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alternovum Ausgabe 3/2019

Erfolgreiches Altern statt Anti-Aging und Selbstoptimierung

In Form im Alter. - Ein Beitrag von Prof. Dr. Roland Schmidt.

Unterhaching, 18. Dezember 2019

Seit den späten 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben sich Alterssituationen und Bedarfslagen älterer und alter Menschen grundlegend gewandelt. Dies betrifft vor allem die tief greifende Veränderung, die die Lebensphase "Alter" im demographischen Wandel durchläuft. Aber auch die Erträge gerontologischer Forschung im Hinblick auf Potentiale/Ressourcen und problematische soziale Lagen im Alter sowie die genauere Auslotung der Grenzen zwischen reversiblen und irreversiblen gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Zuständen im Zuge des medizinisch-technischen Fortschrittes bewirken, dass Altwerden und Altsein differieren: Alter(n) ist bzw. verläuft nicht homogen.

In der Gerontologie (Altersforschung) setzt sich seit Ende der 70er Jahre die Einsicht durch, dass eine "hohe interindividuelle Schwankungsbreite" (Hans Thomae) von biologischen und psychologischen Funktionen im höheren Erwachsenenalter besteht. Moderne Altersforschung fokussiert die Differenz: mit Blick auf Risiken und Funktionseinbußen einerseits sowie Potentiale und Ressourcen andererseits.

Was macht Gerontologie?

Gerontologie "beschäftigt sich mit der Beschreibung, Erklärung und Modifikation von körperlichen, psychischen, sozialen, historischen und kulturellen Aspekten des Alterns und Alters, einschließlich der Analyse von altersrelevanten und alters-konstituierenden Umwelten und sozialen Institutionen" (Paul B. Baltes & Margret Baltes). Gerontologie ist keine Wissenschaftsdisziplin, sondern ein Wissenschaftsfeld, das sich aus Erkenntnissen unterschiedlicher Disziplinen speist.

Gerontologie umfasst zwei Perspektiven:

  • den Prozess des Älterwerdens und
  • das konkrete Alter, also das Ergebnis des Älterwerdens zu einem bestimmten Zeitpunkt.

In diese Definition einbezogen sind Kontextfaktoren. Diese können altersrelevant sein (z .B. Wohnung oder Wohnumfeld mit mehr oder weniger Barrieren, die bei Mobilitätseinschränkungen Selbstpflege und Selbstständigkeit fördern oder nicht) oder alterskonstituierend (z. B. gesetzliche Altersgrenzen in der Rentenversicherung). Es geht also nicht nur um die Person, den alten Menschen, sondern immer auch um seine situative Einbindung.

Gerontologie schließt weiterhin auch die Möglichkeit der Beeinflussung und Veränderung des Altersverlaufs mit ein (siehe den Aspekt der "Modifikation" in der oben genannten Definition). Das heißt, sie kennzeichnet immer auch eine deutlich angewandte Dimension: Es geht um den Erhalt und die Erreichung von (größtmöglicher) Lebenszufriedenheit, Selbständigkeit und Lebensqualität im Altern.

Die drei Alter in der Geriatrie

Gerontologie akzentuiert somit die Verschiedenheit des individuellen Alters und gewichtet Variabilität und Plastizität. Also: die Gestaltbarkeit von Altersverläufen. In der Geriatrie (Altersmedizin) unterscheidet man zwischen "normalem Alter" (= eine durchschnittlich in der Bevölkerung zu erreichende Lebensspanne bei geringen und kompensierten Einbußen in somatischen und psychischen Funktionen), "optimalem Alter" (= eine durchschnittlich in der Bevölkerung zu erreichende Lebensspanne bei Autonomie, Wohlbefinden und Realisierung persönlicher Lebensziele) und "pathologischem Alter" (= Auftreten von Krankheiten und alltagsrelevanten Funktionseinschränkungen mit Einbußen an Autonomie, Lebensqualität und/oder einer Verkürzung der individuellen Lebensspanne).

Auftreten und Verläufe von Krankheiten im hohen Alter sind durch diagnostische und therapeutische Verfahren sowie durch individuelle, gesellschaftliche und professionelle Kontextbedingungen beeinflussbar. Das heißt, das Krankheitspanorama kann modifiziert werden. Man geht mit Blick auf Alterungsprozesse von einer, wie gesagt, hohen Plastizität (Trainierbarkeit, Beeinflussbarkeit) aus. Diese eröffnet die Chance, Degenerationserscheinungen durch entsprechende Verhaltens- und Lebensweisen hinauszuschieben: durch altersgemäße Bewegungsübungen und altersgerechte, gesunde, vielseitige Ernährung. Zudem ist die Möglichkeit gegeben, die von den lebenslang kumulierten Expositionen ausgehenden Krankheitsrisiken im Alter mittels achtsamer Lebensweise und dem Vermeiden risikobehafteter Tätigkeiten und Nahrungsmittel zu vermindern.

Gutes Leben im Alter braucht Unterstützung

Alter beinhaltet gleichzeitig Chancen der Entwicklung und Gefahr von Verlusten. Gesundheitsförderung, die sich an alle Personen richtet, und Prävention, die sich an Risikogruppen wendet, zielen darauf ab, "pathologisches Alter" und seine Folgen positiv zu beeinflussen: hinauszuzögern oder, weil Heilung bei chronischen Erkrankungen nicht immer erreicht werden kann, Krankheitsfolgen zu behandeln und Einschränkungen zu kompensieren. 

Gerontologie – und die Beiträge der verschiedenen Disziplinen, die sie speisen – versteht sich als angewandte Wissenschaft. Neben Grundlagenforschung und Forschungsbefunden zum Altwerden und Altsein geht es immer auch darum, Interventionen auf professioneller Grundlage zu entwickeln, die Resilienz (Widerstandsfähigkeit) älterer und alter Menschen zu fördern und Ressourcen zu stärken. Das haben KWA Einrichtungen auf der Agenda, da es zum Selbstverständnis des Unternehmens gehört und ein gutes Leben im Alter nur mit Unterstützung erreicht werden kann. Fragen der Ernährung, der Bewegung und der Teilhabe belegen das Bemühen um die Schaffung von Rahmenbedingungen, die "erfolgreiches Altern" möglich machen. Nicht auf Anti-Aging oder gar eine Pflicht zur Selbstoptimierung ist Interventionsgerontologie ausgerichtet. Vielmehr geht es um die Kreation Selbständigkeit und Sicherheit fördernder Umwelten (Verhältnisse) sowie Anregungen zum Erhalt von Gesundheit und Wohlbefinden (Verhalten). Ob und inwieweit sie aufgegriffen und angenommen werden, obliegt jedem Einzelnen. 

Prof. Dr. Roland Schmidt

Aufsichtsrat der KWA gAG. Bis zu seiner Pensionierung lehrte er an der Fachhochschule Erfurt Gerontologie. Davor war er wissenschaftlicher Angestellter am Deutschen Zentrum für Alterfragen in Berlin. Er war zudem von 1999 bis 2002 Mitglied der Enquete-Kommission Demographischer Wandel des Deutschen Bundestags.

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