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alternovum Ausgabe 1/2022

Die Pandemie als Chance begreifen

Eine Betrachtung von Prof. Dr. Dieter Frey.

München, 31. März 2022

Vor der Pandemie hatte man das Gefühl, dass man in einer Welt und in einer Gesellschaft lebt, in der es darauf ankommt, immer schneller, immer höher, immer effizienter zu werden und zu leben. Alles schien erklärbar, vorhersehbar und beeinflussbar. Zumindest von den Mächtigen und den Privilegierten. Dann kam Corona und die Omnipotenzgefühle waren weg. 

Der Kontrollverlust war da, weil man weder die Entstehung des Virus exakt erklären konnte, noch prognostizieren, wie es sich zukünftig entwickeln würde. Die Hoffnung war groß, als ein Impfstoff erfunden wurde. Viele dachten: Wenn ich mich impfen lasse, bekomme ich mein Leben zurück. Das war aber nicht der Fall. Immerhin schützen Impfungen vor schweren Krankheitsverläufen. Und das ist wirklich ein großer Fortschritt. Doch die Pandemie konnte dadurch nicht beendet werden. Die Weiterentwicklung von Viren hängt von so vielen Faktoren ab, dass sie nicht vorausgesagt werden kann, zumal der „Faktor“ Mensch und sein Verhalten eine entscheidende Rolle spielen. 

Von gefundenen Sündenböcken und echten Defiziten

Je länger die Pandemie dauerte, desto mehr Menschen suchten nach Schuldigen. Die Politik war und ist der Sündenbock, der gefunden wurde. Politiker sind in der Zwickmühle, egal was sie machen. Und dann gibt es ja auch immer das „Team Besserwisser“. Insgesamt gesehen haben Politik und Wissenschaft einen guten Job gemacht. Der Großteil der Entscheidungsträger verhielt sich angemessen. Und auch der Großteil der Bevölkerung.

Ein Problem während der ganzen Pandemie-Zeit, nicht nur in Deutschland, war, dass die Kommunikation von Maßnahmen sehr defizitär war. Wir hatten zu spät gelernt, dass alles Wissen vorläufig ist, dass es keine Sicherheit über die Richtigkeit einer Entscheidung oder Maßnahme gibt, weil schon am nächsten Tag neue Erkenntnisse und Bedingungen vorliegen können. Für alle Menschen, die an totaler Sicherheit und Gewissheit orientiert sind, war und ist dies sehr stressig und aversiv. Wer keine hohe Ambiguitätstoleranz und Frustrationstoleranz besitzt, zeigt Widerwillen oder kompensiert seinen Frust durch emotionsgetriebene Aktionen, die jegliche Vernunft vermissen lassen. Was man auch zu spät erkannt hat, ist die Wichtigkeit sogenannter Impfbotschafter. Wir haben zu wenig getan, um Menschen vom Nutzen von Impfungen zu überzeugen. Wir müssen aber auch akzeptieren, dass es gute Gründe gibt, sich nicht impfen zu lassen – gesundheitliche beispielsweise.

Ein anderes Versäumnis: Es ist viel zu wenig transportiert worden, dass Einzel- und Eigeninteressen nicht über dem Gemeinwohl stehen können und dass der Datenschutz nicht vor dem Gesundheitsschutz kommen darf. Der hohe Stellenwert von Datenschutz in Deutschland hängt zusammen mit Erfahrungen im Dritten Reich und mit StaSi-Erfahrungen in der DDR. Doch inzwischen sollte klar sein: Mit mehr belastbaren Daten, in anonymisierter Form, wären politische Entscheidungen und damit verbundene Maßnahmen fundierter und würden weniger infrage gestellt.

