„Mit gemeinsamen Werken kann man Brücken schlagen“

KWA EXKLUSIV-INTERVIEW mit Sandra Gräfin Bernadotte

alternovum 3/2015

Insel Mainau / Unterhaching, 20.11.2015.

Von Sieglinde Hankele.


Gräfin Bernadotte, beschreiben Sie doch bitte kurz das Projekt „Pro Integration“.
Wir betreuen im Rahmen von „Pro Integration“ auf der Insel Mainau Jugendliche im Alter von 16 bis 24 Jahren mit einer Lernbeeinträchtigung. In einer elfmonatigen berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme begleiten wir junge Menschen auf ihrem Weg ins Berufsleben. Meistens haben wir fünf oder sechs, höchstens zehn Jugendliche pro Jahrgang. Wir arbeiten jetzt seit 25 Jahren mit der Bundesagentur für Arbeit zusammen, die Zusammenarbeit klappt sehr gut und wir unterstützen uns gegenseitig.

Welche Art von Aufgaben haben die Jugendlichen hier?

Zunächst gab es hier nur die gärtnerische Arbeit. Mit dem Café Vergissmeinnicht habe ich vor sechs Jahren ein neues Aufgabengebiet erschlossen.  Das Projekt verbindet beide Elemente miteinander und die Jugendlichen lernen dabei einen festen Arbeitsalltag kennen.  So helfen sie im Garten und im Café. Die Jugendlichen arbeiten an der Spüle, richten Brote, helfen an der Theke, schneiden Kuchen, geben Kuchen aus, räumen die Tische ab, achten auf die Sauberkeit, dekorieren im Café. Wichtig ist mir, dass sie dabei auch die Prozesse verstehen: So stammt zum Beispiel der Schnittlauch für das im Café angebotene Schnittlauchbrot aus dem Schulgarten. Wenn die Jugendlichen vergessen, den Schnittlauch zu gießen, haben wir kein Schnittlauchbrot zu verkaufen.

Sind die Jugendlichen auch in Verwaltungsaufgaben eingebunden?
Ja, beispielsweise bei Bestellungen. Natürlich stehe ich dabei und helfe weiter, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Oder wenn Lieferungen kommen, bekommen sie die Aufgabe, diese zu kontrollieren: Stimmt die Lieferung mit der Bestellung überein. Aber immer in Anleitung oder Begleitung von uns, in einem geschützten Rahmen. Unsere Jugendlichen brauchen Konstanz, Verlässlichkeit und Bezugspersonen.

Werden die Jugendlichen während der elfmonatigen Bildungsmaßnahme auch beschult?
Das ist uns von der Bundesagentur für Arbeit freigestellt. Aber wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden, die Jugendlichen jeden Vormittag zu unterrichten. Unterricht erhalten sie beispielsweise in Mathematik, Deutsch, Ernährung, Sozialkunde, Geografie und Pflanzenkunde. Oder wir nehmen aktuelle Fragen auf. Und wenn ich merke: Heute früh hat es schon Unstimmigkeiten gegeben, nehmen wir uns die Zeit und klären dies. Es gibt keinen vorgeschriebenen Lehrplan, sodass wir wirklich auf die Bedürfnisse eingehen können. Von den fünf oder sechs Jugendlichen bewegt sich jeder auf einem anderen schulischen Niveau. Da wir so klein sind, haben wir jedoch die Möglichkeit, auf jeden Einzelnen einzugehen. Ich selbst unterrichte Deutsch, Mathematik und Geografie, sowie aktuelle und sozialpädagogische Themen.
Jeden Freitag frühstücken wir miteinander. Und einmal im Jahr darf sich jeder Teilnehmer ein Menü wünschen. Dazu gehört es, die Zutaten für die Personenzahl hochzurechnen, in Begleitung einkaufen zu gehen und dann kochen wir gemeinsam. Zur Aufgabe gehört es auch, dass wir den Tisch schön und richtig eindecken, und dass auch am Tisch die Manieren entsprechend sind. Das gehört für mich auch zum Unterricht, dass man Umgangsformen pflegt und sagt: Das heißt nicht: Gib mir, sondern: Gib mir bitte, oder: Dürfte ich noch?

Wie läuft „Pro Integration“ konkret ab?

Die Jugendlichen kommen Mitte September zu uns. Erst haben wir eine Kennenlernphase, nach ein, zwei Monaten machen wir dann Eignungstests: Ist er oder sie in eine Ausbildung vermittelbar? In eine Anlehre? Oder in eine begleitete Lehre? Und dann kommt die Bundesagentur für Arbeit und wir sprechen über die einzelnen Jugendlichen. Im Januar, Februar schicken wir sie dann in Praktikas, damit sie das Berufsbild kennenlernen, da sie oftmals im Vorfeld eine ganz andere Vorstellung haben.

Gibt es hier genug Betriebe, die die Jugendlichen aufnehmen?

Ja. Wir haben einen Vorteil: Es gibt uns schon sehr lange, man kennt uns. Natürlich auch über die Mainau GmbH. Aber wenn ich einen Jugendlichen vermittle und es klappt nicht so gut, wird es natürlich schwieriger. Deshalb sage ich in den Betrieben: Wenn Sie Probleme mit dem Jugendlichen haben, rufen Sie an, dann kommen wir und tauschen uns aus. Die Kontaktpflege mit den Betrieben ist eine ganz, ganz wichtige Arbeit.

Wenn die Berufsbildungsmaßnahme auf der Mainau abgeschlossen ist und die Jugendlichen an ihrem Ausbildungsplatz sind: Gibt es auch dann noch Kontakt, wenn alles gut läuft?

Im ersten Monat gehen wir zwei Mal in den Betrieb, oder telefonieren. Und was sich auch sehr bewährt hat: Wir laden die letzten zwei Jahrgänge immer zu unserer Weihnachtsfeier ein. Sie sollen spüren, dass sie hier einen Anker haben und auch vorbeischauen können.
 

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Sandra Gräin Bernadotte Sandra Gräfin Bernadotte - Foto: Insel Mainau/Peter Allgaier

Die Jugendlichen sollen spüren, dass sie hier einen Anker haben und auch vorbeischauen können.

Sandra Gräfin Bernadotte

Café Vergissmeinnicht auf der Insel Mainau - Foto: Insel Mainau/Peter Allgaier

Sandra Gräfin Bernadotte

Die als Sandra Angerer in St. Gallen geborene Gräfin Bernadotte ist studierte Sozialpädagogin und geschäftsführende Vorsitzende des Vereins „Gärtnern für Alle e.V.". 2010 hat sie auf der Insel Mainau das Café Vergissmeinnicht eröffnet. Das Café wird von lernschwachen Jugendlichen betrieben, die im Fachbereich „Pro Integration" des gemeinnützigen Vereins auf der Mainau eine elfmonatige berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme durchlaufen. Neben dieser Tätigkeit engagiert sich Sandra Gräfin Bernadotte in den verschiedensten Bereichen ehrenamtlich, darunter

 

Vorsitzende des Hospizvereins Konstanz,

Mitglied des Stiftungsrats von „Pro Juventute“, Schweiz, 

Vorsitzende der Stiftung „Singen mit Kindern“, 

Beiratsmitglied Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf Wahlwies e.V. und 

Aktionärin der gemeinnützigen Aktiengesellschaft KWA Kuratorium Wohnen im Alter.


 

 

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