"Lottofee" Karin Tietze-Ludwig über ihr Leben

KWA EXKLUSIV-INTERVIEW

alternovum 3/2017

Unterhaching, 01.12.2017.


Frau Tietze-Ludwig, Ihre TV-Karriere nahm 1964 beim Hessischen Rundfunk ihren Anfang. Mit 23 waren Sie eine der jüngsten Fernsehansagerinnen überhaupt. 1967 starteten Sie dann in der ARD durch, präsentierten mehr als 30 Jahre lang einem Millionenpublikum die Ziehung der Lottozahlen. Was mochten Sie lieber? Ansage oder Lottozahlen? 

Beides war Bestandteil meiner Aufgaben, da konnte ich gar nicht wählen. Ich war ja fest angestellt, habe redaktionelle Aufgaben übernommen sowie Ansage und Moderationen. Auch im Dritten Programm habe ich Verschiedenes gemacht.

Seit wann gelten Sie eigentlich als „Lottofee“? 

Den Begriff haben sich findige Journalisten ausgedacht, kaum dass ich das gemacht habe. Wahrscheinlich, weil eine Fee der Legende nach auch blond ist und Wünsche erfüllt. – Dieses Attribut hat mich nie gestört. Mit den Lottozahlen habe ich ja einen hohen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad erreicht. 

In einem Stern-Artikel heißt es über Sie: "Föhnfrisur und Kostüm saßen perfekt, und sie wurde für viele Zuschauer zum Geschmacksvorbild." – War das Outfit vorgegeben?

Nein, das war mir überlassen, mein eigener Geschmack. Und das ging über meine private Kasse. Das Finanzamt hat es nicht als Berufskleidung anerkannt, weil ich das ja auch privat tragen konnte. Das war ein teurer Spaß. Ich habe aber versucht, das gleiche Kostüm mit unterschiedlichen Accessoires verändert aussehen zu lassen, sodass die Lücke im Geldbeutel nicht allzu groß wurde. Heute gibt es ja Firmen, die Moderatorinnen sponsern – und dann steht da: Eingekleidet von Soundso. Das war zu meiner Zeit undenkbar. Dennoch waren Ansagerinnen und Moderatorinnen damals modische Vorbilder.

Haben Sie während Ihres Berufslebens eigentlich selbst Lotto gespielt? Oder war es Ihnen untersagt? 

Es war mir nicht untersagt. Wirklich jeder konnte spielen. Es gab ja keinerlei Manipulationsmöglichkeit. Die Scheine wurden damals auf Filme übertragen und bis zur Ziehung in einen Tresor eingeschlossen. Ich habe immer wieder mal gespielt, aber nicht mit festen Zahlen. Ich hatte aber kein Lottoglück. 

Was hätten Sie mit einem großen Gewinn gemacht? 

Einen Millionenbetrag hätte ich gedrittelt. Ein Drittel hätte ich wahrscheinlich für Weltreisen verwandt. Ein Drittel hätte ich angelegt. Und ein weiteres Drittel hätte ich an Hilfsorganisationen weitergegeben. 

Im Sommer 2013 wurde die Live-Übertragung der Ziehung im Fernsehen eingestellt und ins Internet verlegt. 

Ich habe das bedauert. Natürlich muss man auch mal mit Gewohnheiten brechen. Aber das war so eine liebgewonnene Gewohnheit. Man konnte kurz vor der Tagesschau den Lottozettel herauskramen, um die Zahlen live zu vergleichen. Heute werden im Fernsehen nur noch die bereits gezogenen Zahlen präsentiert, in Kurzform.

Hat es Sie eigentlich nie gereizt, in einer TV-Serie mitzuspielen? Schließlich hatten Sie auch Schauspielunterricht gehabt. 

Da hab‘ ich nie dran gedacht. Meine Ausbildung bezog sich hauptsächlich auf Sprechtechnik. Und ich war früher ein Mensch, der sehr in sich gekehrt und eher schüchtern war. Das hätte mich gehemmt, schauspielerisch tätig zu sein. Außerdem habe ich an meiner Begabung gezweifelt.

Was hat Sie im Berufsleben am meisten erfüllt? 

Ich fand es immer wichtig, als Ansagerin Einführungen in Dokumentationen zu geben oder Informationen zum historischen Hintergrund, sodass der Zuschauer wusste, was ihn erwartet. Aus der Ansagerin wurde dann ja eine Programmmoderatorin, deren Aufgabengebiet größer war. Ich habe auch immer wieder Sendungen moderiert, zum Beispiel mehrmals den Vorentscheid zum Grand Prix de la Chanson. Und fürs Dritte Programm sind wir beispielsweise eine Zeitlang jede Woche in eine andere hessische Stadt gereist und haben diese dann vorgestellt. Mein Anspruch war dabei immer eine journalistische Herangehensweise. 

