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alternovum Ausgabe 3/2021

Knusper knusper knäuschen ...

Märchenstunden in unserem Münchner Pflegestift, dem KWA Luise-Kiesselbach-Haus. Mitarbeiterin Monika Liebl ist ausgebildete Märchenerzählerin.

München, 10. Dezember 2021

„Es war einmal…“ – so beginnen alle Märchen. Mit diesem Satz verbindet fast jeder Mensch Kindheitserinnerungen und Märchen. Sie gehören zum allgemeinen Kulturgut und sind gleichzeitig Teil des Lebens Einzelner.

Menschen, die an Demenz erkrankt sind, büßen zwar häufig kognitive und sprachliche Fähigkeiten, Alltagsfertigkeiten und Orientierungsvermögen sowie Kurzzeitgedächtnis ein, können sich aber noch lange an weit zurückliegende Ereignisse erinnern. Das Erzählen von Märchen will Zugang zu diesen Erinnerungen schaffen.

Märchen sind in der Regel bekannt und geben dadurch Sicherheit – entgegen allen Unsicherheiten, die durch die Demenzerkrankung entstanden sind. Darüber hinaus sprechen sie die Gefühlsebene an. Diese Ebene bleibt bei Menschen mit Demenz lange erhalten.

Märchen schaffen emotionale Sicherheit, sorgen für Geborgenheit und Wohlbefinden. Märchen sprechen den Menschen in seiner Ganzheit an und gut erzählte Märchen bedienen viele unterschiedliche Wahrnehmungskanäle. So können Märchen gehört, gefühlt, betastet, gerochen und sogar geschmeckt werden.

Im KWA Luise-Kieselbach-Haus erleben Senioren und Seniorinnen in Märchenstunden eine Reise der Sinne. Monika Liebl, eine Mitarbeiterin des Hauses aus dem Bereich „Aktivierung und Betreuung“, hat sich zur Geschichten- und Märchenerzählerin ausbilden lassen und lädt regelmäßig zu einer gemeinsamen Märchenstunde ein. Manche Vorbehalte, wie Märchen seien nur was für Kinder, verklingen sehr schnell, wenn sich die Menschen erst einmal darauf eingelassen haben.

Mit künstlerisch gestalteten Märchenfiguren aus Holz, einer attraktiven Kulisse, passenden Düften und bekannten Märchenliedern zur Begrüßung werden die Märchenstunden für jeden individuell erfahrbar gemacht und so ein Erlebnis für alle Sinne. 

Monika Liebl setzt seit dieser Märchensaison zusätzlich Kamishibai ein: ein japanisches Papiertheater, das auch „Märchenbilderschaukasten“ genannt wird. So konnte beispielsweise „Hänsel und Gretel“ nicht nur durch Zuhören, Tannenduft und Lebkuchen-Essen erlebt werden, sondern zusätzlich durch zwölf Bilder, die während des Erzählens nach und nach an den passenden Stellen eingeschoben wurden. Insbesondere Märchenstundenbesucher mit Hörschwäche profitieren von dieser Erweiterung, betrachten sehr genau, was zu sehen ist.

Parallel dazu nimmt die Märchenerzählerin immer wieder Blickkontakt mit dem Publikum auf – eine bewährte Methode, um die Zuhörer ganz für die Erzählung einzunehmen und nicht an andere Gedanken zu verlieren. Liebl erzählt weitgehend frei, orientiert sich an wenigen Stichpunkten.

Wenn im Anschluss an das Märchen gemeinsam ein Lebkuchen-Häuschen oder Keks-Frösche oder der Inhalt von Rotkäppchens Körbchen verzehrt werden, um die Geschichte nachwirken zu lassen, kommt es immer wieder zu kleinen Gesprächen. So zeigte sich beispielsweise, dass nicht nur Schneewittchen gewisse Probleme mit ihrer Schwiegermutter hatte. Freilich sind es oft nur Erinnerungs-Fragmente.

Zuhörer, die sich nicht mehr an Gesprächen beteiligen können, verleihen ihren Gefühlen oft schon während der Vorlesezeit Ausdruck, bekunden beispielsweise Mitleid. 

Und tatsächlich gibt es auch echte Märchen-Fans, die keine einzige Märchenstunde verpassen. Darunter auch Bewohner ohne kognitive Einschränkungen, die gerne kommen und auch mitmachen, wenn es darum geht, bekannte Reime zu vervollständigen, so zum Beispiel:     

Knusper, knusper knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen? Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.

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