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alternovum Ausgabe 3/2019

Der Hundertjährige, der auf Gott vertraut

Bewohnerporträt Emil Baumgärtner – ein Beitrag von Jörg Peter Urbach

Ottobrunn, 19. Dezember 2019

Er hat die Weimarer Republik, die Nazi-Diktatur und den Zweiten Weltkrieg erlebt, die Gründung von BRD und DDR, die Wiedervereinigung und den Millenniumswechsel, kurz: Emil Baumgärtner ist ein Zeitzeuge zweier Jahrhunderte. Im August 2019 feierte er seinen 100. Geburtstag im KWA Stift Brunneck, wo er seit 2011 mit seiner Frau Ursula lebt. Geboren 1919 in Würzburg, verbrachte der Jubilar seine Kindheit und Jugend im Mittelfränkischen. "Damals gab es noch keine Computer, wir haben Räuber und Gendarm im Wald gespielt", erinnert sich Baumgärtner an schöne Kindheitstage. Jahrelang war der Fahrschüler in der "Holzklasse" der Reichsbahn zur Schule nach Rothenburg o. d. Tauber unterwegs und so manches Mal fertigte sein Vater als Bahnhofsvorsteher in Schillingsfürst den Zug erst dann ab, wenn "auch der Emil" drinsaß.

"Ich muss einen Schutzengel gehabt haben ..."

Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann griff die Weltgeschichte in seinen Lebensplan ein. Auf den Reichsarbeitsdienst in Nördlingen folgte im Dezember 1939 die Einberufung zur Wehrmacht. Kriegseinsätze in Frankreich, Estland und auf der Krim schlossen sich an. Beim Rückzug aus Russland „muss ein Schutzengel bei mir gewesen sein. Den hatten viele Kameraden nicht“, berichtet Baumgärtner mit leiser Stimme. Nach kurzer amerikanischer Kriegsgefangenschaft konnte er Ende Mai 1945 in Ansbach seinen Vater in die Arme schließen. Die Mutter war 1937 überraschend verstorben.

Es brachen glücklichere Tage für Baumgärtner an. 1949 heiratete er und setzte seine Laufbahn bei der Bayerischen Staatsbank in München fort. "Unsere 30-Quadratmeter-Wohnung ohne Bad war kriegsbeschädigt, wir haben dann alles selbst renoviert". 1951 kam die Tochter zur Welt, 1957 der Sohn. Baumgärtner machte rasch Karriere und erlebte 1971 als Bankrat die Fusion mit der Bayerischen Vereinsbank. Sein Tätigkeitsschwerpunkt, nun als Abteilungsdirektor in der Münchner Zentrale der neuen Bank, war das Kreditgeschäft für Privat- und Firmenkunden. "Dabei wollte ich doch eigentlich immer Ingenieur werden. – Mit Zahlen hatte ich es gar nicht so. Aber was der Vater wollte, hat man damals eben getan."

Mit dem Rad durchs Leben

Nach dem plötzlichen Tod seiner Frau 1979 wandte sich Baumgärtner als Pensionär dem Radsport zu. Der Sport, der schon seit früher Jugend seine Leidenschaft war, wurde für ihn nicht nur zum Lebenselixier, sondern führte ihm 1983 auch seine zweite Frau Ursula zu. Die beiden unternahmen ausgedehnte Radreisen im In- und Ausland, erkundeten mehrfach Mallorca, Kreta, Alanya auf ihren Rennrädern. "Und das ohne jeden Unfall", betont Baumgärtner. Er ist überzeugt, dass sein langes Leben auf zwei Grundsäulen basiert: Sport und Gottvertrauen. "Trotz einiger Schicksalsschläge habe ich nie die Flinte ins Korn geworfen. Mein ganzes Leben lang hat mir mein Gottvertrauen immer Halt gegeben", erklärt der Hundertjährige und zitiert seinen Konfirmationsspruch, der auch heute noch sein Leitbild ist: "Gesegnet aber ist der Mann, der sich auf den Herrn verlässt und dessen Zuversicht der Herr ist."

Was ist der Sinn des Lebens? Baumgärtners Antwort kommt spontan: "Für andere da zu sein, immer hilfsbereit und freundlich." Und wie verbringt ein Hundertjähriger seinen Tag? "Ich kümmere mich heute vor allem um meine Ursula, erfreue mich an Kindern, Enkeln und Urenkeln und genieße meine Zeit hier im Stift." Hat er vielleicht eine Marotte? "Aber sicher doch", ruft Ursula Baumgärtner aus dem Hintergrund, "er muss überall helfen!" Baumgärtner nickt zustimmend und lächelt.

Für mich ist der Sinn des Lebens, für andere da zu sein, immer hilfsbereit und freundlich zu sein.

Emil Baumgärtner

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