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alternovum Ausgabe 1/2020

Der Mensch ist keine Maschine

Warum moderne Technologien unsere Würde gefährden. - Ein Beitrag von Dr. Christoph Quarch.

Unterhaching, 30. März 2020

"Die Würde des Menschen ist unantastbar." Es ist ein kraftvolles Wort, mit dem die Präambel zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland anhebt. Dabei tut es seiner Schönheit keinen Abbruch, dass seine Autoren und Auto-rinnen sich scheuten, eindeutig zu definieren, wie die Würde des Menschen zu bestimmen sei. Denn es liegt in der Natur der Sache, dass der Begriff "Würde" immer neu bedacht und immer neu mit Leben gefüllt werden muss: Jede Zeit kennt ihre eigenen und ungeahnten Angriffe auf die Menschenwürde. Jede Zeit braucht deshalb eigene Antworten darauf, wie sie zu bestimmen ist – und wie ihre Unantastbarkeit gewährleistet werden kann. Für die Gegenwart gilt dies in besonderem Maße.

Wir stehen an der Schwelle vom analogen zum digitalen Weltzeitalter. Eine beispiellose Welle technischer Innovationen hat in den letzten 25 Jahren dazu geführt, dass sich das Antlitz des Planeten grundlegend verändert hat. Informationstechnologie, Bio- und Gentechnologie, Robotik, Medizintechnik und andere avancierte Wissenschaftszweige stellen Entwicklungen in Aussicht, die manche in Begeisterungsstürme versetzen, während sie anderen den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Unbedacht bleibt dabei meist, was aus der Menschenwürde werden wird, wenn die Verheißungen der Zukunftsvisionäre im Silicon-Valley wahr werden. Wird sie unantastbar bleiben – oder steht uns ein massiver Angriff auf die Menschenwürde bevor?

Wer auf diese Fragen eine Antwort sucht, ist gut beraten, den Versuch zu wagen, das Konzept der Würde mit einem zeitgemäßen Inhalt zu füllen, der erkennbar macht, wo und wie die Menschenwürde gegenwärtig in Gefahr ist; und was genau zu tun wäre, um ihre mögliche Verletzung zu vermeiden. Wichtig ist zunächst, das Konzept der Würde klar von dem abzugrenzen, was man als Wert bezeichnet. Wert bekommt etwas immer nur relativ auf den Willen, das Interesse oder das Bedürfnis von Menschen, das heißt: Wert hat das, was wir wollen oder wollen sollen. Weil Menschen in unterschiedlichen Epochen und Kulturen unterschiedliche Dinge für erstrebenswert hielten, kam es in der Menschheitsgeschichte immer wieder zu dem, was Friedrich Nietzsche eine "Umwertung der Werte" nannte.

Werte sind immer antastbar. Bei der Würde ist es anders. Sie richtet sich nicht nach dem Willen und der Wertschätzung anderer, denn sie ist begründet in der bloßen Existenz dessen, dem sie zugesprochen wird. Das heißt: Würde hat niemand, weil er einem bestimmten Zweck genügt, sondern Würde ist allem eigen, was um seiner selbst willen da ist: allem Lebendigen – und natürlich auch dem Menschen. Das in etwa ist es, was der Philosoph Immanuel Kant meinte, als er sagte, der Würde eines Menschen genügten wir dann, wenn wir ihn nicht bloß als Mittel, sondern immer auch als Zweck verstehen. Wird der Mensch als Sklave oder Konsument zum Zwecke anderer instrumentalisiert, ist es um seine Würde geschehen. 

Das leuchtet ein, bleibt aber formal. Will man das Konzept der Würde mit Inhalt füllen, tut man deshalb gut daran, einen anderen Philosophen zu konsultieren: Giovanni Pico della Mirandola. In seiner "Rede über die Würde des Menschen" von 1490 erläutert er, diese gründe darin, dass der Mensch wie ein Bildhauer sein eigenes Leben als ein Kunstwerk gestalten könne. Dieser Gedanke führte im 18. Jahrhundert dazu, die menschliche Würde an dem Konzept der Autonomie festzumachen. Würdig ist das Leben eines Menschen demnach nur dann, wenn er selbständig entscheiden kann, wie er es gestalten möchte. Dieses Verständnis von Würde hat sich seither durchgesetzt. Und so ist nur logisch, dass die Anbieter neuer Technologien ihre Produkte damit bewerben, dass sie der Autonomie des Menschen dienlich sind; vor allem, wenn sie an alte Menschen adressiert sind. Egal ob es sich um einen Assistenzroboter handelt, ein über Gen- oder Biotechnologie entwickeltes Ersatzorgan oder -gelenk, ein mit Künstlicher Intelligenz ausgestattetes Kuscheltier, eine Alexa oder ein selbstfahrendes Auto: Stets verheißt man uns mehr Selbständigkeit, Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung.

