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Dr. Christoph Garner, Chefarzt und Leiter der KWA Klinik Stift Rottal in Bad Griesbach von 1992 bis 2017
alternovum Ausgabe 2/2021

Dr. Christoph Garner: "Glücklich ist, wer zufrieden und angstfrei ist"

KWA EXKLUSIV-INTERVIEW – von Sieglinde Hankele.

Bad Griesbach / Unterhaching, 21. Juli 2021

Herr Dr. Garner, was macht ein langjähriger Chefarzt, wenn er im Ruhestand ist?

Für mich ist der Beruf des Mediziners noch heute eine Berufung. Mit dem Eintritt in den Ruhestand habe ich zwar meine Arbeitszeit stark reduziert. Ich betreue aber immer noch an mehreren Tagen in der Woche neurologische Patienten– teils an Krankenhäusern in der Region, teils an meiner alten Arbeitsstelle im KWA-Stift Rottal. Was sich gravierend geändert hat: Als Chefarzt hatte ich abends immer noch einen Stapel Arbeit auf dem Schreibtisch, musste beispielsweise Gutachten oder Stellungnahmen verfassen. Seit ich in Rente bin, kann ich abends auch mal ein Buch lesen. Tagsüber bin ich nach wie vor viel unterwegs. Das macht mir Spaß. 

Nun zu unserem Titelthema: Wie lässt sich Glück aus wissenschaftlicher Sicht erklären?

Das Gehirn kann durch verschiedene Substanzen, vor allem durch Serotonin, Glücksgefühle erzeugen. Daher versuchen Ärzte, mit Medikamenten, die entsprechende Stoffe enthalten, depressiven Menschen zu positiven Gedanken zu verhelfen, ein Gefühl der Angstfreiheit zu erzeugen. Im Unterschied zu Tieren wissen wir Menschen um die Vergangenheit und um die Zukunft. Wenn wir zurückblicken auf das, was wir getan oder unterlassen haben, kann das zu Schuldgefühlen führen. Ein Blick in die Zukunft kann Angst machen, weil wir kein Unglück erleben, keinen geliebten Menschen verlieren möchten. So sind wir Menschen zwischen Schuld und Angst gefangen.

Als Arzt haben Sie immer wieder erlebt, wie sich Menschen über Genesung freuen. Ist Gesundheit auch ein Glücksfaktor? 

Gesundheit ist erst dann ein Glücksfaktor, wenn man selbst oder ein enger Angehöriger nicht mehr gesund ist. Als junger Mensch nimmt man Gesundheit als selbstverständlich, feiert Nächte durch, ernährt sich von Junk-Food, lebt, als ob es kein Morgen gäbe. Im Alter hat Gesundheit eine wesentlich größere Bedeutung für das Glücklichsein. 

Wenn Sie einen ganzheitlichen Blick auf Glück nehmen, wie würden Sie es dann formulieren?

Meinen Lebensweg kann ich nur bedingt selbst beeinflussen, auch wenn ich viel arbeite und mich bemühe. Viele wichtige Ereignisse im Leben – sowohl positive wie negative – sind mir ohne mein Zutun einfach so zugefallen. Wenn ein Mensch sagen kann ‚Wenn ich jetzt gehen muss, bin ich mit meinem Leben ganz überwiegend zufrieden‘, kann er sich als glücklich bezeichnen, glücklich sein. Es gibt aber auch Menschen, die mit der Vergangenheit hadern, sich fragen, ob das schon alles gewesen ist, oder sich wünschen, andere Entscheidungen getroffen zu haben. Doch das bringt nichts, macht unglücklich. Wichtig ist, im Jetzt zu leben. Glücklich ist, wer im Jetzt zufrieden ist und vor der Zukunft keine Angst hat.

Sie haben in der KWA Klinik Stift Rottal – neben vielen anderen besonderen Therapien – Yoga etabliert. Was ist an Yoga so besonders?

Das menschliche Gehirn liefert ständig Gedanken. Wir sind aber normalerweise nicht Herr dieser Gedanken. Wenn man sich beispielsweise nachts in Sorgen verstrickt, gelingt es oft nicht, sich daraus zu befreien. Die negativen Gedanken lassen einen nicht los. Mit Yoga kann man lernen, Herr seiner Gedanken zu werden. Dadurch dass man beispielsweise Bewegungen mit Ein- und Ausatmen in Einklang bringt, kann das Gehirn nicht abschweifen. So gewinnt man Kontrolle über seine körperliche und geistige Existenz. Meditation verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Mit Meditation kann man seine Gedanken ordnen und ein angstfreier, denkender, fühlender Mensch werden, der frei entscheidet, ob er sich von jemandem oder etwas ärgern lässt – oder eben nicht. 

Sie haben immer wieder Indien besucht, dabei das Land und viele Menschen kennengelernt. Was empfindet man in Indien als Glück?

