Hundert – na und?

Besuch bei einer 101-Jährigen

alternovum 3/2014

Hundert – na und?
Wer lange sitzt, muss rosten ...

 

 


Margareta als junge Frau – Aschaffenburg 1933

Wer lange sitzt, muss rosten ...

 

Auch übers Autofahren erzählt Margareta Müller* einiges: Dass ein Freund des Vaters im November oder Dezember 1918, unmittelbar nach Ende des ersten Weltkriegs, ein Auto aus der Türkei mitgebracht habe. Das war dann der Stolz des Vaters: ein Opel. Die Mutter sei sehr ängstlich gewesen, habe schon mal geschrien: „Pass auf, da ist ein Huhn.“ Doch der Vater habe ihr daraufhin angedroht, dass sie aussteigen und laufen müsse. Die Begeisterung fürs Autofahren hat Müller offensichtlich auch vom Vater.

Ein Bekannter von Müller hat berichtet, dass sie – bis vor wenigen Jahren – auf der Autobahn ziemlich geflitzt sei. Müller streitet das nicht ab, sagt jedoch: „Jetzt bemüh ich mich, nach den Schildern zu fahren.“ Sie macht mit dem Auto nur noch kleine Besorgungen, fährt vorsichtig und nimmt auch keinen im Auto mit. Viele Frauen ihres Jahrgangs hatten nie einen Führerschein. Dazu sagt sie: „Den Führerschein habe ich mir ertrotzt. Als ich nach dem Krieg die Amerikaner so lässig in ihren Autos sitzen sah, dachte ich mir, verdammt noch mal, das musst du doch auch können. – Dass die alle Automatik fuhren, habe ich da nicht gewusst.“ Das war 1949, da war sie 37. Gemeinsam mit ihr haben einige Frauen die Fahrprüfung gemacht – durchgefallen sei nur ein Mann. Allerdings durfte Müller trotz Führerschein noch lange nicht Auto fahren: „Das war das Ressort meines Mannes. Das Auto hat er mehr geliebt als mich.“

Mit einem Manta hat sie nach dem Tod des Mannes Europa bereist: alleine!

Erst als er in den 70er Jahren krank wurde, durfte sie fahren, mehr als zwanzig Jahre nach der Fahrprüfung. Und da habe er immer die Hand an der Handbremse gehabt – sie aber nie eingesetzt. Nach seinem Tod hat sie noch kurz den Commodore ihres Mannes gefahren, sich dann jedoch einen Manta gekauft und ein Kennzeichen mit den Buchstaben „L-SD“ besorgt. Das habe so manches Mal für Verwunderung und Heiterkeit gesorgt – auch an Grenzübergängen. Müller hat mit dem Auto Europa bereist, von Tschechien bis Portugal – ganz allein, ohne Begleitung. „Heute frage ich mich, wo ich die Courage dazu hergenommen habe.“

Sie ist in Mühlheim geboren, als Einzelkind aufgewachsen. Die Eltern seien streng gewesen, der Vater habe ihr auch mal den Hintern versohlt, aber da habe sie in Richtung Mutter nur die Zunge gebleckt. Auch die Nonnen im Lyzeum der Ursulinen hätten geschlagen, wenn sie sich nicht gefügt hat. „Krämer, du bockiges Geschöpf“ sei die Ansage gewesen. Den starken Willen konnten sie damit jedoch nicht brechen. Auch bei Fronleichnamsprozessionen durch die geschmückten Straßen von Mühlheim ist sie oft „ausgebüxt“. Und die Mutter habe gestaunt: „Ich hab dich ja gar nicht gesehen.“

Die Mädchen haben bei der Prozession Blumen gestreut und hatten Blumenkrönchen im Haar. Bei Rosen waren auch die Dornen zu spüren. „Das war nicht so schön.“ An die „Gottestracht“ auf dem Rhein erinnert sie sich hingegen gerne: Zwei Raddampfer fuhren mit der Prozession bis an die Stadtgrenze von Köln. Ein Mann stand auf einem Kahn und schwang eine Fahne der Sebastian-Schützengesellschaft. Danach wurde die Kirmes eröffnet.

Die 101-Jährige sagt: "Ich bin jetzt lieber für mich. Ich habe mich verändert."

Und wie geht es ihr heute? „Das Schlechte am Alter ist, dass Sie immer mehr allein sind. Keiner lebt mehr. Das sehen Sie an den Telefonrechnungen. Früher waren die lang.“ – Heute geht sie noch gerne in den Golfclub, dort trifft sie sich mit Freunden: „Die sind jetzt auch schon alt, könnten aber meine Kinder sein.“ Müller zeigt Postkarten aus aller Welt – meist von Kindern von verstorbenen Freunden. Zu Konzerten und Vorträgen im Wohnstift geht sie, wenn sie Referenten und Künstler für interessant hält. Davon abgesehen lebt sie eher zurückgezogen. „Ich bin jetzt lieber für mich. Ich habe mich verändert. – Und im Alter finden Sie auch nicht so schnell jemanden, mit dem Sie zusammen etwas machen möchten.“

Wie Müller ihren Körper beweglich hält, wurde eingangs beschrieben. Dass sie während des Gesprächs nie lange sitzt, sondern immer wieder aufsteht, um etwas zu zeigen, fügt sich ins Bild. Wie sie sich geistig beweglich hält, wird spätestens klar, als sie erfährt, dass ich aus Franken komme. Dazu sagt sie: „Die Franken haben doch so ein schönes Lied. Das habe ich früher immer gesungen.“ Und dann trägt sie den Text auswendig vor, das „Lied der Franken“. Bei der ersten Strophe sprechen wir zu zweit, vier weitere Strophen spricht sie allein – strauchelt zwischendurch an einer einzigen Stelle, jedoch nur kurz, findet den Faden rasch wieder. – Es scheint fast, dass Maragareta Müller sich den Anfang des Liedes verinnerlicht hat: „Wohlauf die Luft geht frisch und rein, wer lange sitzt, muss rosten …“.

Sieglinde Hankele


Anmerkung: Die Dame konnte inzwischen ihren 102. Geburtstag feiernbei guter Gesundheit.


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*Der Name ist der Redaktion bekannt, wurde auf Wunsch der Dame geändert.

von links: Vater, Margareta, Cousin, Tante und Onkel vor einem FIAT
circa 1929 in der Eifel am Nürburgring; die Maschine: eine BMW!

 

 

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