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Thea Dorn zum Dialog im KWA Stift im Hohenzollernpark in Berlin
alternovum Ausgabe 2/2020

Thea Dorn: "Mich über Entschleunigung zu freuen, muss ich mir erst einmal leisten können"

KWA EXKLUSIV-INTERVIEW – Das Gespräch führte Reinhard von Struve.

Berlin, 25. Juni 2020

Frau Dorn, man hört jetzt von vielen Seiten, dass die Corona-Krise doch eine Gelegenheit zur Entschleunigung, zum Innehalten sei. Können auch Sie der Situation etwas Positives abgewinnen? 

Ich selbst kann die Erleichterung, nicht mehr permanent durch die Gegend hetzen zu müssen, gut nachvollziehen. Außerdem zwingt uns die Krise, hinter unserem gewohnten Konsum- und Urlaubsverhalten ein paar Fragezeichen zu machen. Trotzdem ärgert es mich, wenn einige meiner Autoren- oder Philosophenkollegen meinen, das Hohe Lied auf die Corona-bedingte Entschleunigung anstimmen zu müssen. Es ist einem freien, mündigen Menschen doch unbenommen, über seinen Lebensstil auch vorher nachzudenken, anstatt zu sagen: Ich bin ja so gefangen in meinem Hamsterrad, ich kann nicht anders, als immer weiter zu rennen. Muss ernsthaft die halbe Welt in einen Lockdown versetzt werden, damit ich anfange, nachzudenken? Das ist nicht mein Verständnis von einem reflektierten Leben. Außerdem muss ich es mir erst einmal leisten können, mich über die Entschleunigung zu freuen. In den Ohren eines Freiberuflers, der nicht mehr weiß, wovon er in ein paar Monaten seine Miete zahlen soll – oder jetzt schon bankrott ist – sind solche Reden der blanke Zynismus. Auch die Bewohner von Altersheimen und Seniorenresidenzen, die ihre Kinder und Enkel monatelang nicht sehen konnten, werden mit diesem Lob der Entschleunigung wenig anfangen können.

Könnte es trotzdem sein, dass wir Menschen miteinander und mit der Welt künftig anders umgehen als vor Corona?

Ich würde mir wünschen, dass uns die Krise klarmacht, dass nicht einmal die hoch technologisierte Menschheit alles unter Kontrolle bringen kann; dass wir neu lernen, mit dem Ungewissen zu leben, ohne die Nerven zu verlieren; dass wir das Gefühl unserer Verletzlichkeit in Mitgefühl verwandeln. Allerdings habe ich den Eindruck, dass sich die reale Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung bewegt: Die Corona-Pandemie dürfte wie ein Katalysator wirken für Digitalisierung, für Überwachung, für ein noch rigideres Gesundheits- und Hygiene-Bewusstsein. Für Spontaneität, für ursprüngliche, unmittelbare Lebenslust bleibt dann irgendwann nicht mehr viel Raum.

Welche Folgen müssen speziell Künstler durch die Pandemie tragen? 

Auch hier zeigt sich der Beginn einer Zwei-Klassen-Gesellschaft: Alle, die in einem festen Engagement sind, haben die Krise bislang – zumindest in ökonomischer Hinsicht – vergleichsweise unbeschadet überstanden. Ganz anders sieht es bei der Mehrheit der Künstler aus, die – wie man neuerdings sagt – „Soloselbständige“ sind. Ein zweiter Riss verläuft zwischen den Künstlern, die still und allein in ihren Kämmerlein kreativ sein können, wie etwa Schriftsteller oder Maler, und denjenigen, die für ihre Kunst eine Bühne, ihre Orchester- oder Chorkollegen brauchen. Viele meiner Freunde arbeiten am Theater oder sind Musiker. Denen wurde durch die Lockdown-Maßnahmen komplett der Boden unter den Füßen weggezogen.

Also wird die Kultur nachhaltige Schäden davontragen?

Diese Frage lässt sich momentan noch nicht beantworten. Nach den Weltkriegen sollen die Berliner ihre kostbaren Kohlen ins Theater getragen haben, damit dort geheizt und also wieder gespielt werden konnte. Die meisten Menschen haben damals ganz real gehungert – und trotzdem gab es etliche, die noch hungriger auf Theater, auf Kultur gewesen sind. Jetzt hat die Politik entschieden, dass Kultur nicht „systemrelevant“ ist. Der Protest gegen diese Einschätzung fiel erschreckend leise und schwach aus. 

Ist Literatur in diesen Zeiten für Sie Lebenshilfe und Trost?

Als der Lockdown anfing, habe ich an mir selbst die Beobachtung gemacht, dass ich keine wirkliche Konzentration zum Lesen aufgebracht habe. Die Verunsicherung, was da auf uns zukommt, war einfach zu groß. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich selbst verrückt mache, wenn ich alle paar Minuten auf irgendeinen Bildschirm schiele, um zu sehen, welche schlimmen Corona-Nachrichten jetzt wieder hereingekommen sind. Ich habe mich an die Feststellung von Ernst Jünger aus dem Jahr 1951 erinnert, dass bereits das Bedürfnis, mehrere Male am Tag Nachrichten aufzunehmen, ein Zeichen von Angst sei. Jüngers Warnung vor panikverbreitenden und panikverdichtenden „Netzen“, die „mit dem Blitz wetteifern“ und eines Tages die ganze Welt umspannen werden, ist ja erschreckend prophetisch. Also habe ich beschlossen, mich zum Lesen und Schreiben zu zwingen – und das war in der Tat Trost und Befreiung für mich.

