Menu
Hermann Beckmann, Mitbegründer von KWA Kuratorium Wohnen im Alter und langjähriger Geschäftsführer des Unternehmens. – Foto: Sieglinde Hankele
alternovum Ausgabe 3/2014

Die Wohnstiftsidee – Interview mit Hermann Beckmann

Von Sieglinde Hankele.

München/Unterhaching, 06. Dezember 2014

Von Sieglinde Hankele.

Herr Beckmann, Sie haben im Jahr 1966 den Verein „Münchner Altenwohnstift“ mitgegründet. Wie kam es dazu?
Ich war damals mit der Neuorganisation eines Wohlfahrtsverbandes beschäftigt und habe gesehen, wie unzureichend die Situation in der Altenfürsorge war. Deshalb habe ich, neben dem Hauptberuf,  zwei neue Alteneinrichtungen mitentwickelt. Für ein sogenanntes Drei-Stufen-Heim in Forstenried haben wir einen Preis bekommen. Ich war vermutlich in München dafür bekannt, dass ich eine etwas andere Vorstellung von modernen Alteneinrichtungen habe. Eines Vormittags bekam ich einen Anruf: In der Münchner Hypothekenbank wird heute ein Verein gegründet. Gehen Sie da bitte mal hin und hören Sie sich das an. Da saßen dann Staatsminister Juncker, Oberfinanzpräsident Rüth, Staatssekretär Gutsmuths, der Chef der Hypothekenbank Dr. Wirsching, Professor Hintner und Rechtsanwalt Dr. Oehl. Und die erklärten: Wir wollen ein Wohnstift bauen. Sie brauchten mich als siebten Mann. Eine Vereinsgründung ist ja erst ab sieben Personen möglich. Und hier hatte ich nun die Chance, ein modernes Konzept für Wohnen im Alter zu entwickeln.

Weshalb wollten Sie kein Heim, sondern ein Wohnstift bauen?
Die Situation 1966 war die, dass es sogenannte Landesaltenpläne gab. Mit den Mitteln sollten die Wohlfahrtsverbände Altenheime bauen, zur flächendeckenden Grundversorgung, auf kostengünstigstem Niveau. Bestimmt hat die oberste Baubehörde: für vier Personen eine Toilette, für 20 Personen ein Bad und so weiter. Ich fand das unmenschlich und für das Jahr 1966 untragbar, so dass ich sagte: So nicht. Wir müssen uns nicht nur an den Bedürfnissen von heute, sondern an denen von morgen orientieren. Das heißt: abgeschlossene Einheiten mit Bad, Küche, Telefon und Notruf. In die Häuser, die mit den Landesaltenplänen gebaut wurden, konnten ohnehin nur Personen einziehen, die die Voraussetzungen des zweiten Wohnungsbaugesetzes erfüllten. Der normale Bürger war von einer geförderten Versorgung ausgeschlossen. Außer Einrichtungen, die aus den Vorkriegsjahren stammten, gab es fast nichts.

Haben Sie sich bestehende Wohnstifte angeschaut? Gab es Vorbilder?
Nein. Das war ein völlig eigenes Konzept. – Allerdings war mein negatives Wissen groß: Ich hatte oft gesehen, wie es nicht sein sollte. Merkwürdigerweise war 1966 ein Jahr, in dem querbeet in der Bundesrepublik gemeinnützige Wohnstifts-Vereine gegründet wurden: in Bremen, in Karlsruhe, in Hannover, in München – die hatten nichts miteinander zu tun. Diese Vereine hatten alle ein eigenes Konzept und die unterschieden sich durchaus. Die einen planten einen restaurantähnlichen Speisesaal mit gepflegter Küche, die anderen boten weitgehend nur eine Grundversorgung. 

