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alternovum Ausgabe 2/2020

Corona: Schutz vor Ansteckung – Schutz von Menschenrechten

Ein Beitrag von Prof. Dr. Thomas Klie.

Freiburg, 03. Juni 2020

Leopold Rosenmayr, einer der bekanntesten und charismatischsten Alternsforscher sprach einmal von einer „bunten Alternsgesellschaft“. Von späten Freiheiten ist bisweilen die Rede, wenn es um die Gestaltung des dritten und vierten Lebensalters geht. Wir sind verschieden, wir werden im Alter verschiedener und bejahen das Recht eines jeden Bürgers, einer jeden Bürgerin, nach der eigenen Fasson glücklich zu werden. Seniorenresidenzen sind Orte, an denen Menschen sich einen Lebens- und Wohnort gesucht haben. „Leben - so wie ich es will“ – lautet der Slogan von KWA. Wir leben aber nicht alleine – und wollen das auch gar nicht. Das zeigt sich in besonderer Weise in der Corona-Krise. Wir nehmen Anteil aneinander und müssen Rücksicht aufeinander nehmen, darauf achten, uns und andere nicht anzustecken.

Das Virus bedroht insbesondere Lebensorte, an denen ältere Menschen zusammenleben. Hochbetagte Menschen mit Vorerkrankungen gehören zur Hochrisikogruppe. Die Nachrichten aus Würzburg und Wolfsburg gingen durch die Medien. Wir wissen noch immer zu wenig und haben lange noch weniger gewusst, wann, wo und durch wen die größte Ansteckungsgefahr droht, wie wir uns schützen können, wer vom Ansteckungs- und Erkrankungsrisiko in besonderer Weise betroffen ist. Zum Glück wird viel investiert, diese Wissensbestände aufzubauen. Christian Drosten steht mit seinem Podcast als Symbolfigur und fast wie ein Star für diese weltweiten Bemühungen um einen fachlich fundierten, in der Sache gelassenen und zugleich risikobewussten Umgang mit den Covid-19-Gefahren. Ohne ihn und seine Kolleginnen und Kollegen hätten wir womöglich italienische Zustände auch in Deutschland.

Heime, aber auch die Seniorenresidenzen, die rechtlich überwiegend als betreutes Wohnen qualifiziert werden, sind mit Covid-19 in besonderer Weise konfrontiert worden. Staatlich wurden Besuchsverbote verhängt, manche Bundesländer zwangen Pflegeheime zur Aufnahme, andere schlossen sie aus, wenn Bewohner aus dem Krankenhaus entlassen wurden. Auch die Verantwortlichen der Träger von Einrichtungen haben unterschiedlich auf die Risiken reagiert: Hier ein strikter Ausschluss aller Infektionsrisiken durch weitreichende Besuchsverbote, durch Quarantäneregelungen und Kohortenbildung. Dort ein Setzen auf die Eigenverantwortung der Bewohner und ihrer An- und Zugehörigen – Einrichtungen eher als Berater und nicht als Polizisten.

Wir hoffen auf ein baldiges Ende des Shutdowns, darauf, dass wir unser altes Leben wieder leben können. Wir hoffen darauf, dass das, was uns besonders wichtig ist – Menschen, die uns bedeutsam sind, regelmäßig zu treffen, sie umarmen, mit ihnen in unmittelbarem Kontakt sein zu können – wieder zu unserem Leben zählt. Das Einüben digitaler Kommunikation, die Gespräche durchs Fenster oder durch Plexiglas: Das war und ist ein Ausweg, kann aber die persönliche Begegnung nicht ersetzen. Auch hoffen wir darauf, dass es bald keinen Anlass mehr gibt, Menschen zu isolieren, sie in ihren Freiheitsrechten zu begrenzen. Erschreckend die Fallschilderungen von Pflegeheimbewohnern, die fixiert, die sediert oder eingeschlossen wurden. Der Firnis der Rechtsstaatlichkeit in und gegenüber Heimen erwies sich mancherorts als dünn. Gerade in der Krise bewährt sich der Rechtsstaat und gilt es, Menschenrechte wirksam zu schützen: Nicht verantwortungslos gegenüber Anderen, aber eben doch in der personalen Verantwortung für jeden Menschen. Ein generalisierendes Besuchsverbot trifft den einen weniger hart und den anderen umso härter. Differenzierungen sind gefragt.

Nun zeigen sich nicht nur in den staatlichen Spielregeln und in denen der Träger von Einrichtungen Differenzen im Umgang mit Risiken. Sie zeigen sich auch unter den Bewohnern der Wohnstifte. Da sind die, die auf den strikten Schutz und die Beibehaltung des Besuchsverbotes setzen und insofern null Toleranz fordern – aber auch die, die darauf drängen, dass Begegnung wieder möglich und ein risikospezifischer Umgang praktiziert wird. Es ist nicht einfach für die Verantwortlichen in den Einrichtungen, hier eine gute Balance zu finden. Mancherorts gab und gibt es erbitterten Streit.

Seitens der Einrichtungen und der Professionellen in den Einrichtungen ist souveräne Fachlichkeit gefragt. Eine konsequente Beachtung von Hygieneregeln, die auch ohne Corona zu den Standards des Miteinander in den Einrichtungen gehört, minimiert die Ansteckungsgefahr. Schnelle Covid-19-Tests und Besuchsdokumentationen ermöglichen es, die Gefahr von Hotspots einzugrenzen. Quarantäne kann die Folge sein – mit zum Teil massiven Einschränkungen der Freiheitsrechte.  Im Normalfall – so es ihn unter Coronabedingungen gibt – wird jede Einrichtung ihren Weg gehen und dabei auch individuell entscheiden: Manche Bewohner sind besonders angewiesen auf Besuche und Begleitung ihrer An- und Zugehörigen. Und es gilt, den Diskurs zu pflegen: Auch in den Seniorenstiften und in stationären Pflegeeinrichtungen braucht es – wie in der Gesellschaft insgesamt – ein gemeinsames, offenes und zivilisiertes Ringen um den richtigen Weg, einen verantwortungsvollen Umgang mit Risiken zu pflegen und einzuüben. Weder Hysterie noch Laisser-faire sind die richtigen Ratgeber.

Verschwörungstheorien gefährden den Zusammenhalt der Gesellschaft und setzen den Verstand außer Kraft. Dabei brauchen wir Klugheit im Umgang mit den Corona-Risiken, die eben nicht nur in der Ansteckung, sondern auch in der Gefährdung von Menschenrechten liegen.

Das Einüben digitaler Kommunikation, die Gespräche durchs Fenster oder durch Plexiglas: Das war und ist ein Ausweg, kann aber die persönliche Begegnung nicht ersetzen.

Prof. Dr. Thomas Klie

Verschwörungstheorien gefährden den Zusammenhalt der Gesellschaft und setzen den Verstand außer Kraft. Dabei brauchen wir Klugheit im Umgang mit den Corona-Risiken, die eben nicht nur in der Ansteckung, sondern auch in der Gefährdung von Menschenrechten liegen.

Prof. Dr. Thomas Klie

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