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alternovum Ausgabe 1/2021

Abitur 1943 in Berlin

Erinnerungen von Dr. Ursula Wachtel.

Berlin, 02. April 2021

Die mitunter etwas bizarren Diskussionen um das Abitur 2020 und andere Abschlussprüfungen brachten mir wiederholt die Erinnerungen an das Abitur Anfang 1943 mitten im Zweiten Weltkrieg zurück.

Kurz vor den schriftlichen Prüfungen hatte es einen Fliegerangriff mit Brandbomben gegeben, einige Häuser unserer Straße brannten lichterloh, schreiende und weinende Menschen irrten umher, der Dachstuhl unseres Nebenhauses stand in Flammen. Durch eine lange Kette mit Wassereimern konnten wir das Übergreifen des Feuers auf unser Haus verhindern.

Wir mussten viele Abende und manchmal auch Nächte im Luftschutzkeller verbringen. In der Schule war es kalt wegen des Mangels an Heizmaterial, es gab Schichtunterricht, manchmal vormittags, manchmal nachmittags. Um das Lernpensum zu bewältigen, gab es viele Hausaufgaben. Aber zu Hause war es auch kalt. Und dennoch gingen die schriftlichen Prüfungen irgendwie vorbei. Es gab offensichtlich keine besonders erinnerungswürdigen Vorkommnisse.

Aber einen Tag vor der mündlichen Prüfung stand plötzlich ein „Landser“ vor unserer Tür, ein älterer Mann in einer Wehrmachtuniform, die viel zu groß für ihn war. Im Auftrag einer Kommandantur sollte er uns mitteilen, dass mein Vater bei einem Artillerieangriff der Russen schwer verletzt worden war. Man hatte meinen Vater als Reserveoffizier wegen seiner russischen Sprachkenntnisse eingezogen und an die sogenannte „Ostfront“ geschickt. Wir waren fassungslos, meine Mutter weinte den ganzen Tag. Am nächsten Morgen machte ich mich als kleines Häufchen Unglück auf den Weg in die Schule und versuchte während der Prüfung verzweifelt meine Angst auszublenden, die Angst um meine Eltern, vor unserer Zukunft, die Angst vor dem immer grausamer werdenden Krieg.

Traditionell versammelten sich alle Schülerinnen am 10. März in der großen Aula – dem Geburtstag der Königin Luise und Namensgeberin unserer Schule – um die Abiturientinnen zu verabschieden. Endlich wurde ich aufgerufen, mein Zeugnis in Empfang zu nehmen. Trotz aller Probleme: Note sehr gut.

Kurze Zeit später erhielt meine Mutter Fahrkarten und Lebensmittelmarken für einen Besuch meines Vaters in einem Lazarett in Ulm. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.


Copyright: Dr. Ursula Wachtel

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