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alternovum Ausgabe 3/2021

Dr. Kunigunde Paetsch-Wollschläger: Doktortitel mit 83

Wie das Rittertum ihr Leben beseelt. – Ein Beitrag von Sieglinde Hankele.

Ottobrunn, 29. November 2021

Ihr Verstand ist ihr Schwert, ihr Wissen über das Mittelalter ihre Rüstung. Damit ausgestattet zog Kunigunde Paetsch-Wollschläger jahrelang durch die Lande und kämpfte sich auf den Spuren ihrer ritterlichen Ahnen durch unzählige Archive: mit dem Ziel, ein wissenschaftliches Werk zu schaffen, das spezifische Erscheinungen des Rittertums prototypisch aufzeigt und für künftige Forschungen interessante Ansatzpunkte liefert. Das Ergebnis ist eine 660 Seiten umfassende Dissertation, die mit Magna cum Laude bewertet wurde.

Damit könnte sie eigentlich eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen und so manche Fehde unter Historikern durch gefundene Urkunden und daraus ableitbare Zusammenhänge beenden. Doch stattdessen ist sie gerade dabei, alle bedeutsamen Dokumente dem Landesarchiv Speyer zu übergeben, für die Nachwelt. Denn die Rittertum-Expertin ist inzwischen 85, bekam die Doktorwürde erst kurz vor ihrem 84. Geburtstag verliehen. 

Ihre Mutter war Westfälin, der Vater Westpreuße. Die ersten Lebensjahre verbrachte das Mädchen Kunigunde im Paderborner Land, eingeschult wurde sie dann in der Heimat des Vaters. Gegen Kriegsende musste sie Dinge miterleben, die sich in Kinderseelen einbrennen. Sie hat die Greueltaten erst Jahrzehnte später verarbeitet, in einer Kurzgeschichte unter dem Titel „Die Vertreibung aus der Kindheit“. Die durch den Krieg zerstreute Familie musste 1945 unter widrigen Bedingungen aus Westpreußen fliehen und sich in Westfalen neu orientieren. 

Doch Kunigunde besaß die Kämpfernatur ihrer Vorfahren, erstritt sich ihren Platz im Leben. Nach einem Lehramtsstudium in Bonn und München konnte sie von 1960 bis 1970 an einer Realschule in München unterrichten, ehe der Beruf des Mannes die Familie in die Pfalz führte – was sie als schicksalhafte Fügung einordnet. Sie arbeitete zwar auch in Bad Dürkheim als Realschullehrerin und kümmerte sich um die Tochter, doch parallel dazu betrieb die Deutsch- und Englischlehrerin erste Forschungen: nachdem sie erkannt hatte, dass die Heimat ihrer adligen Ahnen in der Pfalz liegt.

Schließlich schrieb sie sich an der Universität Koblenz-Landau ein, um Geschichte zu studieren und das Leben ihrer Vorfahren unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten. Für ihre Magisterarbeit zur Geschichte der Ritter von Altdorf (u. a. genannt Wollschläger) wurde ihr 1995 der Pfalzpreis für Heimatforschung verliehen. 

„Der Name Wollschläger öffnete mir bei meinen Forschungen so manche Schlosstür und so manches Archiv“, berichtet die Historikerin. Die Anfänge des Geschlechts reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück. Als Spitzenahnherr nennt sie Konrad von Altdorf, einen Wollschläger, den König Rudolf von Habsburg im Jahr 1291 zum Reichsburgmann von Landau berief.

Im 15. Jahrhundert war Hans II. von Altdorf genannt Wollschläger eine zentrale Persönlichkeit im öffentlichen Leben seiner Zeit. Durch eine vorteilhafte Heirats- und Ämterpolitik konnte er im Dienst des Reiches sowie des Hochstifts Straßburg sowohl Besitztum als auch Ansehen und Einfluss der Wollschläger mehren und in die straßburgisch-elsässische „high society“ aufsteigen. 

Ein Jahrhundert später begründete Steffan Wollschläger, ein von Altdorf, den pommerellischen, preußisch-polnischen Zweig. Als Hauptmann des Deutschen Ordens zog der Kreuzritter gemeinsam mit dem Hochmeister Ulrich von Jungingen im Auftrag des Papstes nach Samaiten (Baltikum) und Dobrin, um dort Christentum und Gebiete zu sichern. Von dieser Zeit zeugen die Reste der Burg Schlochau und Urkunden mit dem Namen Wollschläger („Wolszlegier“). Noch heute leben Familienzweige in Polen. 

Kunigunde Paetsch-Wollschläger selbst lebt seit dem Frühjahr 2018 im Hanns-Seidel-Haus: um in Ottobrunn der Tochter und den Enkelkindern nahe zu sein. Im KWA-Wohnstift kann sie sich nun in der Manier früherer Burgherrinnen bekochen und bedienen lassen sowie an Veranstaltungen teilnehmen.

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