizeit gehe ich so oft wie möglich in die Berge, um in der Natur zu sein. Unsere Alpen zählen zu den schönsten Naturräumen in Europa. 

Und wo finden Sie Natur, wenn Sie in der Stadt sind?

Erst neulich habe ich mitten in Berlin, an der Friedrichstraße, in einer Spalte zwischen Gehweg und Hausmauer kleine blühende Veilchen entdeckt. Verwilderte Tag- und Nachtschatten. Und dann sind in den großen Städten die Parks natürlich Oasen für uns Menschen. Sehr, sehr schöne Oasen sind Botanische Gärten.

Wir haben schon etliche Tier- und Pflanzenarten verloren. Was können Sie dazu sagen?

Auffallend sind gar nicht die komplett ausgestorbenen Arten. Allerdings sind viele früher häufig vorkommende Arten inzwischen seltene Arten. Zum Beispiel Feldlerchen und Rebhühner. Als ich ein Kind war, gab es auch noch wesentlich mehr Schmetterlinge. Die Menge von Allerweltsarten wie Kleiner Fuchs oder Tagpfauenauge ist extrem zurückgegangen. 

Waren Sie schon als Kind sehr an Natur interessiert? 

Die ganze Familie hat sehr viel draußen unternommen. Wir waren oft in den Bergen und im Wald unterwegs. Vor Tschernobyl haben wir auch oft Pilze gesammelt. Danach nur noch selten. Und da haben wir immer mit dem Geigerzähler geprüft, wie stark sie belastet waren. Der Ausschlag in den ersten Jahren war krass. 

Sie sind 1986 bei den Grünen eingetreten. War Tschernobyl der Anlass?

Nein. Ich habe schon seit 1984 bei den Grünen mitgearbeitet. Als ich 16 war, wurde ich dann Mitglied. Zu den Grünen bin ich wegen der politischen Entwicklung gegangen. Zu der Zeit gab es eine heftige Auseinandersetzung um die Atomkraft, insbesondere als in Wackersdorf eine Wiederaufbereitungsanlage gebaut werden sollte. Es war eine extrem politisierte Zeit. Auch in Bezug auf das Waldsterben gab es äußerst kontroverse Debatten. Das Waldsterben hat man zum Glück in den Griff bekommen, durch Entschwefelungsanlagen und Katalysatoren. 

Gut 18 Prozent aller Wahlberechtigten in Bayern haben mit ihrer Unterschrift das Volksbegehren „Rettet die Bienen!“ unterstützt, um das Artensterben zu stoppen. Nun sollen die geforderten Punkte tatsächlich umgesetzt werden. Weniger Pestizide, mehr Ökolandbau. Ist das der große Wurf? 

Es ist zumindest ein großer Schritt in die richtige Richtung, den die Bevölkerung in Bayern durchgesetzt hat. Und das kann natürlich auch für andere Bundesländer ein Vorbild sein. Unsere Lebensgrundlagen sind aber durch eine so große Vielfalt von Gefährdungen bedroht, dass man auf sehr vielen Ebenen ansetzen muss. Und es gibt viele Regelungen auf Bundes- und europäischer Ebene, an die wir gar nicht ran kommen mit unserem bayerischen Volksbegehren. 

Kommt, wir bauen das neue Europa! – lautete ein Slogan Ihrer Partei im Wahlkampf. Was muss in Europa neu werden in Bezug auf die Natur?

Neben ehrgeizigen Klimaschutzzielen brauchen wir auch eine Veränderung in der Landwirtschaftspolitik. Da wird sehr viel Geld ausgegeben: über 50 Milliarden Euro im Jahr. Davon gehen circa 6 Milliarden an Deutschland. Bis jetzt wird der Großteil des Geldes über die Fläche ausgereicht. Je größer ein Betrieb ist, desto mehr Geld bekommt er. Wir sind der Meinung, dass öffentliche Gelder für öffentliche Leistungen verteilt werden sollten. Zum Beispiel für Klimaschutzanstrengungen oder Tierschutzanstrengungen, die über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen. Oder auch für Artenschutz oder Kulturlandschaftspflege.

Was hat bei Ihrer politischen Arbeit derzeit höchste Priorität?

