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Michaela Hilger und Christiane Minnich: zwei Kämpferinnen

Beide arbeiten im KWA Georg-Brauchle-Haus in München. In ihrer Freizeit gehen sie Hobbys nach, die verwandt scheinen und doch verschieden sind. Pflegedienstleiterin Christiane Minnich schwört auf Taekwondo, Buchhalterin Michaela Hilger setzt auf Wing Chun

München/Unterhaching, 02. Juni 2022

„Im Gegensatz zu Judo oder Karate liegt man bei Taekwondo nur selten auf der Matte“, sagt Christiane Minnich – um mit einem weit verbreiteten Vorurteil aufzuräumen. In der Regel trainiert sie mit einem imaginären Gegner. Einen Trainingspartner braucht sie beispielsweise dann, wenn sie übt, einen Angreifer abzuwehren, der einen Stock oder ein Messer in der Hand hat. 

Christiane trainiert fünf- bis sechsmal pro Woche „TWIN Taekwondo“, meist in Unterhaching, manchmal auch in München. Die beiden Großmeister, die die Schule aufgebaut haben und führen, sind Zwillinge. Sie haben die alte koreanische Kampfkunst weiterentwickelt, verknüpfen diese mit neuen Techniken. Auch in der Schweiz und in Österreich gibt es TWIN-Taekwondo-Schulen. 

Taekwondo fordert den Geist und den Körper

Taekwondo verbindet körperliches und mentales Training, vermittelt gleichzeitig Werte wie Respekt, Disziplin, Konzentration, Ausdauer und Willensstärke. Durch das Erlernen von Selbstverteidigungstechniken wird zudem das Selbstvertrauen gestärkt. „Die Bewegungen fordern immer Körper und Geist“, betont Christiane. Die Bewegungsabläufe sind oft komplex, teils gegenläufig.

Die Hauptdisziplinen bei Taekwondo sind unteranderem: Bruchtest (Kyek-Pa, Formenlauf (Hyong) und Freikampf (Chaya Taeryon). Christiane mag Hyong am liebsten, weil es da auf präzise Bewegungsabläufe ankommt. „Der Bruchtest hat viel mit Willen zu tun“, sagt sie. „Wenn ich mich frage: Bin ich gerade stark genug dafür? wird es nicht gelingen, ein Schlag zu setzen, der den Gegenstand teilt.“

Christiane Minnich ist auf dem Level 2. Dan

Welche Erinnerung hat Christiane an die erste Taekwondo-Stunde? „Als ich vor elf Jahren vom Probetraining kam, dachte ich: Das ist nichts für mich. Das schaffe ich sowieso nicht. Ich hatte viel zu wenig Kondition und eine schwache Muskulatur.“ Eine Freundin überredete sie, ein zweites Mal hinzugehen – da hat sie das Taekwondo-Fieber ergriffen und bis heute nicht losgelassen. 

Man fängt als „Weißgurt“ an und kann durch eine Prüfung die nächsthöhere Stufe erklimmen. Die Gurtfarben zeigen die erreichte Stufe, sind: Weiß, Weiß-Gelb, Gelb, Gelb-Grün, Grün, Grün-Blau, Blau, Blau-Rot, Rot, Rot-Schwarz und Schwarz. Im September 2016 hat Christiane die erste Schwarzgurtprüfung geschafft, im Oktober 2018 die 2. Dan-Stufe erreicht. „Auch als Schwarzgurtträger versucht man, sich immer weiter zu verbessern, Techniken zu verfeinern. Und man übernimmt dann auch Verantwortung, beispielsweise als Trainerin einer Gruppe oder im Schiedsgericht bei Turnieren“, berichtet Christiane.

Wie Christiane den Bambini Taekwondo lehrt

Christiane trainiert derzeit zwei Mal pro Woche die „Bambini“, die 4- bis 6-Jährigen. Nach einem gemeinsamen Kreis und Aufwärmübungen vermittelt sie erste Techniken am liebsten in einem Parcours, denn: „Kleine Kinder verstehen komplizierte Ansagen noch nicht. Sie lernen am besten durch Nachmachen.“ Dabei achtet sie sehr auf den begrenzten Energielevel der Kinder. Der Spaß am Training steht im Vordergrund. 
Der Spaß an Taekwondo ist auch bei Christiane immer noch da, und das gute Gefühl, Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft zu sein. Auch an vereinsinternen Wettkämpfen und Meisterschaften hat sie schon teilgenommen. Irgendwann wird es bestimmt auch mit einem Pokal klappen. 

Christiane zieht vielfältigen Nutzen aus dem Kampfsport

Als Christiane mit Taekwondo anfing war sie 30, heute ist sie 41 und fitter denn je. „Ich hab‘ heute so gut wie keine Rückenprobleme und Verspannungen mehr. Außerdem kann ich beim Taekwondo-Training komplett abschalten, den Alltag hinter mir lassen“, sagt Christiane. Sie liebt es, dabei an ihre Grenzen zu gehen.

