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alternovum Ausgabe 3/2020

Kolumne: Vom Sinn des Spiels

Von Dr. Harald Parigger.

Amerang, 04. Dezember 2020

Als mein Sohn noch nicht wie heute 188, sondern erst 90 cm groß war, stellte er jedem, der sich in der Nähe befand und sein Vertrauen genoss, mit erwartungsvollem Gesicht über kurz oder lang eine Frage. Sie lautete: „Bielssu mit mir?“ (Für alle, denen diese Frage nicht vertraut ist, hier die Übertragung: „Spielst du mit mir?“). Mama, Papa, Oma, Patentante, Freunde, Bekannte, einer konnte meistens dem sehnsüchtigen Blick der Bubenaugen nicht widerstehen. Wenig später hockten er oder sie mit dem Kleinen irgendwo auf dem Boden, vertieft in ein aufregendes Szenario mit aufeinander krachenden Matchbox-Autos, großen Lastern, die ihre Ladung auf dem Teppichboden abkippten, oder, wenn man Pech hatte, auch mit schrillen Glockenspielen und scheppernden Trommeln. Regeln gab es in diesen Spielen keine, was da passierte, ergab sich intuitiv.

Fand sich aber niemand, der entsprechend vereinnahmt werden konnte, war das auch nicht weiter schlimm. Dann verschwand der Kleine in seinem Zimmer, und man hörte nichts mehr von ihm. Doch wer einen Blick zu ihm hineinwarf, sah ein Kind, das völlig selbstvergessen spielte: Mal mit kühnen Konstruktionen aus Bauklötzen, die einem heranbrausenden Auto widerstehen mussten, mal mit Bilderbüchern, die als Eisenbahntunnel, als Autorampen oder auch nur, ihrer eigentlichen Bestimmung gemäß, zum Anschauen dienten. Einmal sah ich ihn mit einem Stoffhasen und einer Haarbürste; jemand hatte ihm die Geschichte vom Hasen und vom Igel erzählt, einen Igel gab es nicht in seiner Stofftiersammlung, aber die Haarbürste bot Ersatz.

Mich berührten solche Szenen immer sehr, denn ich sah, wie das Kind sich dabei die Welt vertraut machte:  Da war nichts, was man ihm mit didaktischen Hintergedanken verordnet hätte, nichts, was seine Motorik oder seinen Wortschatz hätte optimieren sollen. Es kam ganz aus ihm selbst heraus, beruhend nur auf seinen eigenen Erfahrungen, auf seiner Fantasie, auf den Bildern in seinem Kopf. Und dennoch war es förmlich greifbar, wie er daraus für sich Verhaltensweisen, Wertvorstellungen und Entscheidungsmodelle entwickelte. Und wofür ein Gegenstand, ein Spielzeug, ein Figürchen Verwendung fanden, das bestimmte er ganz allein.

Um es deutlich zu sagen, ich habe nichts gegen zweckgebundene, didaktisch wertvolle Spiele, durch die sich Führungsqualitäten, Toleranz, Wissen und Können weiterentwickeln sollen, ich habe auch nichts gegen Formen des Spiels, in denen man seine intellektuelle Leistungsfähigkeit oder seine Geschicklichkeit unter Beweis stellen soll. Im Gegenteil, ich halte sie für ein wertvolles Mittel der Erziehung, der Fortbildung, der Selbstmotivation und der Unterhaltung. 

Aber ich bemerke doch mit Bedauern, dass mit dem Ende der Kindheit viele Menschen die freie und im eigentlichen Sinn schöpferische Art zu spielen aufgeben oder gar ablehnen. Eine junge Wissenschaftlerin hat mir einmal in einem Gespräch über – zweckfreie – Sprachspielereien, wie Schüttelreime, Palindrome oder Anagramme, geantwortet: „In der Zeit, die ich damit vertrödele, solch sinnloses Zeug zu basteln, kann ich auch was Vernünftiges machen.“ – Ich glaube, der guten Frau entgeht etwas Wesentliches. Zeigt nicht das Spiel des in sich selbst versunkenen Buben, dass das kreative, zweckfreie Spielen keineswegs vertrödelte Zeit bedeutet? Wächst daraus nicht immer wieder auch Erkenntnis? Und was wäre daran „sinnlos“ oder „unvernünftig“?

Albert Einstein, bekanntlich ein ziemlich vernunftbegabter Mensch, äußerte einmal „Das Spiel ist die höchste Form der Forschung“, und damit meinte er eben dieses regellose, freie, unerzwungene Schweifen des Geistes und der Fantasie, das aus einem selbst entspringt, bei dem nicht feststeht, was am Ende dabei herauskommen muss – und bei dem folglich alles herauskommen kann. Wer sich immer in Normen und Regeln pressen lässt, gerät auch niemals über sie hinaus – er bleibt begrenzt. Wer sich aber darauf einlässt, wirklich zu spielen, der kann, in jedem Alter und in jeder Lebensphase, über sich hinauswachsen.

Man kann mit anderen so spielen oder allein. Man braucht dazu nichts als  ein paar Noten oder Buchstaben, einen Stoß Spielkarten, eine Handpuppe, ein paar Zettel und Stifte, ein Stück Holz oder eine Handvoll Kieselsteine… Man sollte sich aber etwas bewahrt haben vom Geist eines kleinen Kindes, das sich einer Haarbürste bediente, weil gerade kein Igel zur Hand war.

 

Hinweis der Redaktion: Das Copyright zu diesem Beitrag verbleibt bei Dr. Harald Parigger.

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