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alternovum Ausgabe 3/2019

Franz Müntefering: "Jeder kann selbst etwas tun für seine Lebensqualität"

KWA EXKLUSIV-INTERVIEW – Das Gespräch führte Sieglinde Hankele.

Bottrop/Unterhaching, 19. Dezember 2019

Herr Müntefering, unser Titelthema lautet „In Form im Alter“. Achten Sie auf Ihre Form?

Ja, durchaus. Früher habe ich viel gejoggt. Seit ich aus dem Beruf raus bin, habe ich meine sportlichen Aktivitäten eher verstärkt. Gleich morgens mache ich Gymnastik, außerdem jede Woche drei bis vier stramme Spaziergänge – in einer halben Stunde dreieinhalb Kilometer. Wenn ich wenig Zeit habe, gehe ich aufs Laufband. Auch auf meine Ernährung achte ich. Ich esse wenig Fleisch, lieber Fisch, viel Obst. Wenn man älter ist, braucht man auch nicht mehr so viel, es reichen kleinere Portionen. Und ich schlafe eine Stunde mehr als früher.

Sie sind seit einigen Jahren beim Landessportbund Nordrhein-Westfalen Botschafter für das Programm „Bewegt ÄLTER werden in NRW!“

Ich sage: Die Bewegung der Beine ernährt das Gehirn. Wenn man die Bewegung dann noch mit sozialen Kontakten verbinden kann, ist das optimal. Beim Landessportbund haben wir zwei Millionen Mitglieder, die über 40 Jahre alt sind. Davon sind 600.000 über 60. Doch viele davon bewegen sich zu wenig. Ich ermuntere, wo ich kann, zu körperlichen Aktivitäten. Wenn man seinen Körper gut in Schuss hat, ist das auch gut für die Lebensqualität.

Was gehört für Sie persönlich zu einem guten Leben im Alter?

Soziale Kontakte stehen an erster Stelle. Wenn man nichts tun muss und nichts vorhat, was einen interessiert, auch keinen Besuch bekommt, sondern für sich alleine ist, ist das eine große Belastung. Darunter brechen viele zusammen. Was mir große Sorgen bereitet, ist die Tendenz zu Einpersonenhaushalten. In den Großstädten sind wir bereits bei rund 50 Prozent – darunter immer mehr ältere Menschen. Einige davon haben weder physisch noch psychisch die Kraft, zu anderen Menschen Verbindung zu halten. Das ist eine der größten Herausforderungen für unsere Gesellschaft.

Haben Sie eine Idee, wie alte Menschen der Einsamkeit entfliehen können?

Es gibt gute Ideen. Beispielsweise in Bielefeld bei der Genossenschaft „Freie Scholle“: Da tun sich jeweils vier bis sechs Menschen zusammen und versprechen sich, sich jeden Tag zu treffen, um sich zu unterhalten oder etwas zu unternehmen. Wer nicht kommen kann, bekommt einen Anruf oder einen Besuch. Alle achten aufeinander, helfen einander. – Auch Essensgemeinschaften sind bedeutsam. Viele, die allein leben, haben keine Lust mehr zu kochen, ernähren sich nachlässig, essen aus der Dose. Immer mehr Heime bieten älteren Menschen aus der Umgebung an, zum Mittagessen zu kommen. Beim gemeinsamen Mittagstisch kann man gut essen und außerdem Kontakte knüpfen. 

Den Eintritt in den Ruhestand empfinden viele als Bruch, manche kommen nur schlecht mit der neuen Situation zurecht.

Wenn man aus dem Beruf ausscheidet, ist es wichtig zu wissen: Es geht weiter. Die Wahrscheinlichkeit, dass man noch 15 bis 20 Jahre lebt, ist heute groß. Insofern lohnt es sich, auch im Ruhestand etwas Sinnvolles zu machen. Das kann noch eine gute Zeit sein. Das Renteneintrittsalter ist ja ein kultureller Irrtum. Mit der Einführung der Rentenversicherung wurde ein Stichtag festgelegt, der für alle gleich war. Damals dachte man: Danach ist Schluss. Manche denken das heute noch. Ich sage: Die Verantwortung, die sich aus unserem Grundgesetz ergibt, endet nicht mit 67.  Solange der Kopf klar ist, ist man mitverantwortlich für das, was im Land und vor Ort passiert. Zum Leben gehört auch im Alter, dass man sich auf die eine oder andere Weise beteiligt. Egal ob man sich engagiert, an Reisen teilnimmt, Karten spielt oder Gespräche führt: Jeder kann selbst etwas tun für seine Lebensqualität im Alter.

Wie erging es Ihnen, als Sie – mit 73 – aus dem Bundestag ausschieden?

Während meiner letzten Jahre im Bundestag habe ich mich viel um demografische und soziale Fragen gekümmert. Gleich nachdem ich ausgeschieden war, wurden entsprechende Aufgaben an mich herangetragen. So wurde ich Präsident des Arbeiter-Samariter-Bunds. Und beim überparteilichen Bürgerverein „Deutsche Gesellschaft“ fördern Lothar de Maizière und ich als Vorstandsvorsitzende politische, kulturelle und soziale Beziehungen in Deutschland und Europa. Das ist die natürliche Fortführung dessen, womit ich mich schon lange beschäftigt hatte. Allerdings nehme ich heute eine andere Rolle ein. Und als Vorsitzender der BAGSO - Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen – vertrete ich die Interessen älterer Menschen. 

