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alternovum Ausgabe 2/2020

Corona-Lockdown: Wohin mit all der Wut?

Ein Beitrag von Gebhardt Gauß.

Aulendorf, 09. Mai 2020

»Bei einer nicht genehmigten Demonstration in Berlin gegen die Corona-Auflagen mit fast 400 Teilnehmern ist ein Kamerateam der ARD angegriffen worden. Die Polizei sprach von vielen aggressiven Menschen.«

Ich ertappe mich, wie enttäuscht ich bin. Enttäuscht, dass die Kontaktbeschränkungen doch nicht beendet werden, sondern bis zum 5. Juni verlängert. Kein Osterfest. Nun also auch kein Pfingstfest. Ich ärgere mich über eine Politik, die das ewige Zögern und Zaudern zum Prinzip erhoben hat und leichte Öffnungen als Mut (die Kanzlerin) bezeichnet. Und dann werde ich wütend. Denn ich will endlich wieder normal leben.

Die Entwicklung der Verbreitung des Virus wird immer besser, so interpretiere ich die Zahlen, und ich erlebe es so, dass die Politiker ständig neue Ziele vorgeben, wenn die alten erreicht sind. Es ist wie das Hase-und-Igel-Spiel – und wir werden so nicht gewinnen: Das Virus ist immer schon da. Begleitet von wiederholten Warnungen, dass wir erst am Anfang der Welle seien, deren Höhepunkt noch vor uns hätten, dass wir mit einer weiteren, ja sogar dritten Welle rechnen müssten. Ja, wenn kein Wunder geschieht, ein Impfstoff oder ein Medikament entwickelt werden, aber darauf brauchten wir nicht zu hoffen, sagen manche Fachleute, sollen wir noch lange Abstand halten. Es wird lange dauern, sagen auch Politiker, vielleicht ein Jahr oder mehr. Und dann steigt die Wut in mir weiter. Ich bin 69, will mein Leben leben.

Manche Menschen schlagen den Boten, der die schlechte Botschaft überbracht hat: den Virologen, den Politiker. Auch das ein altes, sehr altes Verhaltensmuster des Menschen. Wut braucht ein Ziel, sucht sich ein Ziel, ein sichtbares Opfer. Einen Sündenbock. Und genau das macht mich pessimistisch. Weil Wut sehr gefährlich ist und weil ich sie in mir selbst entdecke. Dieses Bedürfnis, endlich das Leben wieder zu finden, ist groß. Und dann bin ich auf den wütend, der mich daran hindert – weil ich das unsichtbare Virus ja nicht sehe.

Warum nur sind die Politiker nicht mutiger? Bevormunden uns, setzen Grundrechte außer Kraft? Weil das Problem nicht das Virus ist. Sondern die Angst. Unsere Angst. Leider bedienen diese Angst auch viele Politiker, deshalb bekommen dann die »harten Hunde« unter ihnen so viel Zustimmung. »Es gibt in Zeiten der Angst eine große Bereitschaft zum Gehorsam«, sagte neulich der Schriftsteller Daniel Kehlmann. Ich glaube, die Politiker und die, die derzeit die Entscheidungen fällen müssen und auf die wir dann aus Enttäuschung nun mehr und mehr wütend sind, handeln so übervorsichtig, weil auch sie Angst haben. Ich meine damit nicht ihre persönliche Angst vor dem Virus. Sondern ihre Angst vor unserer Angst.

