Heidi Biebl: Olympiasiegerin von Squaw Valley - dank eiserner Disziplin und moderner Fahrtechnik

KWA EXKLUSIV-INTERVIEW

alternovum 3/2018

Oberstaufen/Unterhaching, im November 2018.


Frau Biebl, mit 19 wurden Sie bei den alpinen Wettbewerben in Squaw Valley Olympiasiegerin in der Abfahrt. Wie alt waren Sie, als Sie zum ersten Mal auf Skiern standen? 

Drei. Da hat mir meine Mutter beim Schreiner so kleine Rutscherle machen lassen und mich zum Staufenlift mitgenommen. Das Skifahren habe ich mir mehr oder weniger selbst beigebracht. Ich wollte das unbedingt können. 

Talent und Eifer zeigten sich schon in jungen Jahren. Ihr erster Sieg bei einem Schülerrennen war besonders bemerkenswert.

Ja, das kann man sagen. Ich war damals sieben. Gleich am Start ist mir ein Skistock abhandengekommen. Da fuhr ich einfach mit einem Stock weiter und war trotzdem schneller als die Buben. Als Preis für den 1. Platz habe ich neue Skier bekommen und einen einwöchigen Skikurs. Aber zum Kurs bin ich nur ein einziges Mal gegangen. Da sollte ich Pflug fahren, das war mir viel zu langweilig.

Wie sah denn damals Ihre Ausrüstung aus? 

Das waren noch Skistiefel zum Binden, auf den Skiern waren vorne am Stiefel Backen, hinten Lederriehmen. Ein Onkel hat aus Amerika warme Unterwäsche für mich geschickt, meine Mutter hat mir einen Pullover gestrickt und einen Anorak genäht. Mein Vater war im Krieg gefallen, Mutter musste allein für mich sorgen. 

Waren damals nicht alle so ähnlich gekleidet?

Oh nein. Auch damals gab es schon Skimode von Bogner. Als ich Jugendmeisterin geworden war, wurde ich zu einem Trainingskurs eingeladen. Und dann standen da am Wallberg lauter gestylte Mädchen in schicker Kleidung. Alle hatten einen Koffer dabei und ein zweites Paar Skier. Ich hatte einen Rucksack und nur ein paar Skier. Am liebsten wäre ich gleich wieder heimgefahren. Aber dann hab‘ ich mir gedacht: Ich muss einfach schneller und besser sein als alle anderen, dann bin ich auch jemand. 

Hatten Sie eigentlich ein Idol?

Wenn überhaupt, dann Luggi Leitner. Der hat mir imponiert, in seinem ganzen Auftreten. Er hat mich mal eine Woche lang trainiert. Ich erinnere mich an eine Schussfahrt von der Kanzelwand. Er vorneweg, ich hinterher, so schnell es ging. An einer schwierigen Stelle bin ich gestürzt, aber gleich wieder auf und weiter. Als ich unten ankam, hatte Ludwig schon die Skier runter. So gut wollte ich auch werden. 

Sie sind als erste Frau in der Ei-Form Abfahrt gefahren. Tief in die Hocke geduckt und in breiterer Spur – eine große Kraftanstrengung zugunsten eines höheren Tempos. Das haben kurz vorher französische Rennläufer erfolgreich vorgeführt. Haben Sie sich das abgeschaut?

Nein, das hatte ich da gar noch nicht gesehen. Ich bin instinktiv so gefahren, weil ich schnell sein wollte. Da hat man ja weniger Luftwiderstand.

Und wie war das mit dem Riesenslalom, von dem Sie nachträglich disqualifiziert wurden, obwohl sie gut und ziemlich schnell ins Ziel kamen? 

Ich war zu spät dran. Als aber ein anderes Mädchen ausfiel, bin ich an ihrer Stelle gefahren. Nach dem Startnummernvergleich wurde mein Lauf aber nicht gewertet. Das war schade, weil ich damit auch keine Chance mehr auf einen Kombinationssieg hatte. Ich habe es dann aber doch noch auf drei Kombinationssiege in Folge gebracht und dafür 1965 den Großen Bambi bekommen. Das war die höchste SDS-Auszeichnung, die es gab. 