Ich habe Indien als Student kennengelernt und seitdem immer wieder bereist, weil mich die Philosophie des Hinduismus fasziniert. Sie zeigt sich unter anderem am Umgang mit Tieren, ist im Glauben an die Wiedergeburt begründet und mit der Lehre vom Karma verbunden. Heute essen zwar auch in Indien viele Menschen Fleisch, töten dazu Tiere, doch das Verständnis vom Leben ist annähernd gleichgeblieben. Inder sehen alles in einem größeren Zusammenhang. Das spirituelle Konzept vom Karma vertritt die These, dass man sich Glück erarbeiten kann – auch für zukünftiges Leben. Und was in diesem Leben nicht gelingt, kann man ja dann vielleicht im nächsten erreichen. So pflegt man in Indien eine vernünftige, deutlich mehr angstfreie Philosophie. Ich selbst wurde katholisch erzogen. Meine Kindheit war von Gedanken an Höllenqualen und Schuldgefühlen geprägt. Heute denke ich: Ich hatte und habe ein sehr glückliches Leben. 

Was empfinden Sie persönlich als Glück?

Der Kapitalismus und die damit verbundenen Maßnahmen und Denkweisen verfolgen ein krankes Prinzip, einen falschen Ansatz: immer mehr, immer schneller, immer rücksichtsloser. Das war noch nie meine Sache. Deshalb habe ich auch die Juristerei aufgegeben, kaum dass ich als Anwalt fertiger Jurist war. Ich wollte bestimmte Vorgänge einfach nicht gegen meine innere Überzeugung vertreten. Ich habe meine Bestimmung in der Medizin und an der KWA Klinik gefunden. Für KWA habe ich mich entschieden, weil es im Stift Rottal so menschlich zuging. Das hat auch meiner Frau gefallen. Dass KWA mir freie Hand ließ, wie ich das Leben und die Arbeit in der Klinik gestalte, empfinde ich als Glück. So konnte ich kreativ sein und viele, auch alternative Therapien einführen, um meine Ideen umzusetzen. Auch meine Familie war immer Teil meines Glücks – meine Frau und unsere drei Töchter, jetzt auch Enkelkinder – und die Zufriedenheit darüber, dass ich die Klinik erfolgreich auch durch schwierige Zeiten führen und zu Ansehen verhelfen konnte. 

Was können Menschen tun, um glücklich zu sein?

Wenn man gut zu den Menschen ist, sind sie es auch zu einem selbst. Der Volksmund sagt: Wie man in den Wald hineinruft, so hallt es heraus. Wer danach lebt, kann glücklich sein oder werden. Und dann geht es natürlich auch um Zufriedenheit. Ich formuliere es gerne so, wie ein großer Yoga-Lehrer: Glücklich ist der, der gerne das tut, was wer ohnehin tun muss. Das ist mein persönliches Glücksmotto.

Dass KWA mir freie Hand ließ, wie ich das Leben und die Arbeit in der Klinik gestalte, empfinde ich als Glück.

Dr. Christoph Garner

Dr. Christoph Garner

Als Sohn eines Steuerberaters und einer Stenotypistin 1949 in München geboren und im Umland aufgewachsen, studierte Christoph Garner zunächst Jura. Er ist Volljurist, übte den Beruf jedoch nur kurz aus. Von 1976 bis 1982 studierte er an der Ludwig-Maximilians-Universität Humanmedizin und arbeitete anschließend zehn Jahre lang am Universitäts-Klinikum in Großhadern. Dort forschte er auch und ließ sich zum Neurologen ausbilden. In diesen Jahren wurde er zudem promoviert. 

Am 1. Januar 1992 wechselte Dr. Garner von der Uniklinik in die KWA Klinik Stift Rottal, als Chefarzt der ersten Stunde. Dort blieb er 25 Jahre lang, bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2017. Die Reha-Klinik war zunächst für Menschen mit Multipler Sklerose konzipiert. Doch er trat dafür ein, auch Menschen mit „verwandten“ neurologischen Erkrankungen aufzunehmen und zu behandeln – so zum Beispiel Menschen mit Parkinson, Schädel-Hirn Trauma oder Schlaganfallpatienten. Seine Expertise überzeugte Krankenkassen als auch Patienten. 

Als weitsichtig erwies sich Garners nächster Schritt in der Weiterentwicklung der Klink: Er erweiterte das Behandlungsportfolio um geriatrische Rehabilitation, um beispielsweise auch ältere Menschen mit Schenkelhalsbruch aufnehmen zu können und sie für den Weg zurück in den Alltag fit zu machen.

Garner war und ist auch bei Ärztekammern, Krankenkassen und Kollegen sehr angesehen, als Koryphäe in seinen Fachgebieten. Bei der Ärztekammer hat er eine Arbeitsgemeinschaft zur Rehabilitation von Schlaganfallpatienten gegründet und schließlich die AfGiB, einen ärztlichen Geriatrie-Verein, in deren Vorstand er von 1976 bis 2017 war. So nahm er direkt Einfluss auf die Weiterentwicklung der Altersmedizin. Durch Vortragstätigkeit ist er für Neurologie, Homöpathie, physikalische Therapie und Geriatrie deutschlandweit bekannt, nicht zuletzt aufgrund des von ihm vertretenen ganzheitlichen Ansatzes.
 

Glücklich ist der, der gerne das tut, was er ohnehin tun muss.

Dr. Christoph Garner

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