Planen Sie, die Corona-Krise literarisch zu verarbeiten?

Nicht unmittelbar. Ich fürchte mich jetzt schon vor den Dutzenden von Corona-Tagebüchern und Seuchen-Romanen, die demnächst erscheinen dürften. Mich treibt die Frage um, wie wir hoch technologisierten, kontrollsüchtigen Menschen es schaffen können, unseren Frieden mit dem Unkontrollierbaren, dem Ungewissen und letztlich mit unserer Sterblichkeit zu machen. Diese Frage hat mich schon in meinem letzten Roman „Die Unglückseligen“ beschäftigt – und ich merke, dass sie mir keine Ruhe lässt. Außerdem will ich versuchen zu begreifen, was es über unsere Zeit erzählt, dass sich vor allem bei jüngeren Menschen eine merkwürdige kulturelle Geschichtsverachtung durchzusetzen beginnt, nach dem Motto: Warum soll ich einen alten, sexistischen Schinken wie „Faust“ noch zur Kenntnis nehmen, da sind wir doch heute, was das Geschlechterverhältnis angeht, viel weiter. Diese Bereitschaft, Werke aus der Kunstgeschichte entsorgen zu wollen, weil sie – vermeintlich – die heutigen moralischen Standards verletzen, finde ich eine sehr befremdliche und beunruhigende Tendenz. Irgendwie habe ich den Verdacht, dass die beiden Themen „Sterblichkeitsverdrängung“ und „Geschichtsverachtung“ viel miteinander zu tun haben.

In dem Familienroman „Effingers“ von Gabriele Tergit, den Sie im Stift im Hohenzollernpark vorgestellt haben, werden die Epochenbrüche von den Gründerjahren über die Weimarer Republik bis zum Nationalsozialismus geschildert. Gibt es Parallelen zu heute?

Eine Gemeinsamkeit zwischen den Epochen bzw. Etappen, in denen sich damals das Unheil zusammengebraut hat, und heute, fällt auf. Auch wir leben in einer Zeit beschleunigter Entwicklungen. Die technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen haben gewaltig an Fahrt aufgenommen. Menschen erfahren Entwurzelung, Vergangenes wird in der neuen Welt wenig wertgeschätzt, der alte Rhythmus geht verloren, vertraute Produktionsabläufe verschwinden, es herrscht eine Art Fortschrittswut. Auf der anderen Seite klammern sich immer mehr Menschen krampfhaft an ihre Wurzeln. Es kann für Gesellschaften heikel werden, wenn die Auseinanderdrift zu stark wird zwischen denjenigen, denen das Veränderungstempo zu hoch ist, und denjenigen, denen es nicht schnell genug gehen kann. 

Was hat Sie in den vergangenen Monaten am meisten berührt oder erschreckt? 

Am niederschmetterndsten fand ich die Berichte von Bekannten, die während des Lockdowns enge Freunde oder Angehörige verloren haben – sei es durch Covid-19 oder durch andere schwere Krankheiten – und denen verboten wurde, ihre Liebsten im Krankenhaus in den letzten Tagen und Stunden zu begleiten. Mir ist bewusst, dass es hier ein dramatisches Dilemma gibt und dass man die Infektionsgefahr nicht verharmlosen kann. Dennoch: Sterbende zur Isolation zu verdammen, ist für mich ein Gipfel der Unmenschlichkeit.

Die Corona-Pandemie dürfte wie ein Katalysator wirken für Digitalisierung, für Überwachung, für ein noch rigideres Gesundheits- und Hygiene-Bewusstsein.

Thea Dorn

Thea Dorn

Die Autorin und Kritikerin Thea Dorn wurde 1970 in Offenbach am Main geboren, studierte Philosophie und Theaterwissenschaft in Frankfurt, Wien und Berlin. Erste Karriereschritte machte sie als Dramaturgin am Schauspielhaus Hannover und Dozentin an der FU in Berlin, wo sie heute lebt. Inzwischen hat Dorn fast zwanzig Romane, Sachbücher, Theaterstücke sowie Drehbücher für TV-Tatorte geschrieben und dafür mehrere Preise gewonnen. Seit 2003 moderiert sie Büchersendungen im Fernsehen, seit März 2020 das Literarische Quartett im ZDF.  Im Juni 2020 beantwortete sie beim Dialog im KWA Stift im Hohenzollernpark Fragen zum Zeitgeschehen – und hier nun auch für Alternovum.

Mich treibt die Frage um, wie wir hoch technologisierten, kontrollsüchtigen Menschen es schaffen können, unseren Frieden mit dem Unkontrollierbaren, dem Ungewissen und letztlich mit unserer Sterblichkeit zu machen.

Thea Dorn

Thea Dorn zum Dialog im KWA Stift im Hohenzollernpark in Berlin

Es herrscht eine Art Fortschrittswut. Auf der anderen Seite klammern sich immer mehr Menschen krampfhaft an ihre Wurzeln. Es kann für Gesellschaften heikel werden, wenn die Auseinanderdrift zu stark wird zwischen denjenigen, denen das Veränderungstempo zu hoch ist, und denjenigen, denen es nicht schnell genug gehen kann.

Thea Dorn

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