Und warum waren Sie zu spät gekommen?

Ich hatte mich früh genug auf den Weg gemacht, dann aber gemerkt, dass ich mein Gebet nicht dabeihatte. Das war in einem Stofftäschchen, das mir meine Mutter genäht hatte, im Hotel geblieben. Das war mein Talismann. Also bin ich nochmal zurück und hab‘ es geholt. – Das Zuspätkommen hatte übrigens die Folge, dass Christl Cranz bei der Olympiade in Squaw Valley an meine Seite gestellt wurde. Sie sollte mich begleiten und darauf achten, dass ich immer rechtzeitig am Start war. Mit 19 war man damals ja noch minderjährig.

Hatten Sie eigentlich schon beim Hinflug zur Olympiade das Gefühl, dass es etwas werden könnte mit einer Medaille?

Nein. Wenn man siegessicher ist, klappt es sowieso meistens nicht. Und als ich nach der Abfahrt durchs Ziel kam, habe ich fürchterlich geschimpft. Ich war überhaupt nicht zufrieden mit mir. Wir hatten ja schon 14 Tage lang trainiert, kannten die Strecke. Trotzdem hab‘ ich nicht alle Kurven so erwischt, wie ich mir das vorgenommen hatte. Ich konnte dann kaum glauben, dass ich Olympiasiegerin war.

Was ist die schönste Erinnerung an diesen Tag?

Dass ich mit meiner Mutter telefonieren konnte, obwohl wir damals zu Hause noch kein Telefon hatten. Während ich in Amerika in einem Hotel stand, haben sie meine Mutter in Oberstaufen an ein Telefon in unserer Nachbarschaft geholt. Ich denke, das war auch für meine Mutter ein besonderer Moment. – Worüber ich heute noch lachen muss: Als ich meiner Mutter gesagt habe, sie soll den Katza Boale von mir grüßen, dachten viele, dass das mein Freund ist. Aber das war einfach nur unser Kater.

Und was bekamen Sie als Anerkennung?

Ich hab‘ damals eine kaufmännische Lehre in einer Skifabrik gemacht. Der Chef wollte mir als Anerkennung eine Armbanduhr schenken. Ich hatte aber schon eine und brauchte Geld, weil ich den Führerschein machen wollte. Der wurde mir dann wirklich bezahlt. Außerdem bekam ich ein Kälbchen geschenkt.

Ein Kälbchen?

Ich wollte nach dem Olympiasieg unbedingt auf eine Ranch, hatte dabei an Pferde gedacht. Da gab es dann zwar nur Rinder, aber ein braun-weiß-geflecktes Kälbchen hat mir so gut gefallen, dass der Rancher es mir geschenkt hat. Nachdem es die nötigen Impfungen hatte, schickte er es mit einem Flugzeug nach München. Wir haben es nach Oberstaufen geholt, „Miss Olympia“ genannt und zu einem Bauern gebracht. Dort dürfte es noch heute Nachkommen vom einstigen Kälbchen geben. 

Hat sich der Olympiasieg eigentlich für Sie ausgezahlt? Wurde Ihnen ein Werbevertrag angeboten?

Leider nein. Es war auch keine Geldprämie mit dem Sieg verbunden. Trotzdem habe ich mich natürlich über die zahlreichen Auszeichnungen gefreut: das silberne Lorbeerblatt von der Bundesrepublik Deutschland, den Goldenen Ski vom Deutschen Skiverband, die Goldene Leistungsnadel vom Allgäuer Skiverband. Die Gemeinde Oberstaufen hat inzwischen sogar eine Straße nach mir benannt und mir den Goldenen Ehrenring verliehen. 

1962 haben Sie es aufs Spiegel Cover geschafft, galten als riesiges Talent. Warum haben Sie Ihre Karriere schon mit Mitte zwanzig beendet?

Bei der Olympiade in Innsbruck habe ich ja noch zwei vierte Plätze geholt. Aber ich hatte dann massive Knieprobleme, weil eine Verletzung nicht richtig ausgeheilt war. Eine medizinische Betreuung gab es damals noch nicht. Ich hab‘ dann vor allem an die Zukunft gedacht und gemeinsam mit meiner Mutter in Oberstaufen ein Kurheim gebaut. Das war ein großer Kraftakt, auch finanziell.

