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alternovum Ausgabe 2/2022

Welfenprinzessin Sophie Charlotte in Pyrmont

Die historische Figur und KWA-Kundenbetreuerin Christiane Reese verschmelzen, wenn Letztgenannte als Mitglied des Vereins „Pyrmonter Fürstentreff“ in ein ganz besonderes Gewand schlüpft. – Ein Beitrag von Sieglinde Hankele.

Bielefeld / Bad Pyrmont, 10. September 2022

Tagsüber kümmert sich Christiane Reese im KWA Caroline-Oetker-Stift in Bielefeld um Bewohner und Interessenten. Sie informiert über die Angebote des Hauses, berät, beantwortet Fragen, organisiert und betreut Veranstaltungen und so manches mehr. Dabei bewahrt sie auch in schwierigen Situationen „Contenance“, strahlt große Ruhe und Souveränität aus.

Genau diese Wesenszüge waren ausschlaggebend dafür, dass man ihr vor 16 Jahren im Verein „Pyrmonter Fürstentreff“ die Rolle der Welfenprinzessin zuwies. Vielleicht auch das Aussehen, die Figur, die Haltung. Damals arbeitete sie in Bad Pyrmont, war dort vielen bekannt. Tatsächlich kam der Vereinsvorstand auf sie zu und fragte, ob sie nicht mitmachen wolle, wenn im Frühjahr Picknicks von Adeligen nachgestellt werden oder im Sommer der historische Fürstentreff oder wenn am „Goldenen Sonntag“ beim ältesten Lichterfest Deutschlands flaniert und getanzt wird. Sie wollte. Christiane war schon immer sehr an Geschichte interessiert und vom Verein begeistert. 
 

Über den Fürstentreff und die Welfenprinzessin

Was hat es eigentlich mit dem „Fürstentreff“ auf sich? 1861 konnte Graf Georg Friedrich von Waldeck dank seines großen politischen Ansehens vierzig fürstliche und königliche Persönlichkeiten, darunter vierundzwanzig regierende Häupter, für ein Treffen in Pyrmont gewinnen. Dies ging als „Fürstensommer“ in die Geschichte ein. 

Über die Welfenprinzessin Sophie Charlotte von Hannover, die 1684 mit dem Kurprinzen Friedrich von Brandenburg verheiratet wurde und trotz dieser „Malaise“ etwas aus ihrem Leben machte, sogar preußische Königin wurde, weiß Christiane wirklich alles. Und diesen Anspruch hat der Verein: Wenn Besucher einer Veranstaltung etwas über die jeweilige historische Persönlichkeit wissen möchten, sollen sie vom Darsteller kompetente Antworten bekommen. 
 

Über historische Gewänder und Accessoires

Die Kleidung ist historischen Gewändern nachgeschneidert, die auf Bildern in Schlössern oder Museen zu sehen sind. Die Perücken entsprechen ebenfalls den Darstellungen auf Gemälden und dem Wissen, das man darüber hat. Der Verein hat heute Gewänder zu allen für Bad Pyrmont bedeutsamen historischen Epochen. Christianes Gewand ist dem Rokoko zuzurechnen. 

Da der Verein viele preußische Adlige darstellt, leiht man sich zum großen Fest fehlende Kostüme und Perücken bei den Babelsberger Filmstudios, auf Basis einer Kooperation. Brillen, Uhren, Nagellack und Schmuck unserer Zeit sind bei Auftritten verpönt. Alles soll möglichst authentisch sein. Eine Glasmanufaktur fertigt für den Verein Diademe und Colliers nach historischem Vorbild. 

Christiane Reese liebt den historischen Damenwalzer

Nun jedoch zum Allerwichtigsten, den höfischen Tänzen, die der Verein aufführt: die Quadrille, die Referenz, den Damenwalzer und die Hornpipe. Einmal pro Woche wird in der Saison geübt. Die Choreografien hat u. a. eine ehemalige Tanzlehrerin erstellt und auch die passende Musik dazu geschnitten, die beim Üben und bei Aufführungen aus Lautsprechern tönt. Alte Musik natürlich, die von Klassik-Profis eingespielt wurde. 