Denn diese unsere Angst ist gefährlich, sie neigt dazu, nur den Boten guter Botschaften am Leben zu lassen. Und in einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen dazu übergegangen sind, andere auch für die eigene Verantwortung und die eigenen Fehler verantwortlich zu machen und über Verantwortliche für zwangsläufige Fehler den Stab zu brechen, da sinkt die Bereitschaft der Funktionäre, Dinge zu wagen, die nicht abgesichert sind. Eine Gesellschaft, deren Cantus Firmus die Suche nach dem Schuldigen ist – eine gnadenlose Gesellschaft, die menschliche Irrtümer und Fehler nicht verzeihen will – in einer solchen Gesellschaft verschwindet der Mut zum Risiko. Denn Risiko in unserem Fall wäre das Risiko, mit höheren Sterberaten zu leben und das Sterben müssen als einen Teil der Freiheit des Lebens zu akzeptieren. Aber das will anscheinend die Mehrheit nicht. Sie will Sicherheit. Sicherheit, die es nicht gibt und nicht geben kann. Wer diesen Punkt berührt, wird beschimpft. Oder man droht, ihn auszugrenzen, auszuschließen. Er sei zynisch, er sei unsolidarisch, er wolle, dass Menschen sterben, wird ihm dann unterstellt. Wir wollen es nicht wahrhaben: Wir müssen sterben und das Virus ist eine der Türen, durch die am Ende des Lebens der eine oder andere gehen muss. Der eine durch die des Virus, der andere durch die des Unfalls, wieder andere durch die des Herzversagens ... und, und, und.

Das Problem der Freiheit ist die Angst. Das Problem der Politiker ist unsere Angst. Wären wir bereit, für mehr Freiheit ein höheres Lebens- und Sterberisiko zu tragen? Wobei das ja nicht einmal gesagt ist, denn vielleicht sterben ohnehin am Ende der Pandemie so und so viele, nur die einen schneller und die anderen über lange Zeit gestreckt; ich weiß es nicht. 

Wir sollten nicht erwarten, unsere Angst durch die Politik besänftigen zu lassen, sondern durch unser Vertrauen. Und da kommt ein neues Problem auf: Worauf soll denn das Vertrauen gründen? Unsere eigenen Fähigkeiten sind begrenzt. Die Technokratie ist immer wieder ohnmächtig. Etwas Schicksalhaftes erscheint wie eine Wolke am Himmel, die die Sonne des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts verdrängt hat.

Der Grund der Angst ist, dass wir Menschen sind. Und „Angst essen Seele auf“, weiß man spätestens seit dem Film von Rainer Werner Fassbinder. Angst lässt sich nur durch Hoffnung und Vertrauen besänftigen. Glaube, Liebe, Hoffnung nannte diese Triage einer der geistigen Gründerväter unserer Kultur. Und Hoffnung ist ihrem Wesen nach transzendent. Aber wenn wir die verloren haben? Die Transzendenz? Was dann?

In einer Gesellschaft, die nur Schuldige sucht und bestrafen will, da kann der Politiker nicht riskieren, auf den Irrtum zu setzen. Die nach Sicherheit lechzende Angst der Zeitgenossen lässt sie zu Priestern der Sicherheit werden. Und da schließt sich der Kreis. Unsere Wut müsste zur Wut auf den Wunsch nach absoluter Sicherheit werden. Dann fände die Freiheit einen Landeplatz.

Angriff auf ARD-TEAM, in Berlin vor dem Sitz des Deutschen Bundestags. - Per Klick auf den Pfeil zum Video-Clip des Nachrichtensenders WELT auf YouTube:

Es gab auch friedliche Demonstrationen gegen die Corona-Beschränkungen. Hier zum Beispiel in München auf dem Marienplatz sogar unter Einhaltung von Abstandsregeln, allerdings ohne Schutzmasken. Viele hatten ein Grundgesetz in der Hand. Einige trugen ein T-Shirt, das mit verschiedenen Forderungen bedruckt war:

Wir wollen es nicht wahrhaben: Wir müssen sterben und das Virus ist eine der Türen, durch die am Ende des Lebens der eine oder andere gehen muss. Der eine durch die des Virus, der andere durch die des Unfalls, wieder andere durch die des Herzversagens ... und, und, und.

Gebhardt Gauß

Gebhardt Gauß

Der Autor dieses Beitrags ist Apotheker und Theologe. In den 1990er Jahren betreute er als Pastor auf Sizilien in der Diaspora eine evangelische Kirchengemeinde. Zurück in Deutschland fand er mit seiner Familie in Oberschwaben eine neue Heimat. Seit er pensioniert ist, engagiert er sich unter anderem als Schöffe.

Die nach Sicherheit lechzende Angst lässt Politiker zu Priestern der Sicherheit werden. - Angst lässt sich nur durch Hoffnung und Vertrauen besänftigen.

Gebhardt Gauß

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