Was macht die BAGSO und wie viel Zeit investieren Sie dafür?

Derzeit gehören rund 120 Organisationen der BAGSO an. KWA ja auch. Insgesamt sind uns dadurch acht, neun Millionen Menschen verbunden. Für sie diskutieren wir in Fachkommissionen, entwickeln wir Publikationen und halten Veranstaltungen ab. Gut zwei Tage pro Woche nimmt das bei mir schon ein. Doch ich nehme auch noch andere Termine war. 2018 waren es rund 300. Es ist klar, dass das nicht ewig so weitergeht. Es ist aber wichtig, dass man das, was man kann, auch macht und sich nicht nur in den Sessel setzt. Der Körper braucht Bewegung. Und der Kopf auch. – Wenn ich jetzt 80 werde, will ich aber ein wenig reduzieren. Und ich will auch mein Fahrvermögen prüfen lassen. Auf dem Land ist ein Verzicht aufs Autofahren natürlich ein Problem, wenn kein Zug oder Bus regelmäßig kommt. Mit ÖPNV in der Stadt geht es leichter.

Wie lässt sich das Problem der Mobilität auf dem Land lösen?

Bürgerbusse sind eine Möglichkeit. Ein anderes gutes Modell gibt es beispielsweise in Unkel. Fünf, sechs Herren, die bereit sind sich zivilgesellschaftlich zu engagieren, übernehmen stundenweise Fahrdienste – einige Damen den Telefondienst und die Organisation. Gebrauchtwagen werden von Firmen gestellt, die Werbung auf den Fahrzeugen platzieren. Auch die Kommune unterstützt das. Mobilität ist wirklich ein wichtiger Punkt für ältere Menschen. Übrigens auch in der Wohnung. Deshalb müssen dort rechtzeitig Barrieren abgebaut und lose Teppiche entfernt werden. Bei Stürzen in Wohnungen verunglücken doppelt so viele Menschen schwer wie im Straßenverkehr.

Nimmt die SPD noch Raum ein in Ihrem Alltag?

Etwa einen Tag pro Woche verbringe ich bei Veranstaltungen der SPD. Aus der Tagespolitik halte ich mich aber raus. – Als ich 25 Jahre alt war, bin ich bewusst in die SPD eingetreten, um mich einzumischen. Ich hatte Willy Brand und Helmut Schmidt vor Augen, aber auch SPD-Mitglieder vor Ort, die in der Zeit des Nationalsozialismus Widerständler waren. Meine Generation ist in einem vermieften Land aufgewachsen. Über den Holocaust wurde erst in den 60er Jahren gesprochen. Da habe ich begriffen, wie wichtig die sozialdemokratische Idee ist. Ich war 38 Jahre für die SPD in verschiedenen Parlamenten. Und ich bin mir sicher, dass die sozialdemokratische Idee nach wie vor wichtig ist. 

Mit welchen Themen befassen Sie sich aktuell?

Mich beschäftigt gerade sehr das Thema Nachhaltigkeit. Und: Wie erreichen wir eine Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse? Wir diskutieren bei der BAGSO über ein Altenhilfesicherungsgesetz, mit dem Kommunen zu bestimmten Aufgaben verpflichtet werden. Dabei denken wir unter anderem an die Sicherstellung der palliativen Versorgung, an lokale Allianzen für Menschen mit Demenz und an Sozialarbeit für einsame alte Menschen. Die Städte und Gemeinden müssten dazu natürlich mit Mitteln ausgestattet werden, sodass die Versorgung nicht davon abhängt, ob eine Kommune reich oder arm ist. Bereits im 7. Altenbericht steht, dass die Rolle der Kommune gestärkt werden muss. Doch jetzt muss man endlich handeln.


KWA ist Gründungsmitglied der BAGSO. Mit einem Klick zur Website der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen.

"Wenn man seinen Körper gut in Schuss hat, ist das auch gut für die Lebensqualität."

Franz Müntefering

Franz Müntefering

Der 1940 in Arnsberg geborene Franz Müntefering wuchs als Sohn eines Industriearbeiters auf. Er selbst wurde Industriekaufmann, war bis 1975 in der metallverarbeitenden Industrie tätig. 1965 trat er in die SPD ein, 1967 in die IG Metall. Als Stadtrat in Sundern engagierte er sich erstmals für das Gemeinwesen. In den Jahren 1975 bis 1992 und 1998 bis 2013 war Müntefering Abgeordneter des Deutschen Bundestags.

Von 1992 bis 1995 gehörte er als Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen dem Kabinett von Ministerpräsident Johannes Rau an. Von 1998 bis 1999 bekleidete er das Amt des Bundesministers für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen im ersten Kabinett Schröder, von 2005 bis 2007 war er Vizekanzler und Bundesminister für Arbeit und Soziales im ersten Kabinett Merkel. Auch für die SPD nahm Müntefering bedeutende Aufgaben wahr: Von 2002 bis 2005 war er Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion und von 2004 bis 2005 sowie von 2008 bis 2009 Bundesvorsitzender der SPD.

Seit 2015 ist Franz Müntefering Vorsitzender der BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen.

Wir diskutieren bei der BAGSO über ein Altenhilfesicherungsgesetz, mit dem Kommunen zu bestimmten Aufgaben verpflichtet werden. Dabei denken wir unter anderem an die Sicherstellung der palliativen Versorgung, an lokale Allianzen für Menschen mit Demenz und an Sozialarbeit für einsame alte Menschen.

Franz Müntefering

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