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Eberhard und Lieselotte Kunze
alternovum Ausgabe 3/2019

"Wir hatten in Norwegen ein gutes Leben"

Lieselotte und Eberhard Kunze lebten 45 Jahre in Skandinavien. – Ein Beitrag von Sieglinde Hankele.

Aalen, 23. Dezember 2019

Wie bloß kommt man auf die Idee, in Norwegen zu leben, wenn man in Leipzig beziehungsweise auf der Ostalb geboren ist? Ganz einfach: Eine Firma warb Feinmechanikermeister Eberhard Kunze an, als er im Außendienst seine Fähigkeiten erkennen ließ. Rückblickend sagt er über den Umzug nach Norwegen: "Das war schon ein Abenteuer. Wir konnten weder die Sprache, noch kannten wir das Land." Dass seine Frau Lieselotte in Essingen ihre Eltern, Geschwister und Freunde zurückließ und mitging, rechnet er ihr noch heute hoch an. 

Dass 45 Jahre daraus werden würden, dachten sie anfangs nicht. Die erste Reise in die neue Heimat, zur Vorbereitung des Umzugs, war ernüchternd: "Damals sah Essingen besser aus als Oslo", sagt sie. Doch nach den Ölfunden wurde Norwegen wohlhabend und prosperierte. Auch im Beruf gab es Anlaufschwierigkeiten. Die erste Arbeitsstelle war nicht das, was er erwartet hatte. Er fand jedoch rasch andere Arbeit, bei einem Hersteller von Rundfunkgeräten. Deutsche waren als Arbeitskräfte begehrt, da sie gute Ausbildungen hatten. In Norwegen waren damals die meisten nur angelernt, das Ausbildungswesen wurde erst später entwickelt. Sie war Fotografin, arbeitete zunächst in einem Fotolabor. Als dies aufgelöst wurde, richteten sie zu Hause im Keller eine Dunkelkammer ein und in der Etage einen Taglichtraum, in dem sie retuschierte. Sie spezialisierte sich auf Repro-Fotografie, arbeitete für Fotogeschäfte, aber auch für Privatkunden. Eberhard Kunze fand 1973 eine sehr gute Stelle, an der Universität Oslo, baute fortan Geräte für die Forscher – bis er in den Ruhestand ging.  

Ihr Zuhause war ab 1969 Stabbek. Dort konnten sie ein Haus kaufen und renovieren. Das neue Heim war fantastisch, bot einen Blick auf den Oslofjord. Das Grundstück war 3000 Quadratmeter groß, ein Bootsplatz gehörte auch dazu. Im Sommer waren sie viel in der Natur, angelten und wanderten gerne. Als sie 2008 nach Deutschland zurückgingen und ins Albstift zogen, weil sie im Alter in der Nähe von Verwandten wohnen wollten, vermissten sie vor allem die langen Sommerabende. 

Dass sie sich in Norwegen so gut eingelebt und noch heute Freunde dort haben, sei einem Glücksfall zu verdanken: Im Haus der ersten Wohnung lebte eine junge Familie, in der zwei Sprachen gesprochen wurden. Sie war Deutsche. So konnte man sich bestens verständigen und alles Wichtige über das Land lernen. Sie sind gemeinsam gewandert und Schlittschuh gelaufen. Durch Volkshochschulkurse, Kollegen und die neuen Freunde konnten Kunzes nach zwei, drei Jahren die Sprache gut verstehen und sprechen. Das erhöhte die Akzeptanz im Land deutlich. Denn Norweger sind Fremden gegenüber reserviert. "Sie leben eher für sich", sagt Lieselotte Kunze. Ein Vereinswesen gebe es nicht. Dennoch lebte es sich dort sehr gut. Die Menschen seien bescheidener, eine Neidkultur gebe es nicht. In Norwegen konnte jeder aufs Gemeindeamt gehen, um zu erfahren, was der Nachbar verdiente oder welches Vermögen er hatte. Im Gemeindebrief wurden sogar die wohlhabendsten Rentner benannt. 

An die süße Schwarzwurst – mit Rosinen! – haben sie sich nie gewöhnt. Das Volkshobby Stricken machte sich Lieselotte Kunze hingegen zueigen, bestrickte die ganze Verwandtschaft mit Strümpfen, Handschuhen, Schals und Mützen. Zur Erinnerung an die Norwegenjahre zog das Paar fürs Foto selbstgestrickte Jacken an.
 

Das war schon ein Abenteuer. Wir konnten weder die Sprache, noch kannten wir das Land.

Eberhard Kunze über den Entschluss, nach Norwegen auszuwandern

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