Leben im Wohnstift – morgen

Beitrag von Dr.-Ing. Bernd Wiemann und Bettina Augustin

alternovum 3/2014

München, 02.12.2014.

Wie sieht die Zukunft von Wohnstiften aus?
Neue soziale Strukturen sind Wegweiser!

Dr.-Ing. Bernd Wiemann und seine Mitarbeiterin Bettina Augustin haben sich über „Leben im Wohnstift – morgen“ Gedanken gemacht, basierend auf dem Projekt „Reise in die Zukunft der Pflege 2053“. In der interaktiven Ausgabe von alternovum 3/2014 finden Sie auf Seite 14 eine Kurzversion, hier nun der Beitrag in voller Länge:


Generationenübergreifendes Projekt im KWA Stift am Parksee – zukunftsweisend?
Generationenübergreifendes Projekt im KWA Stift am Parksee – zukunftsweisend?

Orte der klassischen, professionellen Pflege können sich zu Gestaltern der generationenverknüpfenden Lebensräume entfalten.

Dr.-Ing. Bernd Wiemann

Autoren


Dr.-Ing. Bernd Wiemann
leitet das in 2006 von ihm als Spin-Off der Vodafone Group R&D gegründete Unternehmen "deep innovation". Er und seine Mitarbeiter, die überwiegend wissenschaftlichen Background haben, entwickeln als Dienstleiter Studien, Konzepte, Produkte und Prozesse, die sich am zukünftigen technologischen, industriellen und gesellschaftlichen Wandel orientieren. Das Team beschäftigt sich unter anderem mit intelligenten Netzen, Cyber Physical Systems, Cyber Security, sicherem Datenmanagement und Anwendungsfeldern wie Mobile Health und Zukunft der Pflege.
 

Bettina Augustin (B.A.) arbeitet bei deep innovation. Sie befasst sich vor allem mit sozialen Innovationen.


Zukunftsvisionen

Von Dr.-Ing. Bernd Wiemann und Bettina Augustin

 

In meiner Zukunft nimmt man kein Alter mehr wahr. Durch den medizinischen Fortschritt ist es möglich die „Krankheit Alter“ wirksam zu bekämpfen und lebenslang geistig und körperlich leistungsfähig einem Erfolgs-Leitbild zu genügen. Der Alterungsprozess wird verzögert, Körperteile werden ersetzt oder wachsen nach - beginnend mit den Zähnen, eine regelmäßige Revitalisierung lässt ein vitales Leben bis 140 Jahre erwarten. Alter, wie wir es kannten, wird in der Öffentlichkeit nicht mehr wahrnehmbar“.

In meiner Zukunft sind wir eine starke Gemeinschaft. Die Menschen leben gesünder, medizinisch besser versorgt und dadurch länger. In dieser Gesellschaft des längeren Lebens nimmt man sich Zeit füreinander. Sich Sorgen und Kümmern sind zentrale Werte geworden, die man von Jugend an lebt. Politik und Wirtschaft haben Rahmenbedingungen geschaffen für gemeinnützige Arbeit während einer langen beruflichen Tätigkeit. Die Arbeit kommt wieder zurück zum Lebensort der Menschen. Gemeinnützige Leistungen, Familien und Wahlverwandtschaften sind Kernelement  der Sozialstrukturen und Pflege in einem erfüllten Leben – sonst wäre die Pflege im längeren Leben so nicht finanzierbar.“

Diese widersprüchlichen Zukunftsvisionen haben wir auf unserer „Reise in die Zukunft der Pflege 2053“ durchlebt. Keine wird in ihrer Reinform eintreffen. Aber sie werden mit jedem Schritt in die Zukunft durch Dialoge aufeinander wirken und die Gestaltung der Zukunft beeinflussen.

