Hundert – na und?

Besuch bei einer 101-Jährigen

alternovum 3/2014

Bad Nauheim, 04.12.2014.

Hundert – na und?
Wer lange sitzt, muss rosten ...

Vorab ein Wort zur Protagonistin: Für gut 80 möchte man sie schätzen, wenn man sie so sieht: Wie sie sich gibt, wie sie spricht, wie sie sich bewegt. Wenn man ihr gegenüber sitzt, verraten die Hände, dass sie vielleicht doch etwas älter ist. Aber fast schon 102? Kaum zu glauben! – Dass sie sich um keinen Preis fotografieren lassen möchte, hat gewiss nichts mit ihrem Aussehen zu tun. Vielmehr möchte sie weiterhin so unbehelligt leben wie bisher. Alternovum Chefredakteurin Sieglinde Hankele hat am 11. Juli 2014 mit ihr gesprochen: im KWA Parkstift Aeskulap in Bad Nauheim.


Margareta als junge Frau – Aschaffenburg 1933

Wer lange sitzt, muss rosten ...


„Ich bin dankbar, dass ich noch so beweglich bin“, sagt Margareta Müller* auf die Frage, wie es ihr geht. Dass die Beweglichkeit nicht vom Himmel fällt, begreife ich schnell: Die alte Dame macht jeden Tag Gymnastik im Bett, geht ein Mal die Woche in die „Muki-Bude“ trainieren, seit sie an den Hüften operiert wurde. „Und ich hänge mich immer wieder mal an die Tür.“ – An die Tür? Sie macht es vor: Sie stellt sich vor die leicht geöffnete Badezimmertür, streckt die Arme senkrecht in Richtung Decke, greift mit beiden Händen über die Oberkante des Türblatts und zieht, bis beide Fersen leicht vom Boden abheben, hält das kurz, geht dann wieder langsam zurück, bis die Fußsohlen flach auf dem Boden stehen. Die Szene beobachte ich in ihrer Wohnung im KWA Parkstift Aeskulap in Bad Nauheim. Dort wohnt Müller seit 2006 im Wohnstift. Vorher kam sie einige Jahre lang nur in den Wintermonaten, hat den Sommer über noch in Haus und Garten im Taunus gewohnt. Doch irgendwann wurde das zu viel. Auch wenn man es ihr fast noch zutrauen möchte, nach dieser Demonstration.

In punkto Turnen sei ihr Vater ihr Vorbild, sagt Müller. Er habe ihr vom Handstand bis zum Radschlagen alles Erdenkliche beigebracht und selbst bis ins hohe Alter hinein am Reck geturnt. Die inzwischen 101-jährige zierliche Tochter putzt ihre Wohnung noch selbst – und die sieht tipptopp aus. Die Hochbetagte sagt: „Zum Entsetzen meiner Freunde steige ich auch jede Woche auf die Leiter und staube die Schränke oben ab.“ – Staub sei da ja nicht, aber hin und wieder gebe es kleine Spinnen. Hausarbeit sei ihr „Haussport“. Dazu gehört auch das Kochen. Diesen Mittag wird es Gemüsesuppe geben: mit Spargelwasser als Brühe. Weggeworfen wird bei ihr nichts, was essbar ist. Sie hat den Hunger am eigenen Leib verspürt.

Ferien auf dem Bauernhof waren für das Mädchen Margareta ein Traum

Müller sagt: „Die Kriege waren schlimm. Die haben mich geprägt. Der erste Weltkrieg war ja noch Mann gegen Mann. Aber in Köln gab es schon Bomben, bei Luftangriffen mussten wir in den Keller." – Im letzten Jahr des ersten Weltkriegs kam sie zur Schule, damals fing das Schuljahr noch an Ostern an. „Am Mittag gab es eine Scheibe Schwarzbrot, halb mit Rübenmus, halb mit Margarine.“ Und das war’s dann auch schon. Der Vater habe – wie viele andere auch – auf dem Land bei Bauern „gehamstert“. Für Reparaturarbeiten hat er Butter, Eier oder Speck bekommen. Er sei oft in Weisel gewesen. Die Verbindungen zu den Enkeln eines Bauern bestehen heute noch. Ferien auf dem Bauernhof waren für das Mädchen Margareta ein Traum: „Ich bin ohne Sattel auf Pferden geritten.“ Nachts hat sie mit Freunden vom Dorf Apfelkerne und Bohnenschnipsel an Fensterscheiben geworfen, um Spaß zu haben. Sie konnte später dann aber auch Pferde aus- und anschirren und den Pflug am Pferd fahren. Dazu zeigt sie stolz ein Bild, worauf sie tatsächlich einen angespannten Pflug lenkt – als bildhübsche junge Frau.

Dass sie eine Augenweide war und sowohl in der Küchenschürze als auch im kleinen Schwarzen stets eine gute Figur gemacht hat, hat ihr zum 70. Geburtstag eine Nachbarin mit einem Gedicht bescheinigt, das Müller noch hat und vorlegt: Das beschreibt sie als Chamäleon, das einerseits eine tüchtige, gute Hausfrau war, andererseits auch etwas für gesellschaftliches Leben übrig hatte. Geheiratet hat Müller 1940. Fürs Hochzeitsmenü gab es Marken, für maximal 15 Gäste, so blieb das Fest klein. Vom zweiten Weltkrieg erzählt sie, dass der Cousin mit 18 in den Krieg ging und seitdem vermisst wird. Er sei der einzige Sohn gewesen, das habe Onkel und Tante verbittert.

Die 101-Jährige sagt: Frauen haben damals nicht gearbeitet

Müllers Mann war gebürtiger Österreicher, hat jedoch nach dem Krieg erst in Köln, später in Frankfurt gearbeitet, im kaufmännischen Bereich. „Frauen haben damals nicht gearbeitet.“ Ihr Mann und sie waren oft mit Freunden in den Bergen, zum Wandern. Doch auch nach dem Tod des Mannes, der inzwischen 38 Jahre zurückliegt, ging sie noch mit Freunden in die Dolomiten. Dass sie dabei einmal über den Rand eines Bands gestürzt ist und nur noch am Seil hing, weil ein Haken in der Wand nicht gehalten hat, hat sie nicht davon abgehalten, weitere Touren zu unternehmen. Eine ganze Reihe von Gebirgs-Fotos hängen in der Küche. Müller könnte zu jedem Bild eine Geschichte erzählen.


Weiter auf Seite 2

*Der Name wurde auf Wunsch der Dame geändert.

Margareta mit 17, am Rhein, in Köln
Margareta mit 18, im Stadtgarten am Rhein, bei Köln-Mühlheim
Margareta mit 30, in den Dolomiten

 

 

Eine Registrierung ist zur Kommentarabgabe nicht erforderlich. Und so geht's: Geben Sie zunächst Ihren Text ein, klicken dann auf den Pfeil. Im ersten erscheinenden Feld Ihren Namen eintragen, im zweiten Ihre E-Mail-Adresse. Nun noch per Klick "Ich schreibe lieber als Gast" aktivieren. Mit erneutem Klick auf den Pfeil abschicken. Fertig. Ihre E-Mail-Adresse wird auf der Website nicht sichtbar sein.

unsere Leserkommentare werden geladen...

alternovum. Das KWA Journal bequem nach Hause

Wer bisher das KWA Journal abonniert hatte, erhält künftig "alternovum. Das KWA Journal". Wenn Sie alternovum neu abonnieren möchten, können Sie dies gerne über unser Bestellformular tun. "alternovum. Das KWA Journal" erscheint dreimal im Jahr. Wir versenden es kostenlos an Interessierte.