Die Großmeister organisieren für jeden Sommer ein Trainingscamp. Dort werden unter anderem die Schwarzgurtprüfungen abgenommen. Christiane legte ihre erste Schwarzgurtprüfung in Bulgarien ab, am Schwarzen Meer. Ihre zweite in Spanien, in Andalusien. Bei jedem Camp führen sie der Öffentlichkeit Taekwondo-Sequenzen vor. Doch nicht nur das mag Christiane. „Es ist einfach schön, den ganzen Tag lang mit Gleichgesinnten zu trainieren. Ich genieße das.“ 

Michaela Hilger und ihr Mann sind beide „Münchner Kindl“ – und haben ihrer Tochter, die ebenfalls in München zur Welt kam, bewusst zwei Namen gegeben, die man nicht mit einem Münchner Kindl verbindet, sondern ihrer Weltoffenheit entsprechen: Tanisha Ninja. Beim Zweitnamen denkt man automatisch an Kampfsport. Und den betreiben Michaela und ihre inzwischen 13-jährige Tochter tatsächlich. 

Als Tanisha in die erste Klasse kam, wollte sie unbedingt Karate lernen. Da hat Michaela nach Ausbildungs- bzw. Trainingsmöglichkeiten für das Mädchen gesucht. Was Kampfsportprofi Sifu Markus Schinhammer beschrieb, gefiel ihr am besten. Seit einem Probetraining im Jahr 2015 fahren Mutter und Tochter zumindest zwei Mal pro Woche in dessen Schule nach Unterhaching, um zu trainieren, und zwar „Wing Chun“. Dieser besondere chinesische Kung-Fu-Stil ist das Richtige für beide. 

Wing Chun zielt vor allem auf Selbstverteidigung

„Wing Chun ist kein Kampfsport im klassischen Sinn, sondern Kampfkunst“, betont Michaela. Es wurde ursprünglich in einem Kloster entwickelt, um Frauen zur Abwehr von Angriffen zu befähigen. Während eine Hand mit eingeschliffener Technik einen Angriff abwehrt, setzt die andere zeitgleich gezielt einen durchdringenden Schlag, mit der sogenannten last moment energy. Natürlich eignen sich die Wing-Chun-Selbstverteidigungstechniken gleichermaßen für Männer. 

Von ihrem Wing-Chun-Lehrer Sifu Schinhammer ist Michaela begeistert: Dieser fing im Alter von fünf Jahren mit Kampfsport an, ist heute Großmeister des Wing Chun Kung Fu und Schüler des Großmeisters Samuel Kwok.

Von Michaela ist ihr Mann begeistert. Ja, er ist regelrecht stolz auf sie: Weil sie in ihrer Freizeit in der Unterhachinger Kung-Fu-Schule inzwischen selbst Wing Chun lehrt. Derzeit unterrichtet sie die 11- bis 15-jährigen Teenies, die 6- bis 10-jährigen Kids sowie die ganz Kleinen, die noch in den Kindergarten gehen: die „Lil Dragons“ – kleine Drachen.

Michaela ist auf dem Weg zur schwarzen Schärpe

Michaelas Trainingseinheiten für die Dreieinhalb- bis Fünfjährigen haben spielerischen Charakter. Für den Besuch einer Trainingseinheit bekommen sie einen Stempel. Nach zehn Stempeln dürfen sie statt eines weißen Gürtels einen goldenen Gürtel tragen. Erst im Schulalter müssen sie einen Test durchlaufen, wenn sie eine neue Gürtelfarbe erreichen wollen.

Bei Kindern und Jugendlichen lassen die Gürtelfarben den Level erkennen, bei Erwachsenen die Schärpenfarbe. Michaela trägt eine braune Schärpe. Natürlich strebt sie die schwarze an. Wenn Sifu Schinhammer denkt, dass sie weit genug fortgeschritten ist, wird er sie zur Prüfung einladen.

Was Michaela Hilger über die Lil Dragons sagt

Die Trainingseinheiten für die Kinder folgen einer festen Struktur. Es geht los mit Aufwärmen – beispielsweise in einem Parcours. Im zweiten Teil geht es um Grundtechniken der Selbstverteidigung. Bei den Lil Dragons werden dabei vor allem Gleichgewicht, Koordination und die Kombination von Bewegungen geschult. Im dritten Teil einer Trainingseinheit folgt ein Sitzkreis zum Thema des Monats. Als dies „Gesundheit“ war, hat Michaela in einer Stunde über gesunde Ernährung gesprochen, in einer anderen über Bewegung. 

„Was mir wirklich gut gefällt an dieser Arbeit mit Kindern: Ich kann ihr Selbstwertgefühl stärken, indem ich ihnen beispielsweise vermittle, dass jeder Mensch Stärken und Schwächen hat – und genau so, wie er ist, wertvoll ist. Im Sinne der vorbeugenden Gefahrenabwehr bringen wir den Kindern auch bei, NEIN zu sagen. Wir wollen sie dahin bringen, dass sie verbale Angriffe auch verbal abwehren und klare Grenzen ziehen. Nur im Notfall sollen sie ihre Kampfkünste einsetzen.“ 

Michaela ist durch Wing Chun selbstbewusster geworden

Und was bringt Wing Chun ihr ganz persönlich? „Heute laufe ich mit meinem Hund auch mitten in der Nacht ohne Angst durch dunkle Straßen.“ Wing Chun hat sie verändert, ihr Selbstbewusstsein enorm gestärkt. Früher hat sie immer versucht, es anderen recht zu machen. Heute überlegt sie, ob sie etwas wirklich selbst will. So kommt Michaela zum Schluss: „Wing Chun tut mir einfach gut. Natürlich auch körperlich. Wichtige Muskelpartien werden ja gezielt aktiviert und trainiert.“

 

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