Heute passt vieles nicht zusammen, wenn es um das Alter und die Pflege geht. Die größten Sorgen der Menschen in Deutschland sind es, ein Pflegefall zu werden oder finanziell für das Alter nicht genügend abgesichert zu sein. Auch im Alter weiter in vertrauter Umgebung zu leben und ein wertvoller und partizipierender Teil der Gesellschaft zu bleiben, ist heute ein zentraler Wunsch der meisten.

Während unserer Zukunftsreise haben wir Schlüsselfaktoren erkannt, die die zukünftige Entwicklung der Pflege beeinflussen werden: Alle Nationen der Welt wandeln sich unterschiedlich schnell zu „Gesellschaften des längeren Lebens“. Um ca. 35 Jahre ist die Lebenserwartung bei uns in den letzten 100 Jahren gestiegen. Wie planen wir ein langes Leben, wenn wir durchschnittlich 110 Jahre in Gesundheit erleben werden? Die herkömmlichen Lebensphasen passen dann nicht mehr. Bildung, Kinder kriegen, beruflicher Erfolg, ehrenamtliches Engagement und neue Erwerbsorientierung -  alles ist weniger abhängig vom biologischen Alter und wird sich neu über das Leben verteilen!

Projektinfo

Die “Reise in die Zukunft der Pflege – 2053“  fand im Rahmen der Altenpflegemesse in Nürnberg im Jahr 2013 statt. Die Methode der Zukunftsreise ist eine bewährte und strukturierte Methode, um konkrete bedarfs- und zukunftsorientierte Handlungsoptionen für die Zukunft zu erarbeiten. Weiterführende Informationen und Impressionen der Zukunftsreise finden Sie unter: http://www.zukunftsreise-pflege.de

Die Finanzierung dieses längeren Lebens und deren Verlässlichkeit wird wohl die größte Herausforderung für die zukünftigen Gesellschaften sein, wenn man auf die Hilfs- und Pflegebedürftigen – gleich welcher Altersgruppe blickt. Mit den überkommenen markt- und finanzwirtschaftlichen Spielregeln werden Wohnen, Rente und Pflege für diesen immer größer werdenden Bevölkerungsteil möglicherweise nicht sicherzustellen sein. Sozialverpflichtende Investitions- und Finanzmodelle sowie Solidarität werden eine neue Balance mit der heutigen marktwirtschaftlichen Werteorientierung finden müssen.

Die gegenseitige Unterstützung im täglichen Leben, Sorgen und Pflegen als Teil einer sozialen Verpflichtung gegenüber dem Nächsten und der Gesellschaft kann und muss so eventuell als neuer Wert entwickelt werden. Neue soziale Strukturen als Lebensgemeinschaften, Patch-Work-Familien, Wahlverwandtschaften und Quartierskonzepte sind Wegweiser mit diesem Anspruch die klassischen Familienstrukturen zu ergänzen.

Der persönliche, individuelle Lebensbereich bleibt jedoch in der Zukunft der zentraler Wunsch um eigene Lebensführung, Privatheit, Geborgenheit und Sicherheit zu ermöglichen. Informations- und Kommunikationstechnologien schaffen uns dort bei klugem Einsatz ungeahnte Möglichkeiten möglichst lange ein selbstbestimmtes und an der Gesellschaft teilnehmendes Leben zu führen.

KWA Kuratorium Wohnen im Alter hat im Laufe der Zeit die sich wandelnden Herausforderungen erkannt: Soziale Wertekategorien, persönlich individuelles Wohnen, Selbstbestimmung, Sorge und Pflege aufbauend auf sozialverpflichtenden Finanzierungskonzepten. Dies sind sicher tragfähige Ingredienzien für eine zukünftige „Gesellschaft des längeren Lebens“ und bereits heute Grundpfeiler der Wohnstifte. Mit diesem Rüstzeug der Gegenwart und Blick auf die Zukunft und die neuen sozialen Verpflichtungen können sich die Orte der klassischen, professionellen Pflege zu Gestaltern der generationenverknüpfenden Lebensräume entfalten. 

 

 


 

 

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