Über staatliche Aufgaben und gelebte Demokratie 

Die Frage ist: Was kann die Politik in Zukunft anders machen? Mehr erklären auf jeden Fall, auch in Wahlkampfzeiten. Dabei ist an die unterschiedlichsten Zielgruppen zu denken, auch an Menschen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Doch gewiss brauchen Politiker nicht alles anders machen. Minderheiten müssen eine Mehrheitsmeinung akzeptieren, das ist Demokratie. Und Politiker sollten eine Beschlusslage nicht verändern, wenn andersdenkende Minderheiten Druck machen. In Deutschland darf man seine Meinung sagen, Versammlungen abhalten, aber man muss sich auch an demokratische und rechtsstaatliche Spielregeln halten. Nur so kann Demokratie funktionieren. Meine persönliche Freiheit endet, wo ich die Gesundheit anderer gefährde. 

Leider geht es bei vielen Demonstrationen um eine Verachtung des Rechtsstaats und deren Repräsentanten. Politik darf auf keinen Fall tatenlos zuschauen, wenn Polizisten attackiert werden. Und es kann nicht sein, dass Menschen einfach mal so sagen, Lauterbach gehöre hingerichtet, ohne strafrechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen. Oder dass Kommunalpolitiker eingeschüchtert werden, die demokratisch gewählt wurden. Doch nicht nur Angriffe auf die Demokratie, sondern auch Rassismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit haben während der Pandemie rapide zugenommen. Hier muss der Staat die volle Härte zeigen. Es ist wichtig, dass wir den Anfängen wehren und auch selbst im privaten Bereich aktiv werden, indem wir menschenunwürdigen Äußerungen und Verhaltensweisen widersprechen. Hier ist Zivilcourage gefragt, insbesondere im Alltag. 

Von skurrilen Erscheinungen und trotzigem Widerstand

Menschen schreiben sich Wissen und Fähigkeiten zu, die sie gar nicht haben. 

Für jede Autoreparatur sucht man sich einen Experten, bei komplexeren Themen sprudeln Menschen nur so vor Gewissheiten, vor allem in der Medizin. Die Schizophrenie liegt darin, dass man auf der einen Seite Fürsorge vom Staat fordert, auf der anderen Seite jegliche Art von individueller Freiheitseinengung zum Tabu erklärt. Demonstranten, die unseren Staat an den Pranger stellen und mit einer Diktatur vergleichen, blenden aus, dass sie in einem autoritären Staat keinerlei Freiheiten hätten.

Was auch interessant ist: Dass es in manchen Milieus und Gruppen „en vogue“ ist, eher Heilpraktikern und Esoterikern zuzuhören als dem Staat und der Wissenschaft. Die sogenannte „Alpentheorie“ kommt ihnen zupass. In Bergregionen war seit Beginn deren Besiedlung aufgrund der geografischen Gegebenheiten der Austausch zwischen Menschen geringer als andernorts. So konnte sich eine Mentalität entwickeln im Sinne von „Wir sind anders, einzigartig, wir lassen uns von niemanden etwas vorschreiben.“ Längst werden solche Statements auch von Menschen postuliert, die in Regionen mit großer Bevölkerungsdichte leben. Die Alpentheorie ist ein Erklärungsversuch für die „traditionelle“ Impfskepsis in Süddeutschland, stellt jedoch keinerlei Legitimation dar, Gesetze und Regeln zu missachten. „Traditionen“, die andere gefährden, sollten wir hinter uns lassen.

Widerstand gegen Verordnungen und Pflichten hängt zum Teil auch mit unserem Wohlstand zusammen. Nur noch wenige Menschen haben Kriegs- oder Nachkriegserfahrungen. Die Zeit von Hunger und Mangel liegt in Deutschland – Gott sei Dank – lange zurück. Doch angesichts fehlender Mangelerfahrungen betrachten heute viele Menschen Rechte und Wohlstand als Selbstverständlichkeit. Hinzu kommt die vergleichsweise niedrige Kinderzahl, die in Teilen unserer Bevölkerung zu einer Erziehung zum Narzissmus führte, bis hin zu einer Vergötterung von Kindern. Narzisstische Züge, hohe Selbstbezogenheit und großes Anspruchsdenken zeigen sich nicht nur bei Jugendlichen, sondern auch bei Erwachsenen. 

