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alternovum Ausgabe 1/2021

Recht auf Demenz?

Ein Beitrag von Professor Dr. Thomas Klie.

Freiburg / Berlin, 12. April 2021

Es gibt nicht die Pille gegen Demenz – sie wird wohl auch nicht kommen. Auch mit unserer Lebensführung haben wir nur begrenzt Einfluss darauf, Demenz als »Weg aus dem Leben« vermeiden zu können. Wenn wir Demenz nicht heilen können, müssen wir mit Demenz leben lernen. Das gilt individuell, das gilt in Partnerschaften und Familien, in Nachbarschaften und Kommunen, in Einrichtungen wie Seniorenresidenzen, das gilt für die ganze Gesellschaft.

Es ist im Wesentlichen eine kulturelle Leistung, zur Lebensform Demenz eine andere und neue Haltung zu entwickeln, die Demenz als Herausforderung und gesellschaftliches Lern- und Reifungsfeld annimmt. Und es ist eine politische Aufgabe, die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass Menschen mit Demenz, aber auch ihre An- und Zugehörigen zu einem guten Leben mit Demenz befähigt werden.

Gerade in Zeiten von Corona gibt es Anlass dazu, ein menschenrechtlich fundiertes Verständnis von Demenz zu formulieren: Die Rechte von Menschen mit Demenz, sie werden alltäglich verletzt. Und es waren und sind Menschen mit Demenz, die unter den Quarantänemaßnahmen nicht nur gelitten, sondern auch erheblichen gesundheitlichen Schaden genommen haben. Der Krankheitsverlauf beschleunigt sich rapide, wenn Menschen mit Demenz um den Kontakt mit den für sie wichtigen Menschen gebracht werden.

Die Ostracism Forschung belegt, wie schädlich, wenn nicht tödlich, soziale Isolation sein kann. Nicht wenige sind daran gestorben, dass ihre nahen Angehörigen nicht mehr täglich zu ihnen kommen und sie unterstützen konnten bzw durften: Gute Heime und Gesundheitsämter haben dies ermöglicht, ohne den Infektionsschutz zu vernachlässigen. 

Wir brauchen Bilder und Geschichten, die zeigen, dass auch unter Bedingungen von Demenz ein gutes Leben im Sinne von Martha Nussbaum möglich ist – und dass wir alle dazu beitragen können. Das gilt für die Betroffenen, das gilt für ihre An- und Zugehörigen, für Freunde und Nachbarn sowie für die Gesellschaft insgesamt. Demenz ist und wird immer mehr zu einer Erscheinung des Lebens in unseren Städten und Dörfern. Demenz als Lebensform ist, wie Rainer Marten (Marten, 2016) es aus philosophischer Perspektive formuliert, eine Form gemeinschaftlichen Lebens. 

Auch die Gesellschaft hat Erfahrungen zu sammeln und neu zu lernen, wie ein Leben mit Hochbetagten und speziell mit Menschen mit Demenz zu teilen ist. Wenn jeder Mensch Subjekt der Würde ist, die Würde des Menschen nicht an Leistungsfähigkeit gebunden ist, sondern zum Wesenskern des Menschen gehört, dann macht der Achtungsanspruch von Menschen nicht Halt vor der Demenz. Dies so zu sehen, ist eine der wesentlichen kulturellen Leistungen unserer Gesellschaft.

Menschliche Würde ist nicht essentialistisch, sie ist eine Sache der Praxis. Wie Rainer Marten es formuliert, hat Kant die Bestimmung der Menschenwürde auf den falschen Weg gebracht, indem sie für ihn (nur) in der reinen, durch keinen Affekt beeinflussten Vernunft gegeben war. Nichts aber hat aus sich heraus Würde und Wert, nicht einmal Gold. 

Zu Würde und Wert gehört die Schätzung, eben die positive (Be-)Wertung und Würdigung. Würde wird erlebbar, geschieht im sozialen Miteinander – als Würdigung. Würde ereignet sich in sozialer Interaktion. Verstehen wir ein Leben mit Demenz als Lebensform, würdigen wir Menschen mit Demenz und realisieren wir diese Würdigung in unserer Lebensteilung, dann ist dies Ausdruck einer Anerkennung eines Lebens mit Demenz.

In einer bunten Gesellschaft, in einer Gesellschaft, in der niemandem die Würde abgesprochen werden darf, gibt es ein Recht auf Demenz – eben als Lebensform. Dieses Recht auf Demenz bleibt nicht allein appellativ, es fordert alle: Familien, Freundeskreise, Nachbarn, Wohnstifte – aber auch den Staat in seiner Verantwortlichkeit für den wirksamen Schutz von Menschenrechten und der Sicherung von Bedingungen, die Teilhabe ermöglichen.
 

Thomas Klie

Der Autor dieses Beitrags, Prof. Dr. Thomas Klie, ist Professor für öffentliches Recht und Verwaltungswissenschaft an der Evangelischen Hochschule Freiburg, Privatdozent an der Universität Klagenfurt, Rechtsanwalt in Freiburg und Berlin, zudem Institutsleiter von AGP Sozialforschung, als auch Leiter des Zentrums für zivilgesellschaftliche Entwicklung in Freiburg und Berlin. 

Die Forschungsschwerpunkte des Rechtswissenschaftlers liegen in der sozialen Gerontologie und Pflege, Zivilgesellschaft, Rechtstatsachenforschung. Er gilt als einer wichtigen Sozialexperten in Deutschland. Unter anderem brachte er seine Expertise ein als Mitglied der 6. und 7. Altenberichtskommission der Bundesregierung und als Vorsitzender der 2. Engagementberichtskommission der Bundesregierung.

Wenn jeder Mensch Subjekt der Würde ist, die Würde des Menschen nicht an Leistungsfähigkeit gebunden ist, sondern zum Wesenskern des Menschen gehört, dann macht der Achtungsanspruch von Menschen nicht Halt vor der Demenz.

Prof. Dr. Thomas Klie

Literaturhinweis:
Thomas Klie
Recht auf Demenz
Ein Plädoyer
Hirzel-Verlag 2021
ISBN 978-3-7776-2901-8

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