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alternovum Ausgabe 1/2021

Kolumne: Das Buch der Bücher

Von Dr. Harald Parigger.

Amerang, 10. April 2021

Viele Geschichten könnte ich erzählen, in denen Bücher eine Rolle spielen. Wie ich als kleiner Junge im Wilhelm-Busch-Album begeistert die Abenteuer von Tobias Knopp verfolgte. Wie ich zwölfjährig mit Kapitän Hornblower auf den Weltmeeren den korsischen Tyrannen bekämpfte. Atemlos mit Oliver Twist bei einem Einbruch Schmiere stand… Aber während ich hier inmitten all meiner Bücher sitze, die so etwas darstellen, wie die Geschichte meines Lebens, kommt mir ein Gedanke: Was wäre, wenn ich, warum auch immer, von all diesen Büchern, nur ein einziges behalten dürfte? Schwer vorstellbar, aber auf welches würde meine Wahl dann fallen?

Wie von selbst erscheint plötzlich eines vor meinem inneren Auge. Ich muss nicht danach suchen, ich weiß, wo es steht und ziehe es heraus.  Es ist über elfhundert Seiten stark und heißt „Der ewige Brunnen“. 1600 Gedichte aus achthundert Jahren deutscher Sprache enthält es, kurze, lange, ernste, heitere, leicht zugängliche und verschlüsselte. Ich schlage es auf, ganz willkürlich, irgendwo, und lese: 

„Schlage die Trommel und fürchte dich nicht,
und küsse die Marketenderin!
Das ist die ganze Wissenschaft,
das ist der Bücher tiefster Sinn.“

Von Heinrich Heine stammt die Strophe – und ich weiß nichts Besseres, um einem Pandemie-Tag eine lange Nase zu drehen und ihn fröhlich anzugehen.
Eine neue Seite, irgendwo im Buch, ein Gedicht von Theodor Storm diesmal:

Über die Heide hallet mein Schritt,
dumpf aus der Erde wandert es mit.
Herbst ist gekommen, Frühling ist weit –
gab es denn einmal selige Zeit?
Brauende Nebel geisten umher; 
schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer.
Wär ich hier nur nicht gegangen im Mai!
Leben und Liebe – wie flog es vorbei!

Da sitze ich über meinem Buch und sehe Jahre vorüberziehen, frohe und trübe, das Leben, dessen Straße der Erinnerungen inzwischen so viel länger ist als der Weg in die Zukunft.

Schnell blättere ich weiter – und muss lachen. Vor einigen Jahren war ich mit meiner Frau in Wien; dort haben wir uns – unter Schmerzen – den Lohengrin angetan. Und was lese ich hier?

„Nach Schluss der langen Oper hörte
ich neulich folgende Kritik:
Was mich an dieser Oper störte,
das war der Schwan und die Musik!“

Heinz Erhardt hat diese meisterliche Kürzestrezension verfasst: Dank sei ihm dafür!
Noch einmal schlage ich mit geschlossenen Augen eine Seite auf:

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich.
Es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.

Eine Strophe aus dem Gedicht „Nur zwei Dinge“ von Gottfried Benn, eines von denen, über die man lange grübelt, die Fragen stellen, deren Antworten man selber finden muss, jeder für sich.

So könnte ich weiterblättern, käme von Witzigem zu Ernstem, von Alltäglichem zu Existentiellem, und ich entdeckte jeden Tag etwas Neues – kein Roman, kein Sachbuch könnte mir etwas Vergleichbares bieten. Das Buch kommt mir vor wie ein kleiner und doch unerschöpflicher Blumengarten, der alles enthält, was es an Farben, Düften und Formen gibt: Man durchwandert ihn, man staunt, lacht, weint, begreift neu, ohne je zum Ende zu kommen oder sich jemals zu langweilen. Oder, wie Gottfried Benn es ausdrückt:

„Es gibt nur ein Begegnen: im Gedichte / die Dinge mystisch bannen durch das Wort.“ 
Ich blättere noch ein letztes Mal, ganz nach vorn, zum ersten Gedicht des Buchs, Albrecht Goes hat es geschrieben:

Klein ist, mein Kind, dein erster Schritt,
klein wird dein letzter sein.
Den ersten gehen Vater und Mutter mit,
den letzten gehst du allein.
Sei’s um ein Jahr, dann gehst du, Kind,
viel Schritte unbewacht,
wer weiß, was das dann für Schritte sind
im Licht und in der Nacht?
Geh kühnen Schritt, tu tapfren Tritt,
groß ist die Welt und dein.
Wir werden, mein Kind, nach dem letzten Schritt
wieder beisammen sein.

Vor wenigen Monaten ist mein erster Enkel geboren. Ich freue mich schon, wenn ich ihm aus dem Buch vorlese und ihm meine Wünsche für sein Leben mitgebe: Ich werde ihm sagen: „Geh kühnen Schritt, tu tapfren Tritt – und schlage die Trommel und fürchte dich nicht!“

Und natürlich werde ich ihm das Buch schenken – dieses Buch der Bücher. Denn es umgreift die ganze Welt.

 

Hinweis der Redaktion: Das Copyright zu diesem Beitrag verbleibt bei Dr. Harald Parigger.

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