Christiane gehört zur festen Besetzung des Damenwalzers, der über sechseinhalb Minuten geht, sehr schnell getanzt wird und ziemlich anspruchsvoll ist. Sehr attraktiv sind auch die „Referenz“ und „Quadrille“, die man als Huldigungen bezeichnen kann. Da werden in Karees parallel zueinander unterschiedliche Formationen aufgeführt, alles ist aufeinander abgestimmt. Auch für Tänze in Reihe mit synchron ausgeführten Schritten gibt es meist großen Applaus, weil es im Zusammenspiel mit den schwingenden Kleidern und den kunstvollen Schuhen wirklich ein malerischer Anblick ist. Apropos Schuhe. Christiane trägt Schuhe, die optisch von Originalen kaum zu unterscheiden sind, jedoch deutlich besseren Halt bieten.

 

Warum es im Verein keinen Sonnengott gibt

Das „Picknick“ der „Adeligen“ fand dieses Jahr am 1. Maiwochenende statt. „Da benehmen wir uns genau so, wie es bei Hofe und in adligen Kreisen üblich war. Wir sitzen auf Hockern und lassen uns Obst, Käse, Wein und Pralinées reichen“, berichtet Christiane.

Der große Sonnenkönig Ludwig IX. war übrigens ein „Snob“, kam nie nach Pyrmont. Der Ort schien ihm zu unbedeutend. Und so muss er nun ertragen, dass keiner im Verein ihn darstellt. Ausschließlich historische Persönlichkeiten, die zumindest einmal in Pyrmont waren oder dort gelebt haben, kommen zu dieser Ehre. Sophie Charlotte war drei Mal zu Gast, ist sicherlich so ähnlich durch den Kurpark flaniert, wie es heute Christiane bisweilen tut.

Am sommerlichen Umzug zum Fürstentreff nehmen rund 300 Personen in historischen Gewändern teil, auch der Bad Pyrmonter Bürgermeister – und etwa 200 Vereinsmitglieder, vom Kleinkind im Kinderwagen bis hin zu einer 90-Jährigen, die das Eintauchen in die Geschichte immer noch liebt.

 

Über den Auftritt im Stiftspark und einen Weltrekord

Ein Engagement, an das sich Christiane gerne erinnert: Ein Auftritt im Park des Caroline Oetker Stifts anlässlich des Tags der offenen Gartenpforte im Jahr 2015. „Die Bewohnerinnen haben sich natürlich für die Kleider und Accessoires interessiert, aber auch über die Tänze gestaunt“, sagt Christiane. 

Genauso gerne denkt Christiane an ein Ereignis zurück, mit dem der Verein ins Guinness Buch der Rekorde kam: Im Bad Pyrmonter Kurpark wurde eine Tafel mit 999 Gedecken aufgebaut und alle mit Kaffee und Kuchen versorgt, die sich dort niederließen. Christiane war selbstverständlich als Sophie Charlotte unterwegs. Beachten Sie im Video „Mit Sammeltassen zum Weltrekord“ insbesondere Minute 3:48. 

„Bei aller Ernsthaftigkeit, mit der wir der Darstellung historischer Figuren nachgehen, sind wir eine herzige und bunte Gemeinschaft“, betont Christiane. Es gebe keinerlei Standesdünkel. Sie hat verschiedene Tanzpartner; im richtigen Leben Osteopat, Beamter oder Akustiker – so tanzt Christiane im Verein mit dem Russischen Popen, Fürst zu Waldeck und Pyrmont, Leibarzt Hufeland oder König Friedrich Wilhelm II. 

Christianes Lebenspartner unterstützt den Verein bei Auftritten übrigens im Hintergrund, kümmert sich mal um die Technik, filmt Tanzauftritte, hilft beim Aufbau oder ist als Retter mit Regenschirm im Einsatz.
 

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