Sie waren 57, als Sie 1998 beim HR komplett aufhörten. Was war der Grund? 

Mein Mann war schon pensioniert und wir wollten den Rest unseres Lebens möglichst bunt gestalten. Wir wollten gemeinsam reisen und die Welt kennenlernen. Mein Mann war ja auch Journalist. Wir hatten vor, gemeinsam Reisebegleiter zu schreiben. Leider wollte es das Schicksal anders. Ich bin mit 59 verwitwet. Da habe ich mich für gut zwei Jahre in mein Schneckenhaus zurückgezogen – bis meine Schwester und Freunde mich herausholten. Geholfen haben mir zwei Bücher, an denen ich mitgearbeitet habe. „Stärker als je zuvor“ und „Heute weiß ich, was ich will“. Das hat mich befreit. 

Sie hatten eben das Radio an. Welche Bedeutung haben Radio und Fernsehen für Sie heute? 

Radio ist mein Begleiter von morgens bis abends. Durch Nachrichten bin ich immer auf dem neuesten Stand. Ich war schon immer ein Radiotyp, wollte gar nicht zum Fernsehen. Beim Radio war aber keine Stelle frei, die haben meine Bewerbung dann ans Fernsehen weitergegeben. So kam das. – Ich schalte aber schon auch den Fernseher an, sehe mir täglich die Tagesschau an. Ansonsten wähle ich sehr gezielt, oftmals politische Sendungen. Ich bin ein politisch denkender Mensch. Ich mag aber auch die Rosenheim Cops mit dem bayerischen Dialekt. Das finde ich amüsant. Eine wunderbare, leichte Vorabendunterhaltung.

Die Rosenheim Cops bilden das ganze Altersspektrum ab. In vielen anderen Serien scheint es hingegen nur schöne junge Menschen zu geben. Entspricht das dem Publikumsgeschmack? 

Das denke ich nicht. Unsere Welt besteht nicht nur aus jungen Menschen. Ältere Menschen wären in vielen Dingen glaubwürdiger, weil mehr dahintersteht. Viele Produzenten glauben jedoch, sie müssen der Welt vorgaukeln, dass es nur junge dünne langhaarige Frauen gibt. Sie sehen alle gleich aus. Wie aus dem Katalog. Kurze Haare würden schon mal auffallen. Aber das traut sich keiner. Das ist schade. Ich vermisse Persönlichkeiten. Übrigens auch unter Politikern. Charakterköpfe wie Strauß, Wehner oder Brandt sucht man vergeblich. Viele überlegen sich genau, was sie sagen, und, ob es mediengerecht ist – weil sie unbedingt wiedergewählt werden wollen.

Sie sehen auch mit 76 noch fantastisch aus. Was tun Sie dafür? 

Ich habe ein paar gute Gene geerbt. Und ich schlafe viel. Ich mache auch regelmäßig Sport, schwimme jeden zweiten Tag eine halbe Stunde. Und ich spiele Golf. Das fordert zum einen Konzentration, zum anderen bringt es Kondition. Über einen 18-Loch-Golfplatz geht man ja mindestens vier, fünf Stunden, ist dabei an der frischen Luft. Und man ist auch mit netten Menschen zusammen. Kommunikation ist ja auch ganz wichtig im fortgeschrittenen Alter. – Aber ich führe kein asketisches Leben, trinke auch mal ein Glas Wein. Und einmal in der Woche fahre ich nach Frankfurt, weil ich zwischendurch das Großstadtgetümmel brauche. Und, weil mir Kultur sehr wichtig ist. Ich geh gerne in die Oper oder zu Konzerten. Außerdem bin ich eine Reisetante. Am liebsten verreise ich mit Freunden. Wir bevorzugen Orte, an denen wir Golfspiel und Kultur verbinden können.

Das Gespräch führte Sieglinde Hankele.

Karin Tietze-Ludwig

Die 1941 in Siegen geborene Karin Tietze-Ludwig wuchs in Mittelhessen auf. Nach einer Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin sammelte sie in der PR-Abteilung einer amerikanischen Fluggesellschaft erste berufliche Erfahrungen. Berufsbegleitend nahm sie Schauspiel- und Sprechunterricht, wechselte 1964 dann zum Hessischen Rundfunk. Dort lernte sie ihren Mann kennen. Aus der Ehe ging ein Sohn hervor.

 

Auf dem Bildschirm war sie zunächst als Ansagerin nur nachmittags zu sehen. Doch als Nachfolgerin von Hilde Nocker gelang ihr der Sprung ins Abendprogramm. Große Bekanntheit erlangte Karin Tietze-Ludwig als „Lottofee“. Sie lebt seit vielen Jahren in einer Kleinstadt in der Nähe von Frankfurt am Main. 

Unsere Welt besteht nicht nur aus jungen Menschen. – Ältere Menschen wären in vielen Dingen glaubwürdiger.

Karin Tietze-Ludwig


 

 

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