Und wie sah das MAW-Konzept aus?
Bei uns stand das Wohnen im Vordergrund. Wir haben uns überlegt: Was ist eigentlich Wohnen? – Wohnen ist nicht nur Schlafen und Aufenthalt. Sondern wesentlich schien uns, dass das Essen im Appartement stattfindet. Deshalb planten wir Etagenküchen mit Etagendamen, um auf die individuellen Wünsche der Bewohner eingehen zu können. Die Mahlzeiten wurden im Appartement serviert. Wir wollten bewusst keinen Speisesaal. Ein Speisesaal passte nicht zu unseren Vorstellungen. – Und etwas schien uns noch ganz wichtig: Der alte Mensch sollte die Möglichkeit haben, Gastgeber in seinem Appartement zu sein. Und ich muss sagen: Meine Mutter wohnte im Wohnstift am Parksee, sie hat es durchaus genossen, wenn sie uns am Sonntag zum Essen einladen konnte. 

In den Sechzigern war das Familienleben noch sehr wichtig. Wie kamen Sie auf die Idee, dass Menschen in Wohnstiften leben wollten? 
Die Wohnverhältnisse waren damals nicht altersgerecht. Viele Häuser hatten keine Zentralheizung und keine Aufzüge. Und es war auch die Zeit, in der die Fluktuation begann. Kinder wurden mobiler, gingen weg. Diesen großen traumhaften Familienzusammenhalt gab es 1966 nicht mehr. Spätestens wenn Pflegebedarf entstand und die Familie das nicht leisten konnte, war man auf Einrichtungen angewiesen. 

Und Sie waren der Meinung, wenn genug Komfort da ist, werden die Menschen auch ohne Pflegebedarf kommen?
Ja. Wobei Sicherheit wichtiger war als Komfort. Die Sicherheit der Versorgung, und, dass sie in einer Einrichtung sind, in der alles geboten wird. 1966 war es geradezu ein Avantgardismus, dass jeder Bewohner ein eigenes Telefon hatte. Und wir hatten auch eine der ersten drahtlosen Funkanlagen für die Mitarbeiter, für den Notruf. Die haben wir mit der alten Münchner Telefongesellschaft konzipiert. Für das erste Wohnstift, das Georg-Brauchle-Haus, haben wir dann auch gleich den Preis für guten Wohnungsbau in München bekommen. – Und wir hatten keinerlei Belegungsproblem. 

Und welche Rolle hat das kulturelle Angebot damals im Wohnstift gespielt?
Eine große. Wir hatten im Georg-Brauchle-Haus von Anfang an Konzerte der Münchner Musikhochschule. Mit Meisterschülern hatten wir die Vereinbarung, dass sie sich hier freispielen konnten. Eine tschechische Chopin-Interpretin gab regelmäßig Klavierkonzerte. Das Niveau war hoch. Und mit der Kunstakademie gab es eine Vereinbarung, dass sie Ausstellungen in unseren Häusern machen konnten. 

Seniorenresidenzen und betreutes Wohnen liegen im Trend. Denken Sie, dass es Wohnstifte auch in Zukunft geben wird? 
Ich denke, den Begriff wird es noch weiter geben und auch die Idee. Man muss vielleicht die verpflichtenden Angebote reduzieren, so dass der Bewohner Leistungen erst dann dazu nehmen muss, wenn er sie braucht. Das klingt nun vielleicht ein bisschen nach betreutem Wohnen. Aber nein, ich möchte durchaus, dass die ständige Präsenz der Versorgung da ist. Das heißt: Hinter dem Knopf ist immer jemand, der sofort kommen kann, nicht nur ein Callcenter. Der Service muss präsent sein.

Wir haben uns überlegt: Was ist eigentlich wohnen?

Hermann Beckmann

Hermann Beckmann

Hermann Beckmann (Jahrg. 1930) war einer der sieben Unternehmensgründer von KWA, welches 1966 als gemeinnütziger Verein unter dem Namen "Münchner Altenwohnstift" erste Planungen aufnahm und 1969 mit der Eröffnung des Georg-Brauchle-Hauses die Wohnstiftsidee erstmals realisierte. Beckmann war deutlich jünger als die anderen Gründer, lenkte nicht nur über drei Dekaden hinweg als Geschäftsführer die Geschicke des Unternehmens, sondern erwies sich als "Macher", dem es gelang, auch an anderen Orten Menschen für seine Ideen zu gewinnen.  

1966 war die Zeit vor dem Heimgesetz, da konnten sich Kreativität und Fantasie noch frei entfalten.

Hermann Beckmann

lesen Sie außerdem

Cookies