Was dabei aber auf der Strecke bleibt, ist die Würde. Tatsächlich verliert der Mensch sie in dem Maße, in dem er sich mit technischen Apparaturen umgibt, die ihn mehr und mehr zum Teil einer gigantischen Maschine transformieren. Nicht der einmaligen und unberechenbaren Individualität eines Menschen dienen sogenannte "intelligente" technische Hilfsmittel, sondern seiner reibungslosen Integration in die Abläufe einer Einrichtung oder seiner berechenbaren Nutzbarmachung für die Erfordernisse des Marktes. Die Digitalisierung der Welt erweist sich oft genug als eine unheilvolle Maschinisierung des Menschen, in deren Folge seine Würde hinter dem Diktat von Funktionalität und optimierter Effizienz verblasst.

Tatsächlich griff es schon zur Zeit der Aufklärung zu kurz, die Würde des Menschen auf seine Autonomie zu beziehen. So war das Bild des sich selbst gestaltenden Künstlers aber auch nicht gemeint. Dessen Pointe liegt nicht in der Eigenmächtigkeit des Menschen, sondern in seinem Vermögen, durch Selbstführung Schönheit und Sinn zu generieren. Nicht, dass er tun und lassen kann, wonach ihm der Sinn steht, macht die Würde des Menschen aus, sondern dass er die Welt mit Sinn bereichern kann. "Der Wille zum Sinn bestimmt unser Leben", sagte der große Wiener Psychiater und Psychologe Viktor Frankl mit gutem Grund. Deshalb ist die Würde des Menschen überall da gefährdet, wo sein Willen zum Sinn beeinträchtigt wird. Genau das aber ist der Fall, wo er den Imperativen einer noch so intelligenten Technologie unterworfen wird.

Um Sinn erfahren und stiften zu können, braucht der Mensch keine technische Optimierung, sondern nicht mehr und nicht weniger als die Begegnung mit anderen Menschen. "Alles wirkliche Leben ist Begegnung", sagte der Philosoph Martin Buber, denn es ist die Begegnung mit dem Anderen, die uns Sinnperspektiven öffnet. Dies gilt vor allem für die Begegnung mit anderen Menschen, ebenso aber auch für die Begegnung mit Erzeugnissen aus Kunst und Literatur oder die Begegnung mit der lebendigen Natur. Um Sinn zu erfahren, braucht der Mensch Ansprache – sei es in Gestalt anspruchsvoller Kultur, ansprechender Menschen oder anrührender Naturmomente. Und er braucht ein Gegenüber, dem er sich mitteilen kann – Gesprächspartner, die zuhören und ihn im Fragen nach dem Sinn begleiten. Nur in der Konversation mit der Welt öffnet sich der Raum des Sinns: der Raum, den wir Menschen brauchen, wenn unsere Würde bewahrt werden soll.

Dieser Raum jedoch geht unter dem Andrang neuer Technologien verloren. Digitale Geräte wie Smartphones sind nicht in der Lage, einen Begegnungsraum für Sinnerfahrung zu öffnen. Vielmehr neigen sie dazu, die lebendige Konversation des Menschen durch Zerstreuung und Unterhaltung zu vernichten. Je mehr Zeit wir im Internet oder vor unseren Monitoren verbringen, desto mehr gehen wir unserer Würde verlustig. Technische Innovationen, die den Menschen weder geistig noch seelisch nähren, sind seiner unwürdig. Das gleiche gilt für Technologien, die den Raum für Begegnung beschränken. Gerade im Bereich von Pflege und Betreuung sind alle technischen Apparaturen als würdelos abzulehnen, die den leibhaftigen Menschen als Gesprächspartner, Pfleger oder Betreuer ersetzen sollen. Wo sie hingegen dazu dienen, mehr Raum und Zeit für menschliche Begegnung zu erlauben, dürfen sie als der Menschenwürde dienlich begrüßt werden. 

Am Ende werden sich alle technologischen Innovationen daran messen lassen müssen, ob sie dem Menschen zu einem würdigen Leben verhelfen: einem Leben inmitten einer lebendigen Welt und unter Menschen – einem Leben, das sich im ständigen Gespräch und Austausch mit der Welt zu einem einmaligen und schönen Kunstwerk fügt; einem Leben, das sich selbst genügt und deshalb Ja zu seinem Ende sagen kann. Dafür die erforderlichen Bedingungen zu schaffen, ist die Aufgabe, vor der unsere Gesellschaft heute steht. Von ihr wird uns keine künstliche Intelligenz und kein Roboter entbinden. 

Um Sinn erfahren und stiften zu können, braucht der Mensch keine technische Optimierung, sondern nicht mehr und nicht weniger als die Begegnung mit anderen Menschen.

Christoph Quarch

Der Autor

Dr. Christoph Quarch

Dr. Christoph Quarch ist Philosoph und Bestsellerautor. Mit der Wochenzeitung "Die Zeit" veranstaltet er Philosophische Reisen.

www.christophquarch.de 

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