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alternovum Ausgabe 1/2020

Karin und Eckard Essle: von Deutschland nach Brasilien und zurück

Fast ein Vierteljahrhundert in Südamerika. - Ein Beitrag von Sieglinde Hankele.

Rottach-Egern, 26. März 2020

Die Tochter von Karin und Eckard Essle lebt in Deutschland, der Sohn in Brasilien. Dies spiegelt ein Stück weit das Leben des Ehepaars, das seit vorigem Frühjahr im Rupertihof wohnt, weil beide die Region für die hohe Lebensqualität schätzen und Berge und Seen mögen. In den Bergen haben sie sich einst kennengelernt. Die Liebe zum Wasser entwickelte sich beim Segeln in Brasilien.

Nach Brasilien ist das Paar – mit den damals noch kleinen Kindern – 1968 gegangen: Weil Eckard Essle als Technischer Leiter und Direktor in São Paulo eine Niederlassung von Fichtel & Sachs mit aufbauen wollte. Der diplomierte Maschinenbauingenieur hatte große Lust darauf, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Auch seine Frau freute sich auf die Veränderung, und zwar aus einem besonderen Grund: Mitglieder ihrer Familie lebten schon seit einigen Generationen mal in Deutschland, mal in Brasilien. Außerdem hatte das Land sie bereits als Mädchen herzlich aufgenommen, als die Mutter 1947 mit den drei Töchtern in ihrer Not zu Verwandten nach Brasilien zog. Der Vater war gefallen, der Besitz in Oberschlesien verloren. Da der Großvater in Rio Claro die Gründung eines Gymnasiums unterstützt hatte, wurde das Schulgeld für die Enkelinnen ermäßigt, so kamen sie zurecht. „Obwohl ich das Land und die liebenswürdigen, hilfsbereiten Menschen sehr mochte, ging ich 1956 nach Deutschland zurück“, berichtet die inzwischen 80-Jährige und erklärt: „Als Kriegswaise bekam ich hier ja staatliche Beihilfe, konnte an der Universität Heidelberg eine Ausbildung in Krankengymnastik absolvieren.“

Wieder zurück in Brasilien. São Paulo war in den 60er Jahren von Aufbruchsstimmung geprägt. Das Land lockte Autohersteller, daher ließen sich dort auch Zulieferer nieder – unter anderem der Arbeitgeber von Eckard Essle. „Die brasilianischen Arbeiter waren zwar nur angelernt, doch arbeitswillig. Und zum Einstellen von Maschinen kamen Meister aus Deutschland“, führt der inzwischen 84-Jährige aus und ergänzt: „Meine primäre Aufgabe war, den Automatisierungsgrad sukzessive auf deutsches Niveau anzuheben.“ Die Niederlassung entwickelte sich gut. 1968 hatte er mit 450 Mitarbeitern angefangen, als sie 24 Jahre später nach Deutschland zurückgingen, weil man ihn am Standort Schweinfurt brauchte, konnte er sich von rund 1500 Mitarbeitern verabschieden. Und von einem Land, in dem das Paar sehr gerne gelebt hat: Weil sie gute Freunde gefunden hatten. Weil die Kinder in deutschen Schulen sowohl das brasilianische als auch das deutsche Curriculum lernen und damit später in Deutschland studieren konnten. Weil alle Ethnien friedlich nebeneinander lebten, einander akzeptierten. Weil São Paulo mit mehreren hundert Bühnen und zahllosen Restaurants keinen Wunsch offenließ.

Mit Stolz blicken beide auf ein Projekt, in das vor allem Karin Essle viel Zeit und Energie gesteckt hat: auf das SOS-Kinderdorf „Rio Bonito“. Gemeinsam mit drei anderen Paaren hatten sie von großen Industriebetrieben das Geld für zwölf Häuser eingeworben, damit die Idee, in Privatinitiative ein Kinderdorf zu gründen und dem Land damit etwas zurückzugeben, Wirklichkeit werden konnte. Karin Essle eignete sich ein enormes Know-how über Kinderdörfer an, Eckard Essle brachte sich als Bauleiter ein. So konnten 1982 die ersten Kinder einziehen. An den Fortbestand haben sie von Anfang an gedacht: Als die Gründer-Paare die Leitung altersbedingt nicht mehr stemmen konnten, hat SOS-Kinderdorf International – wie vereinbart – das Dorf übernommen.

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