Das einstige Kurheim ließen Sie zum Hotel Olympia umbauen, haben Sie bis zum Jahr 2000 selbst geleitet. 

Ich hatte über all die Jahre die tatkräftige Unterstützung von meinem Ehemann Bora. Er ist Cellist, hat 25 Jahre lang hier im Kurorchester gearbeitet. Auch meine Mutter trug jahrelang zum Erfolg bei. Sie hat sich um die Schrothkuren gekümmert, war Schrothkurpackerin.

Und wie ging es mit dem Sport weiter?

Nach einer Ausbildung zur Skilehrerin habe ich eine Skischule geleitet. Und 1972 habe ich die Olympischen Winterspiele von Sapporo im Fernsehen als Co-Kommentatorin begleitet. Beruflich habe ich mich dann aber auf das Kurheim – später Hotel – konzentriert. Privat hat das Skifahren immer eine große Rolle gespielt. Es gab eine Zeit, da wurde Skifahren mit Wasserskifahren kombiniert oder mit Tennisspielen. Das hat mir besonders großen Spaß gemacht. Ich bin auch die ganzen Entwicklungen beim Skifahren mitgegangen, habe meine Fahrtechnik immer dem neuen Material angepasst. In der vorigen Saison konnte ich aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen leider nicht selbst Ski fahren. Doch vielleicht schaffe ich es ja dieses Jahr wieder. 

Und wie halten Sie sich heute fit?

Auf meinem Wochenplan steht ganz viel Sport. Pilates und Yoga, Rückengymnastik und Fitnessstudio, außerdem elektronisches Muskeltraining. Um mein Gedächtnis zu fordern, nehme ich Englischunterricht. Aber auch PC-Spiele fördern das Konzentrationsvermögen. Freecell und Titanic spiele ich besonders gerne. 

Was würden Sie sich für die Zukunft in Oberstaufen noch wünschen?

Dass wir hier wieder Weltcup-Rennen haben. Die allermeisten Kriterien sind erfüllt. Hanskarl Bechteler, der 1. Vorstand des Ski Clubs Oberstaufen, engagiert sich sehr dafür. Nun gibt es auch eine Arbeitsgruppe, die hoffentlich das auf den Weg bringt, was noch zu tun ist. Da wäre ich dann natürlich an der Piste.

Das Gespräch führte Sieglinde Hankele

 

>> Zum Album mit Fotos von Heidi Biebl.

Dafür herzlichen Dank an den Ski Club Oberstaufen!

 

 

Heidi Biebl 2018: mit ihrer Goldmedaille von 1960. Damals gab es das Edelmetall noch nicht am Band, sondern in einer Schatulle. - Foto: Sieglinde Hankele / KWA.

Als ich bei einem Trainingskurs lauter gestylte Mädchen in schicker Kleidung gesehen habe, wäre ich am liebsten wieder heimgefahren. - Aber dann hab‘ ich mir gedacht: Ich muss einfach schneller und besser sein als alle anderen, dann bin ich auch jemand.

Heidi Biebl

Heidi Biebl

Heidi Biebl ist in Oberstaufen geboren und aufgewachsen, lebt auch heute noch dort. Ihre größten Erfolge im alpinen Skisport, in verschiedenen Disziplinen:

10 deutsche Jugendmeistertitel,
15 deutsche Meistertitel,
30 Siege bei FIS-A Rennen (heute Weltcup),
1960 Olympiasieg in der Abfahrt.

Bedeutende Auszeichnungen:
das Silberne Lorbeerblatt,
Großer Bambi des SDS,
Goldener Ski des DSV,
Goldene Leistungsnadel des Allgäuer Skiverbands,
Goldener Ehrenring der Gemeinde Oberstaufen.  

    Tief in die Hocke geduckt und in breiter Spur bin ich instinktiv gefahren, weil ich schnell sein wollte.

    Heidi Biebl


     

     

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