Die Rettung unserer Lebensgrundlagen. Wenn wir so weitermachen, zerstören wir sie. Wir müssen aber auch daran arbeiten, die Europäische Union zusammenzuhalten und weiterhin die Demokratie zu verteidigen, die gerade von innen und von außen angegriffen wird: von Rechtsradikalen und von totalitären Staaten. Sehr viel Mühe investieren wir auch in den Dialog mit der IG Metall, in Bezug darauf, wie es mit der Autoindustrie weitergeht. Da sind 800.000 Menschen beschäftigt. Auch an die Zulieferer muss man denken. Jenseits der Klimaschutzfrage steht die deutsche Autoindustrie allein durch die internationale Konkurrenz – Elektroautos in China, Wasserstoffautos in Japan – vor gigantischen Umbrüchen. Deshalb müssen wir klug agieren, um sowohl unsere Industrie zukunftsfähig zu machen, als auch dem Klimaschutz zu dienen. 

Ist das Elektroauto wirklich die Lösung – trotz des Batterieproblems?

Ich bin froh, dass über Batterien endlich breit diskutiert wird. Und darüber, wo wir die metallischen und mineralischen Rohstoffe herholen. Die Rohstofffrage betrifft ja auch viele technische Geräte. Von Smartphones über Kameras bis hin zu Kaffeevollautomaten. Bis jetzt wird viel zu viel achtlos weggeworfen. Wir holen einfach Neues aus der Erde, zum Teil unter schwersten Menschenrechtsverletzungen. Das müssen wir jetzt als Chance begreifen und endlich in die Kreislaufwirtschaft gehen.

Was können ältere Menschen zum ökologischen Wandel beitragen?

Sie können beispielsweise ihr Konsumverhalten prüfen und ändern. Wer selbst kocht und die finanziellen Möglichkeiten hat, kann vielleicht im Bioladen um die Ecke einkaufen. Oder seinen Stromvertrag wechseln, um Ökostrom zu beziehen. Auch für Demokratie kann man sich engagieren. Es gibt eine ganz tolle Initiative, die heißt: OMAS GEGEN RECHTS. Sie sind auch auf Demonstrationen dabei, mit handgemalten Schildern. Und auf meiner Nationalpark-Tour habe ich eine 83-jährige Artenschützerin kennengelernt, die bei ganz vielen Menschen so lange Überzeugungsarbeit geleistet hat, bis in einem großen Park in Schwedt aus Rasenflächen Blumenwiesen wurden. Ich habe nur selten so viele Wildbienen auf einmal gesehen wie dort. Und man hat gemerkt, dass der Dame dieses Engagement selbst guttut.

 

 

Dr. Anton Hofreiter am KWA Maibaum in Unterhaching - Fotos: KWA / Jörg Peter Urbach

Dr. Anton Hofreiter

Der 1970 in München geborene Anton Hofreiter ist als Kind einer Arbeiterfamilie in Sauerlach aufgewachsen, in ländlicher Umgebung. Schon als Jugendlicher hat er bei den Grünen mitgearbeitet. Nach Biologiestudium, Diplom und Doktorarbeit folgten u. a. Forschungsaufenthalte in den südamerikanischen Tropen. Seine politische Karriere startete er als Gemeinderat, Kreisrat und Sprecher des Grünen Kreisverbands München-Land. 2005 wurde er in den Bundestag gewählt. Seit Oktober 2013 teilt er sich mit Katrin Göring-Eckardt den Fraktionsvorsitz von Bündnis 90/Die Grünen. Ausführliche Biografie auf der Website des Bundestags.

    Öffentliche Gelder sollten für öffentliche Leistungen verteilt werden. Zum Beispiel für Klimaschutzanstrengungen oder Tierschutzanstrengungen, die über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen. Oder auch für Artenschutz oder Kulturlandschaftspflege.

    Anton Hofreiter

    Dr. Anton Hofreiter zum Interview bei KWA Kuratorium Wohnen im Alter in der Firmenzentrale in Unterhaching

    Wir stehen vor gigantischen Umbrüchen. Deshalb müssen wir klug agieren, um sowohl unsere Industrie zukunftsfähig zu machen als auch dem Klimaschutz zu dienen.

    Anton Hofreiter

    Toni Hofreiter zum Interview bei KWA Kuratorium Wohnen im Alter in Unterhaching

     

     

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