Wie wir aus den Negativschleifen herauskommen 

Wichtig ist, so merkwürdig es klingen mag, die Pandemie als Chance zu begreifen. Wir sollten uns des Privilegs bewusstwerden, dass wir in einem Land leben, das Impfstoffe hat, und in dem die Gesundheitsversorgung gut ist. In 80 Prozent der Länder dieser Welt ist dies nicht der Fall. Es ist auch ein Privileg, in einem Land mit funktionierender Demokratie zu leben, mit Gewaltenteilung, mit einer funktionierenden Presse, wenngleich sie in sozialen Medien und auf Demonstrationen als „Lügenpresse“ gebrandmarkt wirkt. 

Auf Basis wahrgenommener Privilegien geht es darum, zu reflektieren, warum wir eine Gesellschaft brauchen, die offen und human ist – und Maßnahmen mitträgt, die darauf ausgerichtet sind, Vulnerable und Schwache zu schützen. Zweifellos trugen manche Forderungen darwinistische Züge. Sollten wirklich nur die Starken überleben? Das wäre inhuman. Ältere Menschen sollten nach zwei Jahren Rücksichtnahme und der Möglichkeit, sich impfen zu lassen, gleichwohl Verständnis dafür aufbringen, dass Schulen nicht noch länger geschlossen werden können. Die Belastung von Familien war über lange Zeitspannen hinweg extrem hoch. Kinder konnten viele Phasen der Entwicklung, insbesondere den Austausch und das Rumspinnen mit Gleichaltrigen, nur eingeschränkt erleben.

Es ist nicht einfach, in Pandemiezeiten Lebensfreude zu bewahren. Wir müssen daran arbeiten, dass sie da, wo sie verlorenging, zurückkehrt.

Prof. Dr. Dieter Frey

Erfreulich ist, dass wir in Deutschland nach wie vor viele Menschen haben, die in Ehrenämtern tätig und am Gemeinwohl orientiert sind. Sie sind in Zeiten wie diesen eine große Stütze, können dazu beitragen, die gesellschaftliche Spaltung aufzulösen. Doch Ehrenamtliche und Vereine allein können die Veränderung zum Guten nicht bewirken. Vor allem auch Schulen, Universitäten und Unternehmen sind gefordert, darauf hinzuwirken, dass sich die Lagerbildung auflöst. Eine Demokratie in Verbindung mit einer offenen Gesellschaft kann nur dann funktionieren, wenn wir nicht nur Beobachter haben, sondern möglichst viele Akteure. Insbesondere Lehrer, Professoren und Führungskräfte sollten noch mehr darüber aufklären, was offene Gesellschaft bedeutet, was Demokratie bedeutet, was Einzel- und Eigeninteresse und was Gemeinwohl bedeutet.

Wir alle sollten Brücken bauen und uns viel mehr auf die Zukunft beziehen. Entscheidungsträger und Verantwortliche in Politik, Gesellschaft und Unternehmen müssen Menschen wieder eine Perspektive geben. Insbesondere denjenigen, die sich abgehängt fühlen. Ein weiteres Ziel sollte sein, möglichst viele Menschen zu befähigen, die Gesamtlage unseres Landes objektiv einzuordnen – und auch dann vernünftig miteinander zu reden, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind.

Der Autor

Prof. Dr. Dieter Frey

Der Sozial- und Organisationspsychologe war Inhaber des Lehrstuhls für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und leitet seit 2006 das LMU Center for Leadership and People Management. Frey forscht u. a. in den Feldern Ethikorientierte Führung und Zivilcourage, wurde für seine herausragenden wissenschaftlichen Leistungen mit dem Deutschen Psychologie-Preis ausgezeichnet.

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