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Stiftsdirektorin Gisela Hüttis mit ihre Mitarbeiterinnen Manuela Hallmannseder und Karin Fritsch
alternovum Ausgabe 1/2020

Gelebte Inklusion

Ein Erfahrungsbericht von Gisela Hüttis.

Ottobrunn, 29. März 2020

Als ich vor 30 Jahren meine Tätigkeit als Hausleiterin im KWA Stift Brunneck aufnahm, legte mir die damalige Pflegedienstleiterin Karola Kujus eine junge Mitarbeiterin aus der Hauswirtschaft, die erst seit einigen Monaten im Haus beschäftigt war, ans Herz. Manuela Hallmannseder. Diese war zuvor als Praktikantin im Stift tätig gewesen, im Rahmen der hauswirtschaftlichen Ausbildung einer Förderschule. Kujus war davon überzeugt, dass sich diese junge Frau trotz ihrer geistigen Behinderung und schwieriger familiärer Umstände durch die Berufstätigkeit entwickeln würde und unbedingt diese Chance bekommen sollte. 

Dank dieser positiven Prognose und dem Arbeitseifer und freundlichen Wesen von Manuela Hallmannseder konnten sowohl Kollegen als auch Bewohner davon überzeugt werden, dass diese junge Mitarbeiterin trotz Handicap dazugehört und auch ihre Leistung bringt. Die Unterstützung des Teams reichte erfreulicherweise weit über die berufliche Sphäre hinaus. Ging es doch um das Selbstständigwerden im Alltag, angefangen von Arztbesuchen bis hin zu Urlaubsfahrten. Tatsächlich ist mithilfe von Arbeitskollegen aus einer schüchternen, unselbstständigen jungen Frau eine selbstbewusste Persönlichkeit geworden, die ihr Leben inzwischen gut meistert.

Im Sommer 1991 suchte ein anderer Vater für seine geistig behinderte Tochter einen Arbeitsplatz bei KWA. Karin Fritsch hatte im Rahmen ihrer hauswirtschaftlichen Ausbildung einer Förderschule ein Praktikum in der Küche des KWA Stifts am Parksee absolviert. Dort konnte man der jungen Frau jedoch keinen Arbeitsplatz anbieten. So kam der Vater mit der Tochter ins KWA Stift Brunneck. Nachdem wir nun schon gute Erfahrungen hatten, war ich der Meinung, wir könnten es auch mit ihr probieren. Allerdings stieß ich dann doch auf Vorbehalte. Es käme verstärkt zu Ausfällen wegen Erkrankungen. Man müsse zu viel Rücksicht auf Einschränkungen nehmen. Der erste Einwand erwies sich als komplett haltlos. Unsere hier vorgestellten beiden Mitarbeiterinnen fehlen bis heute deutlich weniger als alle anderen. Es ist allerdings richtig, dass es Einschränkungen bei der Leistungsfähigkeit gibt. Der Gesetzgeber hat jedoch über Zuschüsse zu den Lohnkosten einen Ausgleich geschaffen: um Arbeitgeber zu ermutigen, behinderte Menschen in den 1. Arbeitsmarkt zu integrieren. Das ist in beiden Fällen gelungen.

Nie werde ich vergessen, wie der damalige Stiftsbeiratsvorsitzende Alfred Kistler vor vielen Jahren in einem Gespräch Folgendes darlegte: „Wissen Sie, Frau Hüttis“, sagte er, „es ist nun an der Zeit, in der Bewohnerschaft deutlich zu machen, dass die beiden behinderten jungen Frauen vollwertige Mitarbeiterinnen sind und es nicht angehen kann, dass sie geduzt werden. Sie sind, wie alle anderen Mitarbeiter auch, zu siezen.“ Und so kam es. 

Über die vielen Jahre stellten Veränderungen in den Arbeitsabläufen und Arbeitszeiten die beiden Mitarbeiterinnen und die Vorgesetzten immer wieder vor die Herausforderung, besondere Lösungen zu finden. So zum Beispiel die Einführung von Tourenplänen in der Hauswirtschaft und die Ermittlung der auszuführenden Arbeiten durch ein Leistungsverzeichnis. Die Hauswirtschaftsleiterin hat es jedoch geschafft, für Manuela Hallmannseder und Karin Fritsch die passenden Touren aufzusetzen, die ihren Möglichkeiten entsprechen. Das Wichtigste war und ist bei allem die Einstellung gegenüber Menschen mit Handicap. Eine positive Grundhaltung, Toleranz und die Bereitschaft, sich um individuelle Lösungen zu bemühen, sind die Voraussetzung, dass das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung am Arbeitsplatz und darüber hinaus funktioniert und sogar eine Bereicherung darstellt. Dass wir hier über sie schreiben, finden übrigens beide gut. 

Das Wichtigste war und ist bei allem eine positive und tolerante Einstellung gegenüber Menschen mit Handicap.

Gisela Hüttis, Stiftsdirektorin

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