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alternovum Ausgabe 3/2015

„Mit gemeinsamen Werken kann man Brücken schlagen“ Seite 2

KWA EXKLUSIV-INTERVIEW mit Sandra Gräfin Bernadotte

Insel Mainau/Unterhaching, 20. November 2015

Waren Sie eigentlich schon immer so sozial eingestellt?
Bei mir hat das relativ früh angefangen, mich sozial zu engagieren, zum Leidwesen meines Vaters. Der hat immer gesagt: Du bist zu gut für die Welt. Ich hab ja in der Schweiz die Schule gemacht, dort auch eine Lehre absolviert, als Pharma-Assistentin, hier sagt man Apothekenhelferin, und drei Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Das war für mich dieser Aspekt der Heilung, der mich gereizt hat. Das war mir dann aber zu wenig. Und da bin ich zum Vorstellungsgespräch in ein Sonderschulheim für  verhaltensauffällige und schwer erziehbare Jugendliche. Und ich bin zur Tür rein und wusste: Das ist es. Dann hab ich da ein Vorpraktikum gemacht, danach in einer Wohngruppe gearbeitet, und als Klassenassistenz für die Oberstufe. Ich hab nebenbei die Nach-Matura gemacht, anschließend berufsbegleitend Sozialpädagogik studiert, an der FH Rorschach. Da habe ich auch meinen Mann kennengelernt. Als ich mit dem Studium und den Praktika fertig war, habe ich mir die Frage gestellt: Was mache ich jetzt? Und da hat die Schwiegermama gesagt, hier gäbe es etwas – das Projekt „Pro Integration. Und besser geht’s ja nicht, dass ich mich hier auf der Insel Mainau auch beruflich betätigen kann. Was für ein Glück.

Sie arbeiten nicht nur bei „Gärtnern für Alle e.V.“, sondern engagieren sich auch in verschiedenen Ehrenämtern wie beispielsweise bei „Pro Juventute“
Genau, da bin ich jetzt im vierten Jahr im Stiftungsrat tätig. Pro Juventute ist die größte Schweizer Kinder- und Jugendhilfe. Die Organisation, die es seit mehr als 100 Jahren gibt, ist Teil meiner Kindheit – die Organisation kennt wirklich jeder in der Schweiz. Die Hauptaufgabe ist heute die Beratung von Jugendlichen und Kindern über eine Telefon-Hotline. Das geht von: „Meine Mama hat morgen Geburtstag, was soll ich ihr schenken?“ bis zu: „Ich stehe vor dem Zug“ – also vor dem Suizid. Eine wichtige, großartige und in manchen Fällen tatsächlich auch lebensrettende Arbeit.

Sie sind auch Vorsitzende des Hospizvereins in Konstanz. Wie tief sind Sie in dieser Materie drin?
Wenn ich ein Ehrenamt oder eine Schirmherrschaft annehme, dann stehe ich dahinter. Ich bin deshalb in die Kurse für Sterbebegleitung gegangen und dann in die einzelnen Abteilungen, hab auch mit Sterbenden geredet. Ich hätte mir auch alles anlesen können. Aber man muss die besondere Atmosphäre spüren.

Im Pestalozzi Kinderdorf in Wahlwies engagieren Sie sich im Beirat.
Ja, das ist für mich besonders wichtig, weil wir unsere Jugendlichen dorthin schicken können, für eine Anlehre oder eine begleitete Lehre, als Maler oder Schreiner, im Verkauf, im Haushalt oder im Obstbau.  Das ist eine sehr enge Verbindung und der Austausch ist super.

Und ihr Mann, bringt er sich da auch ein? Oder macht er sein eigenes Ding?
Er macht sein eigenes Ding. Unsere Arbeitsbereiche überschneiden sich immer wieder. Wir diskutieren am Feierabend auch miteinander, wenn es mal ein Problem mit einem Jugendlichen gibt. Er ist ja auch Sozialpädagoge.

Beim Thema Engagement denken wir im Moment vor allem an Flüchtlinge. Wenn Berufstätige sagen: Ich möchte nicht nur Geld spenden, sondern mich auch persönlich engagieren. Ist das wirklich für jedermann möglich?
Man kann sich in jeder erdenklichen Art einbringen. Wer im beruflichen Alltag sehr eingebunden ist, kann etwas spenden, das ist ja auch etwas Gutes. Und wer mehr machen möchte beziehungsweise mehr Zeit hat, kann sich bei den verschiedensten Anlaufstellen informieren Und dann gibt es auch ganz besondere Ideen. Beispielsweise hatten wir in Konstanz verkaufsoffenen Sonntag, da hat eine Konstanzerin zusammen mit Flüchtlingen gekocht, und zwar Gerichte aus deren Heimat, und diese Speisen dann an einem Stand verkauft. Die wurden überrannt. Das kam so gut an. Die Flüchtlinge wurden gestärkt, ihre Leistung anerkannt und sie hatten beim Kochen einen Zusammenhalt. Das ist grenzüberschreitend. Da spielt es keine Rolle, aus welchem Land sie kommen. Mit einem gemeinsamen Werk kann man ganz viele Brücken schlagen und Grenzen abbauen.

Kennen Sie in Konstanz noch ein weiteres Beispiel?
Da gibt es sehr viele, die sich engagieren: Personen, die eine Patenschaft übernehmen, ehrenamtlich in Unterkünfte gehen,  oder kommen und Unterricht anbieten. Das finde ich unglaublich schön. Da stellen sich Menschen hin und sagen: Ich bin da und helfe. In welcher Form auch immer.

 

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Von Sieglinde Hankele.

Wenn ich ein Ehrenamt annehme oder eine Schirmherrschaft, dann stehe ich dahinter.

Sandra Gräfin Bernadotte

Sandra Gräfin Bernadotte

Die als Sandra Angerer in St. Gallen geborene Gräfin Bernadotte ist studierte Sozialpädagogin und geschäftsführende Vorsitzende des Vereins „Gärtnern für Alle e.V.". 2010 hat sie auf der Insel Mainau das Café Vergissmeinnicht eröffnet. Das Café wird von lernschwachen Jugendlichen betrieben, die im Fachbereich „Pro Integration" des gemeinnützigen Vereins auf der Mainau eine elfmonatige berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme durchlaufen. Neben dieser Tätigkeit engagiert sich Sandra Gräfin Bernadotte in den verschiedensten Bereichen ehrenamtlich, darunter

 

Vorsitzende des Hospizvereins Konstanz,

Mitglied des Stiftungsrats von „Pro Juventute“, Schweiz, 

Vorsitzende der Stiftung „Singen mit Kindern“, 

Beiratsmitglied Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf Wahlwies e.V. und 

Aktionärin der gemeinnützigen Aktiengesellschaft KWA Kuratorium Wohnen im Alter.

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