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alternovum Ausgabe 3/2019

Kolumne: Vater und Sohn

Von Dr. Harald Parigger.

Amerang, 19. Dezember 2019

Als mein Sohn ein kleiner Junge war, so drei, vier Jahre alt, da gab es jede Woche eine Reihe von wichtigen Terminen, die wir beide auf keinen Fall versäumen wollten: Spaziergänge von Vater und Sohn – nur wir beide.

Meistens fuhren wir zuerst eine kleine Strecke mit dem Auto, denn steile Hänge, Wald und rauschende Bäche, die wir für unsere Spaziergänge unbedingt brauchten, die gab es nicht vor der Haustür. Wenn das Auto dann geparkt und wir abmarschbereit waren, passierte immer dasselbe: Ein Bubenhändchen schob sich von hinten in meine große Pranke und hielt sie fest, und während ich das schreibe, meine ich den sanften Druck der kleinen Finger wieder zu spüren. Jetzt geht’s los, signalisierte der Druck,  jetzt sind wir unter uns und können uns ruhig dreckig machen, und noch mehr: Hast du dein Taschenmesser eingesteckt? Die Süßigkeiten nicht vergessen? Vielleicht auch ein paar von den kleinen Metallautos dabei? Das alles sagten mir die kleinen Finger, die sich in meine Hand schmiegten, ich bin ganz sicher, und noch heute spüre ich ihre Wärme.

Wir liefen los, stapften durch Laub und Matsch, und der Kleine an meiner Seite machte immer drei Schritte, während ich einen machte. Wir schnitzten Dolche und Speere aus Erlenholz, verspeisten unsere Bonbons und ließen die kleinen Autos vom Vordach einer verfallenen Hütte hinabsausen.

Wenn wir eine Weile bergauf gegangen waren und es Zeit zum Umkehren wurde, wenn der Rückweg lang und steil wie eine Rodelbahn war, dann kam unser Lieblingsspiel. Es hatte keinen Namen und ging ganz einfach: Jeder durfte abwechselnd grün – gelb – rot sagen, ohne dass der andere wusste, wann. Bei grün rannten wir los, bei gelb spannten wir die Sinne an, bei rot: Vollbremsung! Und dann rasten wir bergab. Ganz fest ruhte jetzt die kleine Bubenhand in meiner Faust. Gelb - -- rot! Grell kreischten die Bremsen – aus Höchstgeschwindigkeit zum Stand, in einem Meter! Grün – losrennen – Achtung, gelb!  Rot!! Ganz kleine Schrittchen machte ich jetzt, damit der kleine Mann an meiner Seite nicht aus dem Tritt geriet, und packte ihn ganz fest, während wir den Weg hinuntersausten. Das war ihm sicher nicht bewusst, aber er vertraute mir. Der Papa hielt ihn, was sollte da schon passieren? Es waren wunderbare Spaziergänge.

Im Lauf der Jahre wurden die Termine seltener und weniger wichtig, und dann kam eine Zeit, da gab es sie überhaupt nicht mehr. Man nennt das „Abnabelung“ oder „Pubertät“; es ist schmerzhaft für Väter (und Mütter), aber es muss sein.

Heute gibt es die Spaziergänge wieder. Mein Sohn ist inzwischen einen halben Kopf größer als ich, und wenn er einen Schritt macht, muss ich zwei machen. Er drosselt außerdem sein Tempo beim Laufen, sonst könnte ich nicht mithalten. Meine Hand nimmt er nicht mehr, aber wenn eine Wegstrecke besonders steil, felsig oder rutschig ist, dann eilt er voraus und stützt mich, denn er weiß, dass meine Wirbelsäule nur noch von meinem Eigensinn zusammengehalten wird. Auf seine stützende Hand kann ich mich felsenfest verlassen, genauso wie er sich damals auf meine. Man könnte sagen, aha,  die Verhältnisse haben sich umgekehrt, früher half der starke Große dem schwachen Kleinen, jetzt hilft der starke Junge dem schwachen Alten. Aber so ist es nicht, nicht nur. Denn während wir früher geschnitzt und getobt haben, reden wir jetzt. 

Mein Sohn erzählt mir von seinen Plänen, von Problemen und Chancen, von verpassten und von genutzten Möglichkeiten. Immer wieder fragt er mich auch um Rat, fordert Kritik oder Bestätigung. Er muss, wie alle jungen Erwachsenen, mit Entscheidungen ringen, Probleme bewältigen, Weichen stellen. Ich versuche dann, ihm zu raten, mit meinen langjährigen beruflichen Erfahrungen, mit den Schlüssen, die ich aus vielen frohen oder auch trüben Lebenssituationen gezogen habe. Während er sich damals auf meine Hand verlassen konnte, kann er sich heute auf meinen Rat verlassen. Nur die Verantwortung für sein Bergabrennen, die muss er jetzt selbst übernehmen. Und wieder sind es wunderbare Spaziergänge, wenn auch ganz andere.

Manchmal, ich gesteh’s, manchmal sehne ich mich zurück nach der kleinen Hand, die sich vertrauensvoll in die meine schmiegte, nach der langen Lebensspanne, die damals noch vor mir lag. Meistens aber, wenn ich mich nach einem Spaziergang behaglich im Sessel zurücklehne und ein Glas trinke mit meinem Sohn, möchte ich genauso alt sein, wie ich gerade bin. 

 

Hinweis der Redaktion: Das Copyright zu diesem Beitrag verbleibt bei Dr. Harald Parigger.

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