Zur Geschichte der Wohnstifte in Deutschland

Dr. Stefan Arend

alternovum 3/2014

München, 06.12.2014.

Wohnstift gestern – heute – morgen:
Zur Geschichte der Wohnstifte in Deutschland

In der interaktiven alternovum-Ausgabe 3/2014 finden Sie auf den Seiten 10 bis 14 Ausführungen zum Titelthema "Wohnstift gestern – heute – morgen": ein Interview mit dem KWA Gründer Hermann Beckmann, eine Betrachtung von KWA Vorstand Dr. Stefan Arend und dem Gerontologen Dr. Roland Schmidt, sowie eine Zukunftsvision von Dr.-Ing. Bernd Wiemann und Bettina Augustin. Im hier folgenden Beitrag blickt Dr. Stefan Arend ganz weit zurück: bis zu den Anfängen von Wohnstiften in Deutschland.


Sind Wohnstifte ein Kind der späten 60er Jahre? Nur bedingt. Bereits gegen Ende der Weimarer Republik entstanden – selbst aus der Distanz von 90 Jahren – Vorzeigeeinrichtungen für die Betreuung und Versorgung alter Menschen. Diese Einrichtungen weisen für die Zeit bahnbrechende Konzepte auf, die in dieser Form erst wieder in den 1960er Jahren aufgegriffen wurden. Sie verbanden das Bedürfnis des individuellen Wohnens von alten Menschen mit Gemeinschaftsräumen, gastronomischen Angeboten, kulturellen Programmen und Hilfestellungen, wenn Unterstützung notwendig sein sollte. Sie können daher als die Prototypen der heutigen Wohnstifte bezeichnet werden. 

Unter dem Schlagwort „Befreites Wohnen“ realisierten beispielsweise die Architekten Mart Stam, Werner Moser und Ferdinand Kramer 1928 bis 1930 das Henry und Emma Budge-Heim in Frankfurt am Main, ein Altenwohnheim für „jüdische und christliche Pensionäre“ mit 100 Einzelraumwohnungen und 6 Zweiraumwohnungen. Das Haus, das „weitab lag von dem üblichen Geruch der Altersheime“ und nicht nur für die damalige Zeit modernsten Standard aufwies, verfügte über viele zentrale Gemeinschaftseinrichtungen, zum Beispiel einen Speisesaal, der eher an ein Restaurant erinnerte. Im Henry und Emma Budge-Heim hatte jede Wohnung schon einen Balkon, große Außenglasflächen, einen Vorraum mit Waschbecken, Zentralheizung und ein

eigenes Gartenstück. Zur Eröffnung des Heims am 10. Mai 1930 schrieb die Frankfurter Zeitung von „Heiterkeit und Leichtigkeit, einem Meisterstück kristallklarer Architektur“. Nachdem das Heim 1939 „arisiert“ worden war, wurde es 1941 aufgelöst. Im Krieg wurde das Gebäude schwer beschädigt und diente nach 1945 den amerikanischen Besatzungstruppen. Die Budge-Stiftung hat das Haus dann in den 1960er Jahren verkauft und ein neues Heim an anderer Stelle in Frankfurt errichtet. Das Gebäude wurde von den amerikanischen Truppen bis 1995 genutzt, anschließend diente das Areal als Zahnklinik. Seit 2001 befindet sich im Haus wieder ein Alten- und Pflegeheim (Grünhof im Park).

Ähnlich beeindruckend und modern war auch das Altenwohnheim der Marie-von-Boschan-Aschrott-Stiftung in Kassel. Das Heim, das von den Architekten Otto Haesler und Karl Völker in den Jahren 1929 bis 1931 realisiert wurde, verfügte ebenfalls über Einzelwohnungen für 100 Damen - in nach Süden ausgerichteten voll verglasten Wohnflügeln. „Wie ein Wunder blieb das Altersheim von wesentlichen Kriegsschäden verschont.“

1977 wurde das Heim als typisches Gebäude der Neuen Sachlichkeit unter Denkmalschutz gestellt. Heute dient das Gebäude als Pflegeheim.

In München wurde 1926 das Luise-Kiesselbach-Haus als „Hotel der Erfüllung“  eröffnet. Seine Gründerin und Namenspatronin Luise Kiesselbach hatte ein ausgeprägtes soziales Gewissen und war ihrer Zeit konzeptionell voraus. Die Ansprüche, die sie an das Heim stellte, lesen sich fast wie aus der heutigen Zeit: Es sollte ein „lebensfrohes Heim für die Alten aller Gesellschaftsschichten sein – von der Gräfin bis zum Zeitungsträger“. Sie forderte ein selbständiges und selbstbestimmtes Leben in Einzelzimmern mit den eigenen Möbeln.

Es gab Speiseräume für gemeinsames Essen, aber auch bereits Kühlschränke, so dass die Bewohner eigene Lebensmittel lagern konnten. Das Heimentgelt richtete sich nach der Zimmergröße und war im Vergleich zu anderen Einrichtungen recht hoch. Dahinter steckte jedoch ein sozialer Gedanke: Ein Teil des Geldes wurde darauf verwendet, ärmeren Bewohnern, oft Künstlern, den Heimaufenthalt mitzufinanzieren. 2006 wurde das Gebäude abgerissen und an anderem Ort das neue Luise-Kiesselbach-Haus, ein Pflegeheim, errichtet. Im KWA Luise-Kiesselbach-Haus wird an das ursprüngliche Heim mit einer kleinen Ausstellung von Bauplänen, der Satzung des Hauses und Fotos erinnert.

 

Siehe auch:
Henry und Emma Budge-Stiftung
Marie von Boschan-Aschrott-Altersheim-Stiftung


Luise-Kiesselbach-Haus am ersten Standort, in der Einsteinstraße in München, Aufnahme von 19xx
Luise-Kiesselbach-Haus am ersten Standort, in der Einsteinstraße in München

Info

 

Das in die Jahre gekommene Luise-Kiesselbach-Haus am Standort Einsteinstraße wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufgegeben: zugunsten eines Neubaus.

 

Im Jahr 2006 konnte in München-Riem das neue KWA Luise-Kiesselbach-Haus eröffnet werden: ein modernes, zeitgemäßes Pflegestift, das allen aktuellen Anforderungen und Wünschen entspricht.

 

Dennoch legen Bewohner und Mitarbeiter großen Wert darauf, dass der Geist und die Ideale der Namensgeberin Luise Kiesselbach auch im neuen Gebäude in der Graf-Lehndorff-Straße weiterleben.

Historische Fotos


Bilder vom alten Luise-Kiesselbach-Haus:

Speiseraum, Gesellschaftsraum


 

 

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