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alternovum Ausgabe 3/2020

Vom kleinen Glück - schreibend durch das Leben

Martin Osterkorns lebenslange Leidenschaft sind die Bücher und das Schreiben. – Ein Beitrag von Jörg Peter Urbach.

München, 25. November 2020

Martin Osterkorn liebt Bücher. Sein ganzes Leben lang waren sie ihm Lebenselixier, inspirierten ihn und halfen ihm in schwierigen Phasen. "Noch heute betrachte ich es als großes Glück, dass ich mir meinen Traumberuf als Buchhändler wirklich erfüllen konnte", berichtet der 1924 in Hacklberg bei Passau geborene Niederbayer. Doch bis es dazu kam, hatte der junge Osterkorn schwere Prüfungen zu bestehen.

Der Krieg und die anschließende Gefangenschaft in Norddeutschland und Frankreich nahmen ihm seine Jugend. Als körperliche Folge einschneidender Erlebnisse leidet Osterkorn bis heute unter täglichen Kopfschmerzen. Gegen die er sein ganz individuelles Heilverfahren entwickelt hat: das Schreiben.

Schreiben als Therapie

"Durch das intensive Schreiben unterschiedlichster Texte konnte ich mich in eine Welt begeben, in der ich gelernt habe, mit dem Schmerz besser umzugehen. Eine für mich sehr wirkungsvolle Therapie." Denn nicht nur die Erlebnisse in Krieg und Gefangenschaft, sondern auch der frühe Tod von Schwester, Bruder und Vater waren schwere Schicksalsschläge, die Osterkorn bewältigen musste. "Das alles hat mich damals schwer belastet. Lange Zeit glaubte ich, in meinem Leben das Unglück geradezu gepachtet zu haben." Doch als er anfing, seine Vergangenheit schreibend aufzuarbeiten, entdeckte er darin viele positive Erinnerungen, kleine Momente des Glücks. "Dabei kam ich mir vor wie ein Goldgräber, der aus Sand und Steinen geduldig die Goldkörnchen herauswäscht", berichtet er.

Freundschaft mit Romano Guardini

Seine Ausbildung zum Buchhändler hatte Osterkorn in den Nachkriegsjahren in der Waldbauerschen Buchhandlung seiner Heimatstadt Passau absolviert, bevor er seinen endgültigen Lebensmittelpunkt in München fand. Dort wirkte er Anfang der 1950er Jahre zunächst als Mesner an der Ludwigskirche, wo er den berühmten Theologen und Religionsphilosophen Romano Guardini traf. "Zwischen uns entwickelte sich der Ansatz einer Freundschaft – und eine fast schon spirituelle Nähe durch unsere Seelenverwandtschaft. Wir haben uns nicht nur vor den Gottesdiensten, sondern auch bei meinen Besuchen in seiner Wohnung gerne und intensiv über unsere gemeinsamen Interessen Kunst und Kunstgeschichte ausgetauscht." Die Beschäftigung und die kritische Auseinandersetzung mit dem Glauben zieht sich wie ein roter Faden durch Osterkorns Leben. So restaurierte er über mehrere Monate hinweg ein Holzkreuz aus dem 18. Jahrhundert. Was war der Anlass? "Dieser Prozess war für mich eine Art Offenbarung. Ich habe mich wie ein handwerklicher Entdecker gefühlt, als ich das Kreuz nacheinander von seinen sieben Farbschichten befreite. Ich wollte hinter die Fassade schauen." Heute ist das restaurierte Kreuz der geistige Mittelpunkt in Osterkorns Wohnung im Luise-Kiesselbach-Haus, wo er seit Februar 2020 lebt.

In seinen 27 Jahren in der Münchner Buchhandlung Herder entwickelte er Spezial-und Fachwissen in den Bereichen Theologie, religiöse Literatur und Psychologie. "Wenn die ‚schwierigen Fälle‘ kamen, wurde ich vorgeschickt. Da ging es dann um Buchtipps zur konkreten Lebenshilfe, die mir mit meinen eigenen Erfahrungen leichter von der Hand gingen", erinnert sich Osterkorn. 

Geschrieben hat er bis ins hohe Alter und seine schriftstellerischen Fähigkeiten vor allem in kurzen Geschichten unter Beweis gestellt. Sie sind scharfsinnige Rückblicke auf wichtige Momente seines Lebens, die sehr konzentriert Gefühle, Erkenntnisse, Einblicke gestalten. Gesammelt hat sie Osterkorn in einem kleinen Band mit dem treffenden Titel "Vom kleinen Glück". 

Noch heute betrachte ich es als großes Glück, dass ich mir meinen Traumberuf als Buchhändler wirklich erfüllen konnte.

Martin Osterkorn

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